Porträt Niklas Schinerl

Erneuerbare - ein Jobmotor

Niklas Schinerl arbeitet seit 2007 bei Greenpeace als Kampaigner für Erneuerbare. „Der Bedarf an sauberem Strom wächst rasant“, sagt er. „Höchste Zeit für die Energiewende.“
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• 1976 im österreichischen Linz geboren
• studierte Philosophie
• betreut in seiner Freizeit das Wiener Plattenlabel „LasVegas Records“
• seit 2007 bei Greenpeace (2012 Greenpeace Deutschland) als Kampaigner für Energiepolitik und Erneuerbare Energien

Ein Philosoph im Greenpeace-Energieteam? Niklas Schinerl erntet oft erstaunte Reaktionen, wenn er von seiner Vita erzählt. „Ich empfehle jedem, mal ein paar Semester Philosophie zu studieren“, sagt er, „einfach um querzudenken und den Horizont zu erweitern.“ Seit der Studienzeit engagiert sich der Querdenker politisch. In der Österreichischen Hochschülerschaft kämpfte er unter anderem gegen Studiengebühren und Diskriminierung, später im Bundesjugendring mobilisierte er Jungwähler für die Europawahl – und entdeckte dabei seine Lust, Kampagnen zu entwickeln. Nachdem sich Schinerl in der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ gegen die Pelzindustrie eingesetzt hatte, bewarb er sich 2007 bei Greenpeace als Energie-Kampaigner. Wieder thematisches Neuland. „Im Vorstellungsgespräch meinte mein späterer Chef: ,In Inhalte kann man sich einarbeiten, aber ein Kampaigner ist man – oder halt nicht‘“, erzählt er schmunzelnd. Nach zehn Jahren Greenpeace hat er sich inzwischen gut eingearbeitet ...

Polen hält an Kohle fest

Von Wien aus arbeiteten Niklas Schinerl und sein Team daran, die Energiewende daheim und in vielen weiteren Ländern Europas voranzutreiben. Beispielsweise machten sie sich in der Slowakei, in Tschechien und Italien gegen den Irrweg Atomkraft stark – in Italien sogar erfolgreich: „Nach Fukushima wählte das Volk die Atomkraftpläne des damaligen Premiers Silvio Berlusconi ab.“ Speziell osteuropäische Staaten erwiesen sich als harte Nüsse. Schinerl: „Umweltbewusstsein ist dort noch unterentwickelt und der Strommarkt nur teilweise liberalisiert. Beispiel Polen: Die mächtigen Stromkonzerne sind eng mit der Regierung verknüpft, und die hält an der klimaschädlichen Kohle fest. Man brauche sie, um unabhängig von Russlands Gas zu bleiben, heißt es. Dabei schaffen nur die Erneuerbaren echte Unabhängigkeit.“ Mit Projekten wie Solaranlagen auf Schuldächern konnte Greenpeace immerhin regional wichtige Impulse setzen.

Beeindruckt von der Anti-Kohle-Kette

2012 wechselte Niklas Schinerl von der Donau an die Elbe. Auch bei Greenpeace Deutschland bekam er es wieder mit den polnischen Nachbarn zu tun, beide Länder verbindet eine „Problemzone“: das Lausitzer Braunkohlerevier. Braunkohle ist nicht nur ein Klimakiller – der Tagebau zerstört Landschaften und Dörfer. Oft denkt Schinerl an die kilometerlange Anti-Kohle-Kette im Sommer 2014 zurück, als rund 7.500 Protestler aus halb Europa die bedrohten Dörfer Grabice und Kerkwitz verbanden: „Ich war als Moderator mit Megaphon entlang der Kette unterwegs und völlig baff von dem enormen Widerstand! Der Kohleausstieg ist nach dem Atomausstieg zum zentralen Umweltthema geworden, das die Menschen bewegt. Auch die Aktionen unserer Gruppen gegen einzelne Kraftwerke waren erfolgreich, etliche Neubaupläne wurden verworfen“, freut sich der Energie-Experte.

„Studienrat Schinerl“

Gegen etwas zu sein, reicht natürlich nicht. Schinerl sieht es als seine Hauptaufgabe an, Lösungen zu entwickeln und diese mit wissenschaftlichen Studien zu untermauern. „Meine Kollegen schimpfen mich schon ,Studienrat‘, weil ich derart viele Studien betreue“, verrät er amüsiert. Um das Potenzial der Erneuerbaren als Jobmotor herauszustellen, beauftragte Greenpeace 2013 das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung mit dem Thema „Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien“. Eines der Ergebnisse in Kürze: Schon 2012 waren rund 378.000 Menschen in der Branche tätig, bis 2030 werden bei engagiertem Ausbau Zehntausende neue Jobs erwartet.

Anderes Beispiel: Die Agentur Energy Brainpool untersuchte 2015 für Greenpeace die „Auswirkungen eines partiellen Kohleausstiegs“. Es kam heraus, dass Deutschland 35 alte dreckige Kraftwerke sofort abschalten könnte – ohne eine Versorgungslücke zu riskieren oder die Verbraucher mit nennenswerten Preiserhöhungen zu belasten. „Kohlekraftwerke verstopfen mit ihrer Grundlast die Netze, schon deshalb blockieren sie die Energiewende“, erklärt Schinerl. „Der Plan“ heißt die vielleicht wichtigste Greenpeace-Publikation zum Thema: Das Konzept zeigt auf, wie wir unseren Energiebedarf bis 2050 schrittweise vollständig aus Sonne, Wind und Co. decken können.

Stromfresser Internet

„Der Bedarf an sauberem Strom wächst rasant“, sagt Niklas Schinerl, „wir brauchen ihn zum Betanken von Elektroautos, zum Heizen unserer Wohnungen ohne Gas, Öl oder Kohle – und nicht zuletzt für die fortschreitende Digitalisierung. Wäre das Internet ein Land, es hätte im Vergleich den sechsthöchsten Verbrauch! Höchste Zeit also, das Energiesystem umzubauen.“ Er wird dazu sein Bestes geben, getreu dem Motto seines Lieblingsphilosophen Albert Camus: „Leben heißt handeln.“

(Autorin: Nicoline Haas / Stand: März 2017)

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