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Wal im Meer
© Anonymous

Plastik im Meer

Jede Minute landet auf der ganzen Welt Plastik in der Größe einer Müllwagenladung in den Ozeanen. Die Weltmeere leiden zunehmend darunter sie sind zur Mülldeponie geworden.

 

Plastik im Meer - auch am Great Barrier Reef

Krank und schwach sah sie aus, als man sie am Strand von Phuket fand. Sie wog nur drei Kilo und sah von außen unverletzt aus. Doch ein Röntgenbild offenbarte ihr Leid: Im Körper der jungen, grünen Meeresschildkröte entdeckten Tierärzte 158 Müllstücke. Es war hauptsächlich Plastikmüll - Plastiktüten, Plastikteilchen und Hartplastik - das die Schildkröte in den verschmutzten Gewässern vor Phukets Küste geschluckt hatte. Und der jetzt ihren Magen und ihren Darm verstopfte. Die Diagnose: kompletter Darmverschluss. Wäre sie nicht gefunden worden, die Meeresschildkröte wäre vermutlich qualvoll gestorben.[1]  

 

Es sind Bilder wie von dieser Schildkröte, die uns nicht mehr aus dem Kopf gehen und die uns zeigen, was unser Plastikmüll für einen Schaden in den Ozeanen anrichtet. Jede Minute landet Plastik in der Größenordnung einer Müllwagenladung im Meer. Und das seit Jahrzehnten. 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff wurden seit Anfang der 50er-Jahre weltweit produziert, davon sind mehr als 75 Prozent heute Abfall.[2] Und der wird täglich mehr. Denn das Plastik, das in all der Zeit den Weg ins Meer fand, ist bis heute da: Es verrottet nicht. Es zerfällt nur in immer kleinere Teile. Plastiktüten, Ketchup-Flaschen oder Joghurtbecher brauchen bis zu 400 Jahre, um sich aufzulösen.

Am Ende landet Plastik wieder auf unseren Tellern

 

Und es kommt immer neuer Plastikmüll dazu: Jedes Jahr produzieren Menschen weltweit über 400 Millionen Tonnen Kunststoffe, Tendenz steigend[1]. Aus dem Großteil entstehen Verpackungen und Einwegprodukte, die weniger als fünf Minuten lang genutzt werden – Wegwerfbecher, Einwegbesteck, Styroporschalen und vieles mehr. Etwa die Hälfte aller Kunststofferzeugnisse landet nach weniger als einem Monat im Müll[2] – und der gelangt vom Land in die Ozeane, neun Millionen Tonnen Plastik insgesamt, jedes Jahr.[3] Flüsse und Bäche transportieren den Müll bis an die Küsten.

 

Doch Plastik verschmutzt nicht nur Strände und Uferbereiche. Es ist überall, auch dort, wo das menschliche Auge es nicht mehr sehen kann. Selbst unser Abwasser ist voll davon: Viele Kosmetikprodukte enthalten Plastikgranulate oder flüssiges Plastik. Das soll die Konsistenz von Peelings, Cremes und Shampoos verbessern. Die Mikroplastik-Partikel sind mit dem bloßen Auge oft nicht zu erkennen. Sie sind so klein, dass sie auch nicht aus dem Wasser herausgefiltert werden können. Über das Abwasser gelangen sie schließlich ins Meer. Dort angekommen, lassen sich die Kunststoffe nicht wieder entfernen. Häufig heften sich noch zusätzliche Umweltgifte an den Plastikkrümeln fest. Plankton, Muscheln, Garnelen und Speisefische verwechseln die winzigen Partikel mit Nahrung und fressen sie. So landet das Mikroplastik irgendwann wieder auf unseren Tellern[4].

 

Der Plastikmüll im Meer hat auch Auswirkungen auf die Klimakrise

 

Im Meer gefährdet der Plastikmüll viele Organismen des marinen Ökosystems (Link Navigation – Biodiversität): Seeschildkröten etwa halten Plastiktüten für Quallen. Einmal verschluckt, verstopft das Plastik den Darm und verursacht innere Verletzungen und Entzündungen. Die Schildkröten verenden auf elende Weise, sie verhungern mit vollem Magen. Auch in den Mägen von gestrandeten Walen stoßen Forscher:innen immer wieder auf Tüten, Verpackungen, Fischernetze und anderen Plastikmüll. Vögel, Robben, Delfine und andere Meerestiere verheddern sich in verlorengegangenen Fischernetzen, sogenannten „Geisternetzen“. Viele Tiere können sich nicht mehr aus den Netzen befreien, sie ersticken oder verhungern langsam und qualvoll. Auf Helgoland zum Beispiel strangulieren sich Basstölpelküken regelmäßig an Plastikfäden aus der Fischerei, die die Elternvögel für den Nestbau aus dem Meer holen.[5]

 

Am Ende zerreiben Salzwasser, Wellen und UV-Strahlung den Kunststoff in winzige Splitter, Fasern und Fetzen – sogenanntes sekundäres Mikroplastik. Dabei entweichen nicht nur giftige Inhaltsstoffe wie Weichmacher und Flammschutzmittel ins Meer. Die Mikroplastik-Partikel im Wasser ziehen auch Schadstoffe aus der Industrie und Landwirtschaft an. [6] Das hat auch Auswirkungen auf die Klimakrise. Denn Meerestiere wie Plankton nehmen das Mikroplastik im Wasser auf. So gelangen die Schadstoffe in die Nahrungskette und verbleiben langfristig im Meer. Die Folge: Die Ozeane versauern schneller, können weniger CO2 aufnehmen, und gleichzeitig weniger Sauerstoff produzieren.

 

Deutschland trägt einen großen Teil zur Verschmutzung bei

 

Greenpeace warnt schon seit Jahren vor der zunehmenden Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll (Link Navigation – Meeresschutz). Doch bis heute hat sich die Situation nicht verbessert. Im Gegenteil: In den letzten 50 Jahren ist die Plastikproduktion explosionsartig angestiegen[7] – und mit ihr die Müllberge in den Ozeanen. Sie sind inzwischen zu einer riesigen Müllkippe verkommen. Schätzungen zufolge verschmutzen gegenwärtig über 150 Millionen Tonnen[8] Plastikabfall die Weltmeere, und zwar überall: im Meereis der Arktis, in den Korallenriffen, an den Stränden der Tropen.

 

Die Strömungen in den Ozeanen tragen das Plastik rund um die Welt. So lange, bis das Wasser es irgendwann zurück an die Küste spült oder es in riesigen Müllstrudeln in den Meeren zirkuliert. Der größte bekannte Müllstrudel ist der „Great Pacific Garbage Patch“ im Nord-Pazifik. Er wurde 1997 entdeckt und hat inzwischen die Größe von Mitteleuropa.[9] 80 Prozent des angesammelten Mülls stammt vom Land[10] und wird über die Flüsse ins Meer gespült. Der Rest kommt von Schiffen, die ihre Abfälle achtlos über Bord werfen.[11]

 

Es braucht gesetzliche Regelungen, um die Plastikschwemme einzudämmen

 

Was manche auf den ersten Blick vielleicht nicht vermuten würden: Ausgerechnet Deutschland, das Land, sich immer wieder als „Recycling-Weltmeister“ rühmt, trägt einen großen Teil zur Verschmutzung bei. Rund ein Viertel des europäischen Plastikverbrauchs geht allein auf das Konto der Deutschen. Und nicht alles davon wird fachgerecht entsorgt.[12] Noch immer wird zu wenig recycelt und wiederverwertet. Das traurige Ergebnis: Zwischen unserem Plastikverbrauch und dem entstehenden Abfall klafft eine Lücke von rund vier Millionen Tonnen pro Jahr.[13] Wo also landet dieser Rest, wenn er nicht recycelt oder verbrannt wird? Dieses Problem ist seit Jahren bekannt. Doch geändert hat sich bisher kaum etwas.[14]

 

Stattdessen steigen die Plastikmüllberge kontinuierlich an, nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Jeden Tag werden allein ins Mittelmeer 730 Tonnen Abfälle gekippt, warnte das Europäische Parlament im Frühjahr 2021.[15] Das entspricht mehr als 260.000 Tonnen im Jahr. Der größte Teil besteht aus Plastikmüll. Weltweit ist die Lage noch dramatischer. Forscher:innen warnen: Wenn die Plastikschwemme nicht gestoppt wird, schwimmt bis zum Jahr 2050 mehr Plastik in den Meeren als Fische (in Gewicht).[16]

 

Klar ist: Wenn wir die Plastikflut eindämmen wollen, brauchen wir gesetzliche Regelungen. Erste Schritte in diese Richtung sind getan. Doch es reicht noch lange nicht. „So wie wir eine Verkehrswende brauchen, brauchen wir auch eine Verpackungswende“, sagt Viola Wohlgemuth von Greenpeace. „Wir müssen weg vom Single-Use – wir müssen hin zu einer Mehrweggesellschaft. Und das müssen wir einfach durch Gesetze schaffen.“[17]