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Ein Artikel von Beate Steffens
Wie die Umwandlung indonesischen Regenwaldes in Palmölplantagen das globale Klima anheizt und die Verantwortung deutscher Unternehmen

Zerstörte Wälder, Klimawandel und indonesisches Palmöl

Etwa ein Fünftel der globalen Treibhausgasemissionen resultiert aus Abholzung, Trockenlegung und Brandrodung insbesondere der tropischen Regenwälder. Durch den weltweiten Bedarf an Holzprodukten und Palmöl wird der Wald zunehmend zerstört. Auch deutsche Unternehmen sind verantwortlich für die Zerstörung der indonesischen Regenwälder. Für die Produktion von Lebensmitteln und Kosmetik und die Verfeuerung in Heizkraftwerken verwenden sie jährlich Millionen Tonnen Palmöl.

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Alle zwei Sekunden wird heute weltweit eine Waldfläche der Größe eines Fußballfeldes abgeholzt. Die Hälfte der in den letzten 10.000 Jahren verloren gegangenen Waldgebiete wurde in den vergangenen 80 Jahren vernichtet. [1] Doch Wälder sind für das Leben auf der Erde unersetzlich. Sie tragen erheblich zur Regulierung des globalen Klimas bei, beherbergen zwei Drittel aller bekannten Tier- und Pflanzenarten und sind Lebensraum von Millionen Menschen.

Die Wälder und der Klimawandel

Etwa 20 Prozent [2] der globalen Treibhausgasemissionen resultieren aus der Zerstörung von Urwäldern. [3] FAO-Studien zufolge speichern sie fast 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. [4] Indonesien ist durch zunehmende Urwaldzerstörung - nach China und den USA, der weltweit drittgrößte Produzent von Treibhausgasen. [5] Zwei Millionen Hektar Torfwälder, die besonders reich an Kohlenstoff sind, werden jährlich in Indonesien abgeholzt. [6] Etwa zwei Milliarden Tonnen Kohlendioxid werden jedes Jahr durch Urwaldzerstörung in Südostasien freigesetzt. 90 Prozent des CO2-Ausstoßes entfallen dabei auf Indonesien. [7]

Urwälder: die Klimakühler

Nur 20 Prozent der ursprünglichen Wälder sind heute noch in großen, intakten Waldlandschaften erhalten. [8] Durch die industrielle Nutzung werden Wälder fragmentiert und anfälliger für Dürre und Brände, deren Zunahme als Folge des Klimawandels in den tropischen Waldregionen zu erwarten ist. Durch Waldbrände werden wiederum mehr Treibhausgase freigesetzt.

Die Paradieswälder Indonesiens

Der Paradise Forest des asiatischen Pazifikraumes erstreckt sich vom südostasiatischen Festland über Indonesien und Papua-Neuguinea bis zu den Salomonen im Pazifik. Diese Wälder bieten indigenen Kulturen und zahllosen Pflanzen und Tieren eine Heimat. Schneller als jedes andere Land mit größeren Waldgebieten büßt Indonesien derzeit Waldfläche ein. [9] Rund 51 Quadratkilometer Wald werden jeden Tag zerstört; das sind mehr als 300 Fußballfelder pro Stunde.

 

Faktoren, die den Holzeinschlag in Indonesien vorantreiben

Die einst mächtigen Wälder Kalimantans und Gesamt-Borneos sind bereits der Forst- und Palmöl-Industrie zum Opfer gefallen. Größere intakte Waldgebiete sind nur noch in gebirgigen und anderen weniger zugänglichen Regionen erhalten. Auch die indonesischen Provinzen Papua und Papua Barat im Westen der Insel Papua-Neuguinea weisen noch weitläufige intakte Wälder auf.

Schätzungen der Weltbank zufolge werden bis zu 80 Prozent der Abholzungsmaßnahmen in Indonesien illegal durchgeführt. [10] Selbst ohne Berücksichtigung des illegalen Holzeinschlags ist das Ausmaß der Abholzung in Indonesien enorm. Im Jahr 2006 wurden 29 Millionen Hektar Wald für Holzeinschlagkonzessionen und zehn Millionen weitere Hektar für die vollständige Umwandlung in Holzplantagen vorgesehen. [11]

Eine wachsende Bedrohung für die Wälder Indonesiens ist der Anbau von Palmöl für den Einsatz in Lebensmitteln, Kosmetik sowie für den neu entstehenden Bedarf an sogenannten Biokraftstoffen, die richtiger Agro-Kraftstoffe heißen müssten. Zwischen 1995 und 2005

Deutsche Verantwortung

Deutschland importiert jährlich etwa eine Million Tonnen Palmöl. Nach den Niederlanden sind die Deutschen damit der zweitgrößte Verbraucher von Palmöl in der EU. [13] Verwendung findet das billige Öl in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie, wie auch als Agro-Kraftstoff zur Energieerzeugung in Blockheizkraftwerken. Der Großteil wird jedoch in der Lebensmittelindustrie verarbeitet. Als Verbraucher kann man Produkten, die unter Verwendung von Palmöl hergestellt wurden, nur schwer aus dem Weg gehen - egal ob man zur Knorr Tütensuppe, einem KitKat Riegel oder einem Langnese Eis greift. [14]

Ein weiterer wichtiger Markt für Palmöl und Palmölderivate sind Kosmetikprodukte. Palmölprodukte dienen als Emulgatoren, zur Verbesserung der Viskosität oder zur Hautpflege. Ob wir uns die Hände mit Lux, Dove oder Nivea waschen: Palmölprodukte sind in allen Seifen enthalten. [15] Die Produzenten der erwähnten Produkte tragen daher allesamt Verantwortung für die Urwaldzerstörung durch den Ölpalmenanbau. Unilever, Nestlé oder Beiersdorf [16]; keine dieser Firmen kann derzeit garantieren, dass ihr Palmöl aus einer umweltverträglichen Produktion stammt.

Der Runde Tisch als Feigenblatt

Den meisten Unternehmen ist die Problematik der Regenwaldzerstörung durch Ölpalmenanbau bewusst. Konkrete Schritte zur Eindämmung des Problems unternehmen die wenigsten. Stattdessen schmücken sich viele mit einem Feigenblatt namens Round Table on Sustainable Palm Oil (RSPO, Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl). Dieser ist eine 2002 gegründete Vereinigung von Unternehmen und Nicht-Regierungsorganisationen. Erklärtes Ziel ist es, den weltweiten Palmölhandel nachhaltig zu gestalten. Im November 2007, zählt der RSPO fast 200 Mitglieder. [17] Zusammen sind sie für etwa 40 Prozent der weltweiten Palmölproduktion verantwortlich, entweder als Produzent, Händler oder Abnehmer. [18] Der RSPO vertritt zwar ehrgeizige Ziele, schafft es aber nicht, die stetige Expansion der Palmölindustrie in die Regenwälderi zu stoppen.

Mit den gegenwärtigen RSPO-Regeln ist es Mitgliedern nicht verboten, in Entwaldungen verstrickt zu sein. Zudem gibt es bis heute keine Methode, Palmöl aus Regenwaldzerstörung und solches, das den RSPO Kriterien entspricht, zu unterscheiden. Man kann nicht jahrelang über Nachhaltigkeitskriterien diskutieren und gleichzeitig den Regenwald zerstören. Darum fordert Greenpeace einen sofortigen Stopp der Entwaldung. Erst dann kann man versuchen sich über Kriterien der Palmölproduktion zu einigen. Die Unternehmen des RSPO haben die Macht, ein solches Moratorium durchzusetzen. Dennoch begnügen sie sich mit dem runden Tisch als Feigenblatt.

Palmölplantagen in Torfgebieten: globale Klimakiller

Tropische Torfgebiete sind im Verlauf von mehreren zehntausend Jahren unter Torfsumpfwäldern entstanden. Zur landwirtschaftlichen Nutzung der Torfgebiete lassen Palmöl-Firmen zunächst Kanäle anlegen, um die Torfmoore zu entwässern und das wertvolle Holz einzuschlagen. Ist der Boden erst entwässert, trocknet der Torf aus und ist leicht entzündlich.

Wird der Kohlenstoff in der Erde dem Sauerstoff der Luft ausgesetzt, oxidiert er und gibt Kohlendioxid ab. Selbst wenn der Torf nicht verbrannt wird, setzt ein Hektar entwässerter Torfboden im Jahr rund 100 Tonnen CO2 frei. Bei einer Brandrodung des verbleibenden Waldes wird das CO2 noch schneller freigesetzt. Dennoch gibt es Pläne, die Palmölproduktion auszuweiten. In einem Bericht des indonesischen Forstministeriums und der Europäischen Union heißt es: [19] Die weltweite Nachfrage nach Palmöl wird Vorhersagen zufolge von gegenwärtig 20,2 Millionen Tonnen auf 40 Millionen Tonnen im Jahr 2020 steigen. Um dieser Nachfrage zu entsprechen, werden in den nächsten 20 Jahren pro Jahr 300.000 Hektar neue Plantagen benötigt. Wir sagen voraus, dass bei Weitem der größte Anteil davon auf Indonesien entfallen wird, ein Land, in dem Arbeitskräfte und Fläche reichlich vorhanden sind. Wir erwarten zudem, dass Sumatra mit seiner relativ gut entwickelten Infrastruktur und seinen qualifizierten Arbeitskräften 1,6 Millionen Hektar dieser Expansion aufnehmen wird. Es ist unvermeidlich, dass ein Großteil der neuen Palmölplantagen in Feuchtgebieten entstehen wird, da die attraktiveren Trockengebiete der Insel bereits anderweitig genutzt werden.

Die sozialen Folgen des Ausbaus der Palmöl-Industrie

Die Ausweitung der Palmölplantagen in Indonesien vertreibt häufig auch indigene Völker und örtliche Gemeinden von ihrem Land.

Indigene Gemeinden haben in der Regel Eigentumsrechte an dem Land, das Palmöl-Unternehmen nutzen wollen. Die Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, die Kommunen anzuhören, ihren ausdrücklichen Verzicht auf Landrechte einzuholen und sie dafür zu entschädigen. Doch häufig werden die Gemeinden um ihr Land betrogen. Versprechen auf Entschädigung, wie zum Beispiel der Bau von Schulen und Kliniken, werden nicht eingehalten.

Die in Indonesien ansässige Organisation Sawit Watch hat zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen Gemeinden von den Palmöl-Firmen geprellt und um ihr Land und ihre Rechte gebracht wurden. [20] Einige Kommunen haben ihre Wälder auch verloren, weil das Land mit dem Bulldozer geräumt wurde, nachdem der Fahrer eine Landkarte falsch gelesen oder eine falsche Karte benutzt hatte. [21]

Viele Ortsansässige, die sich einverstanden erklärt haben, einem Unternehmen ihr Land zu überlassen - und im Gegenzug ein paar Hektar Palmölplantage zur eigenen Bewirtschaftung erhalten haben - gerieten in eine Schuldenfalle gegenüber dem Unternehmen. [22]

Greenpeace fordert:

Fußnoten

[1].Aus McNeill, J.R. (2000), Something New Under the Sun: An Environmental History of the Twentieth Century World, New York: Norton.

[2].Entwaldung und die Verbrennung fossiler Kraftstoffe zur Energiegewinnung sind zusammen für zwei Drittel der CO2-Emissionen in die Atmosphäre verantwortlich. Greenpeace setzt sich für erneuerbare Energien und eine Verbesserung der Energieeffizienz ein. Zudem engagiert sich Greenpeace gegen die globale Waldzerstörung.

[3].IPCC (2007), "Climate Change 2007: Mitigation of Climate Change", Beitrag der Arbeitsgruppe III zum Vierten Bewertungsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaände­rungen, Cambridge: Cambridge University Press.

[4].FAO (2005), Global Forest Resource Assessment, Rom, Italien, http://www.fao.org/forestry

[5]."Indonesia and Climate Change" (2007), Bericht, veröffentlicht von der Weltbank und der britischen Regierung, Juni 2007.

[6].FAO (2005), Forest Resources Assessment.

[7].Hooijer, A., M. Silvius, H. Wösten und S. Page (2006), "Peat-CO2: Assessment of CO2 emissions from drained peatlands in SE Asia", Delft Hydraulics Bericht Q3943, S. 29.

[8].Eine intakte Waldlandschaft wird als ein Waldgebiet definiert, das nicht kleiner als 500 km2 ist und nicht durch Infrastruktur beeinträchtigt wurde. Siehe dazu: "Roadmap to Recovery", Greenpeace International, 2006, www.intactforests.org.

[9].FAO (2007), "State of the World’s Forests 2007", Vereinte Nationen, Rom.

[10].Weltbank (August 2006), "Strengthening Forest Law Enforcement and Governance: Addressing a Systemic Constraint to Sustainable Development". Abteilungen Umwelt, Landwirtschaft und Ländliche Entwicklung; Bericht Nr. 36638-GLB.

[11].Data Perkembangan HTI Yang Memperoleh SK. Definitif & Data Perkembangan HPH Yang Memperoleh SK Definitif, Indonesisches Forstministerium, August 2006.

[12].DIREKTORAT JENDERAL PERKEBUNAN, Area and Production by Category of Producer, 1967-2005.

[13].FAOSTAT 2005. http://faostat.fao.org/site/535/DesktopDefault.aspx?PageID=535

[14].Greenpeace International (2007); Report "Cooking the Climate". www.greenpeace.org

[15].Codecheck. http://www.codecheck.ch ; Stand 3.11.2007

[16].Diese drei riesigen, international operierenden Unternehmen setzen alle Palmöl oder Palmölprodukte ein. Sie stehen aber nur stellvertretend für eine fast endlose Liste an Kosmetik-Unternehmen, die Palmöl verarbeiten.

[17].RSPO. www.rspo.org . Stand 3.11.2007

[18].Adam Harrison, WWF, Brief an Greenpeace, 19. Oktober 2007

[19].Sargeant, Howard J (2001) ‘Vegetation fires in Sumatra Indonesia. Oil palm agriculture in the wetlands of Sumatra: destruction or development?’ European Union and Indonesia Ministry of Forestry February 2001

[20].Siehe Colchester et al. (2006), Promised Land. Palm Oil and Land Acquisition in Indonesia: Implications for Local Communities and Indigenous Peoples.

[21].Ibid.

[22].Genaueres siehe ibid.

  • Um zu verhindern, dass der Klimawandel ein gefährliches Maß erreicht, muss der Anstieg der globalen Temperatur, verglichen mit dem vorindustriellen Niveau, deutlich unter 2 Grad Celsius gehalten werden. Dazu sind Maßnahmen erforderlich, die den Ausstoß von Treibhausgasen in zwei Hauptbereichen drastisch reduzieren:

    2.Entwaldung

    • 1.Verbrennung fossiler Kraftstoffe zur Energiegewinnung
  • das EU-Ziel, bis 2020 einen Anteil von 10 Prozent und das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 einen Anteil von 17 Prozent von Agro-Kraftstoffen am Gesamtkraftstoffverbrauch zu erreichen, zurück zu ziehen und eine Förderung des Ausbaus der Nutzung von Agro-Kraftstoffen einzustellen - und damit auch das Biokraftstoffquotengesetz.
  • Die indonesische Regierung muss die Zerstörung der Torfgebiete umgehend einstellen.
  • Die indonesische Regierung muss die Entwaldung und den industriellen Holzeinschlag unterbinden, Maßnahmen gegen die schlechte Verwaltung und den mangelnden Gesetzesvollzug ergreifen und eine umweltverantwortliche und sozial gerechte Landnutzungsplanung einführen.
  • Unternehmen der Palmölindustrie müssen sich für ein sofortiges Moratorium (Abholzungsstopp) über die Anlegung von neuen Ölpalmplantagen in Wäldern und Torfgebieten einsetzen.