
Diese Größen werden als Indikatoren für das Niveau der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen verstanden. Das Wachstumsziel wird mit verschiedenen Argumenten begründet.
Je mehr Güter und Dienstleistungen zur Verfügung stehen, desto höher sei die Wohlfahrt der Bürger. So wird in Zeiten von Arbeitslosigkeit betont, dass eine Ausweitung der wirtschaftlichen Aktivitäten zu mehr Beschäftigung führe.
Auch für die Zielsetzung einer gerechteren Einkommensverteilung sei Wachstum hilfreich. Es sei schwieriger, diese zu erreichen, wenn man dafür einem Teil der Bevölkerung etwas wegnehmen müsse. Leichter sei es, den Zuwachs stärker zugunsten sozial schwächerer Schichten zu verteilen.
Doch das Ziel eines möglichst hohen Wachstums wird zunehmend hinterfragt. Kritik kommt aus unterschiedlichen Richtungen.
Aus der Debatte um die ökologischen Grenzen ist ein neues Leitbild hervorgegangen, das 1987 von der Brundtland-Kommission geprägt wurde[2] und das die internationale Staatengemeinschaft bei der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 als Orientierungsrahmen für die Entwicklung anerkannt hat: "dauerhaft umweltgerechte Entwicklung"[3]. Dieses Leitbild fordert, die ökologischen Grenzen der Erde zu achten und die Nutzungsspielräume so aufzuteilen, daß die heutige und zukünftige Generationen sowie alle Regionen der Welt die gleiche Möglichkeit haben, ihre Bedürfnisse zu befriedigen.
Hauptsorge in der Debatte um die Grenzen des Wachstums ist die Gefahr einer Klimakatastrophe. Die Kapazität des Ökosystems Erde, die Kohlendioxidemissionen aus der Verbrennung von fossilen Energieträgern wie Öl und Kohle aufzunehmen, ohne daß das Gesamtsystem aus der Balance gerät, ist nach Erkenntnissen des zuständigen wissenschaftlichen Gremiums der Vereinten Nationen, des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), erschöpft. Ohne entsprechende Maßnahmen seien rapid, unpredictable and non-linear responses that could lead to extensive ecosystem damage
zu befürchten.
Eine Energie- und Ressourcenpolitik, die auf eine effizientere Nutzung dieser Energieträger setzt und gleichzeitig für sie umweltverträglichen Ersatz entwickelt, ist dringend notwendig. Zweifelhaft ist allerdings, ob die erreichbaren Effizienzsteigerungen nicht durch das absolute Wachstum der Produktion kompensiert und überkompensiert werden. Emissionsminderungen würden dann Wachstumsbegrenzung erfordern.

Trotz dieser Einwände ist die Steigerung des Bruttosozialproduktes noch immer eine der wichtigsten Orientierungsgrößen für den Erfolg des Wirtschaftens. Es scheint fast ein Tabu zu sein, auch nur darüber nachzudenken, das Streben nach Wachstum aufzugeben, selbst wenn der Preis dieses Wachstums die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen sein sollte.
Greenpeace hat dazu schon vor Jahren einen Workshop veranstaltet, dessen Ergebnisse auch als - inzwischen leider vergriffenes - Buch erschienen sind.[4] Das Tabu sollte mit dem Workshop Zukunftsgestaltung ohne Wirtschaftswachstum? gebrochen werden. Wenn die Wachstumsorientierung zunehmend ökologische Probleme verursacht und soziale Probleme nicht löst, muß gefragt werden, ob und wie eine Zukunftsgestaltung ohne Wachstum möglich ist. Der Workshop wurde im März 1997 vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Auftrag von Greenpeace Deutschland veranstaltet und hatte das Ziel, für einige Problembereiche den aktuellen Wissensstand zu dokumentieren und systematisch zu diskutieren.
Da es nicht möglich ist, im Rahmen einer zweitägigen Veranstaltung alle relevanten Aspekte zu diskutieren, war es notwendig, Schwerpunkte zu setzen und einige Themen auszuklammern. Dies bedeutet nicht, daß diese Themen unwichtig sind. Maßgebliches Kriterium war vielmehr, ob bestimmte Themen bereits an anderer Stelle diskutiert werden und ob es möglich ist, sie auszuklammern, ohne die Schlüssigkeit der Argumentation zu gefährden. Soweit es von den Autoren als wichtig erachtet wurde, tauchen sie - am Rande und weniger systematisch - in einzelnen Beiträgen dennoch auf.
Nicht diskutiert wurde,
Der Workshop hat sich auf vier Themenbereiche konzentriert. Jeder dieser Bereiche wurde von einem Beitrag eingeleitet, der eine Übersicht über die wichtigsten Aspekte und Positionen gibt. Je zwei kürzere Beiträge diskutierten ausgewählte Probleme oder Lösungsvorschläge.[5] Zum besseren Verständnis sollen zunächst die wichtigsten Fragestellungen und Positionen der einzelnen Blöcke skizziert werden.

Angesichts der Massenarbeitslosigkeit, die Marktwirtschaften in regelmäßigen Abständen getroffen und soziale Not sowie gesellschaftliche Spannungen verursacht hat, kommt den Auswirkungen der Politik - und insbesondere der Umweltpolitik - auf die Beschäftigung eine zentrale Bedeutung zu. In den letzten Jahren sind umweltpolitische Maßnahmen teilweise sogar stärker nach ihren Auswirkungen auf die Beschäftigung als auf die Umwelt beurteilt worden.
Die Kernargumentation über den Zusammenhang zwischen Wachstumsschwäche und Beschäftigung ist relativ einfach: Wenn technischer Fortschritt die Arbeitsproduktivität (d. h. den Output pro Arbeitsstunde) ständig erhöht, die Gesamtproduktion aber unverändert bleiben soll, so sinkt der benötigte Arbeitseinsatz ständig.
Als Auswege aus diesem Problem werden folgende Lösungen untersucht:
Probleme und Konflikte können sich in einer wachstumsarmen Gesellschaft auch bei der Verteilung des Sozialproduktes auf verschiedene Verwendungszwecke und soziale Gruppen ergeben. In einer wachsenden Wirtschaft kann eine Umverteilung erreicht werden, indem der Zuwachs an Einkommen gemäß den Verteilungszielen (ungleich) verteilt wird. Ohne einen solchen Zuwachs bedeutet jedes Mehr für bestimmte Gruppen oder Zwecke Abstriche bei anderen.
Dabei geht es einerseits um die Verteilung zwischen dem Staat, der die ihm zugewiesenen Aufgaben erfüllen muß, und den Bürgern, andererseits um die Verteilung zwischen verschiedenen Gruppen von privaten Haushalten. Im Rahmen des Workshops wurde schwerpunktmäßig die Verteilung zwischen Staat und Bürgern diskutiert.
In allen modernen Gesellschaften werden dem Staat eine Reihe von Aufgaben auferlegt: Er soll u.a. eine Rechtsordnung aufbauen und erhalten, ein Schul- und Universitätssystem unterhalten, die innere und äußere Sicherheit gewährleisten sowie mit einem Transfer- und Sozialsystem gesellschaftliche Wertvorstellungen über die Einkommensverteilung umsetzen und soziale Not verhindern. Für diese Aufgaben benötigt der Staat finanzielle Mittel, die er i.d.R. über Zwangsabgaben von seinen Bürgern erhält.

Auch in einer Wirtschaft ohne Wachstum bleiben solche Aufgaben erhalten. Finanzierungsprobleme könnten sich dabei vor allem dann ergeben, wenn der Finanzbedarf weiterhin steigt und der Staat einen immer größeren Anteil des (stagnierenden) Sozialproduktes in Anspruch nehmen müßte, um diese Aufgaben zu erfüllen. Ein solcher Ausgabendruck kann sowohl durch die Nachhaltigkeitspolitik selbst wie auch durch autonome Entwicklungen verursacht werden. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, daß eine Nachhaltigkeitspolitik auch eine entlastende Wirkung auf den Staatshaushalt haben kann, z.B. beim Straßenbau oder dem nachsorgenden Umweltschutz (Umweltreparaturen).
Auf der Kostenseite spielt die Frage der Vermeidung höherer Arbeitslosigkeit eine wichtige Rolle, da sonst die Arbeitslosenversicherung einen drastisch steigenden Finanzbedarf entwickelt. Aber auch dem Gesundheitsbereich kommt eine große Bedeutung zu: Die stetige Entwicklung der Medizin führt zu immer teureren Behandlungsmethoden. Sollen diese von den gesetzlichen Krankenversicherungen abgedeckt werden, so ist mit ständig steigendem Finanzierungsbedarf zu rechnen. Zu einer Verschärfung der Situation kann die demographische Situation führen, die gegenwärtig in den meisten Industrieländern zu beobachten ist. Aufgrund geringer Geburtenraten und medizinischer Fortschritte steigt der Altersdurchschnitt der Bevölkerung deutlich an. Damit steigen die Kosten sowohl für das Gesundheitssystem als auch für die Altersversorgung. Wenngleich dieses Problem unabhängig von umweltpolitischen Maßnahmen entsteht, kann seine Lösung erschwert werden, wenn das Wachstum und damit die Finanzierungsspielräume geringer ausfallen.
Im dritten Teil wird die Frage diskutiert, ob eine Marktwirtschaft ohne Wachstum überhaupt denkbar und funktionsfähig sein kann. Diese Frage stellt auf zwei Aspekte ab:
Führt eines dieser Merkmale zwangsläufig zu Wirtschaftswachstum? Oder umgekehrt: Muß eine Politik, deren Ergebnis der Wegfall des Wachstums ist, zwangsläufig mit diesen Kriterien im Widerspruch stehen?
Zwischen einer Koordinierung über Märkte und Nachhaltigkeit ist kein grundsätzlicher Widerspruch zu befürchten. Allerdings müssen den Märkten Rahmenbedingungen oder ökologische Leitplanken gesetzt werden, innerhalb derer sie ihre Aktivitäten entfalten können. Diese Rahmenbedingungen müssen marktverträglich gestaltet werden. Dies ist möglich, wenn als Instrumente Ökosteuern, handelbare Emissionsrechte und das Umwelthaftungsrecht eingesetzt werden, welche den Marktteilnehmern die Freiheit lassen zu entscheiden, auf welchem Weg sie die Restriktionen erfüllen wollen. In diesem Fall können die Stärken des Marktes erhalten bleiben: Anreiz und Freiheit, neue, effizientere Wege zur Bedürfnisbefriedigung zu finden, effiziente Koordination von einzelwirtschaftlichen Entscheidungen und die Kontrolle von Macht.

Ein Konflikt zwischen dem Marktsystem und Nullwachstum könnte vermutet werden, wenn die Bürger ihr Eigentum investieren wollen, um zukünftig über größeres Vermögen zu verfügen, der Staat dies jedoch über staatliche Restriktionen verhindern möchte. Diese Position vernachlässigt allerdings, daß sich der Staat in allen Marktwirtschaften vorbehält, Verhaltensrestriktionen vorzunehmen, sei es einzelner Tatbestände durch Ge- und Verbote sowie steuerliche Regelungen oder gesamtwirtschaftliche Regulierung wie z. B. die Geldpolitik.
Andererseits könnte die Existenz der Marktwirtschaft durch Krisen bedroht werden, die mit Wachstumsbeschränkungen einhergehen. Dabei kann es sich neben der bereits diskutierten Entstehung von chronischer Arbeitslosigkeit und Finanzierungslücken um zyklische Krisen handeln. Eine besondere Rolle spielt dabei das Investitionsvolumen, das in einer Wirtschaft mit Ersparnis notwendig ist, um die Nachfrage an das Angebot anzugleichen. Auch durch die Kreditverflechtungen in einer Geldwirtschaft könnten Instabilitäten entstehen, wenn Wachstum ausbleibt. Diese Fragen sind allerdings noch nicht hinreichend geklärt.
Meist wird angenommen, daß die strikte Begrenzung des Ressourcenverbrauchs und Schadstoffausstoßes zunächst nur für die Gruppe der Industrieländer gefordert werden kann. Diese Länder verbrauchen mit weniger als einem Viertel der Weltbevölkerung mehr als drei Viertel der natürlichen Ressourcen und verursachen einen ähnlich hohen Anteil der Emissionen. Entwicklungsländer, deren Pro-Kopf-Einkommen schon heute keinen angemessenen Lebensstil ermöglicht und die mit einem hohen Bevölkerungswachstum konfrontiert werden, werden auch zukünftig ein substantielles Wachstum ihrer Wirtschaft anstreben und dabei auch die Umwelt verstärkt in Anspruch nehmen. Die Begrenzung in den Industrieländern wird nicht zuletzt deshalb gefordert, um Entwicklungsländern diesen Spielraum zu schaffen.
Doch gefährdet nicht Null-Wachstum in den Industrieländern gerade dieses Ziel? Stellen die Industrieländer eine Lokomotive dar, die die ärmeren Länder nach sich zieht und ohne deren Zugkraft auch dort das Wirtschaftswachstum ausbleibt? Wie werden sich deren Exportpreise entwickeln, wenn die Nachfrage nach Rohstoffen zurückgeht.
Der Übersichtsbeitrag von Klepper stellt zunächst den Zusammenhang zwischen dem Wachstum in den Industrienationen und Entwicklungsländern dar. Er weist darauf hin, daß es nicht "die Entwicklungsländer" gibt, sondern mehrere Gruppen von Ländern mit großen Unterschieden in Entwicklungsstand, Ressourcenausstattung, Wirtschaftsstrukturen und wirtschaftspolitischen Strategien. Entsprechend unterschiedlich haben sie von Wachstumsimpulsen aus den Industrieländern profitiert. Wachstumsimpulse von außen benötigen vor allem die Länder, deren Einkommen aufgrund eines Teufelskreises von hohem Bevölkerungswachstum, Verschuldung und oft auch politischer Instabilität auf niedrigem Niveau stagnieren. Eine Chance, sich vom Wachstumsimpuls der Industrieländer unabhängig zu machen, wird in einem Ausbau des Handels zwischen verschiedenen Entwicklungsländern gesehen. Allerdings bedeutet dies, neue Handelsstrukturen zu entwickeln und kann einen hohen wirtschaftlichen Anpassungsdruck auf viele Länder ausüben.
Diesem Anpassungsdruck steht allerdings ein anderer Mechanismus gegenüber, der in dem Beitrag von Simonis untersucht wird. Wenn die Industrieländer eine globale Nachhaltigkeit anstreben, sind sie dafür auf die Unterstützung der Entwicklungsländer angewiesen. Dadurch könnten die Entwicklungsländer in den internationalen Verhandlungen einen Zuwachs an Macht erfahren, durch die sie die Bedingungen auf ihrem Entwicklungspfad verbessern können.

Dauerhaftes wirtschaftliches Wachstum der Güter- und Warenproduktion ist historisch betrachtet ein relativ junges Phänomen. Die industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist seine entscheidende Wurzel. Seitdem hat sich das Pro-Kopf-Einkommen in den Industriestaaten alle 30 bis 40 Jahre verdoppelt. Wir haben uns daran gewöhnt, Wachstum als Voraussetzung für mehr Wohlstand und Beschäftigung, die Sicherung der sozialen Systeme und Verteilungsgerechtigkeit anzusehen.
Der Versuch, die gewohnte Denkweise zu verlassen, hat Interessantes zutage gebracht: Es ist nicht undenkbar, unsere wesentlichen Zukunftsprobleme auch ohne Wirtschaftswachstum zu lösen. In Ansätzen wurden neue Wege für die Lösung der heute brennenden Themen sichtbar. Allerdings haben sich die modernen Wirtschaften an das Wachstum gewöhnt. Die Fähigkeiten, Probleme und Konflikte auf andere Weise zu lösen, ist dabei verkümmert. Angesichts des Wachstumsparadigmas fristet das Nachdenken über alternative Problemlösungsstrategien nach wie vor ein Nischendasein.
Kein verantwortlicher Politiker wird in Zukunft daran vorbeikommen, Umwelt- und Beschäftigungsziele in Einklang zu bringen. Niemand weiß heute, ob und wieviel Wachstum in einer nachhaltigen Wirtschaft möglich sein wird. Der Übergang zu einer nachhaltigen Gesellschaft mit möglicherweise schwächerem Wachstum wird neben ökonomischen und technischen auch soziale Innovationen erfordern. Interdisziplinärer Austausch und Kooperation sind notwendig, um die Denkschranken zu überwinden, die das Wachstumsparadigma noch immer erzeugt.
Anmerkungen
[1] Meadows, u. a. (1972).
[2] Weltkommission (1987).
[3] Der englische Originalbegriff sustainable development
wird auch mit zukunftsfähiger, dauerhafter oder nachhaltiger Entwicklung bezeichnet. Vgl. auch BUND/Misereor (1996).
[4] Wirtschaft ohne Wachstum? Denkanstöße, Handlungskonzepte und Strategien, Hrsg.: Dtsch. Institut f. Wirtschaftsforschung u. Greenpeace, GABLER 1999, ISBN: 3409190279
[5] Ein Beitrag von Prof. K.-D. Henke, TU Berlin, über den Gesundheitsbereich konnte leider nicht in diesem Band dokumentiert werden.
[6] Vgl. dazu BUND/Misereor (1996).
[7] Vgl. dazu Weizsäcker, Lovins, Lovins (1995).
[8] Gleichzeitig kann die Erhöhung der Ressourceneffizienz Wachstumsspielräume bei konstanter oder rückläufiger Umweltbelastung eröffnen. Diese den Arbeitsmarkt entlastende Wirkung wurde aber per Annahme aus der Betrachtung ausgeklammert.