Aktivisten erinnern an Fukushima-GAU – Greenpeace veröffentlicht Report über die Folgen

Nie mehr normal

Am Samstag erinnerten Greenpeace-Aktivisten deutschlandweit an den Fukushima-GAU vor fünf Jahren. Ein neuer Report belegt die schweren Folgen, mit denen Japan weiter kämpfen muss.

  • /

Die Fukushima-Katastrophe ist nicht überstanden, auch wenn die japanische Regierung ihrer Bevölkerung etwas anderes erzählt. Nach fünf Jahren sind immer noch große Teile der Präfektur kontaminiert und unbewohnbar. Es ist absurd zu glauben, dass die Radioaktivität lediglich aus den verstrahlten Gebieten weggeräumt werden muss: Ein neuer Greenpeace-Report  geht davon aus, dass die Auswirkungen des Atomunfalls im März 2011 noch Jahrzehnte bis Jahrhunderte andauern und viele folgende Generationen betreffen werden.

Greenpeace-Aktivisten aus Deutschland zeigten sich am Wochenende solidarisch mit den Opfern des Unfalls: In mehr als 40 Städten erinnerten sie an die Katastrophe und ihre anhaltenden Folgen. Die Umweltschützer riefen die japanische Regierung dazu auf, die Bevölkerung nicht weiter der atomaren Gefahr auszusetzen und alle Reaktoren endgültig abzuschalten.

Denn ein Unfall wie in Fukushima darf sich nicht wiederholen – eine Katastrophe dieses Ausmaßes zerstört Lebensräume für immer. Eine Rückkehr zur Normalität ist für die ehemaligen Bewohner der verstrahlten Gebiete ausgeschlossen. Der Greenpeace-Report „Radiation Reloaded“ zeichnet ein erschütterndes Bild von Fukushima fünf Jahre nach dem Tsunami.

Ein Super-GAU lässt sich nicht aufräumen

Obwohl nur 20 Prozent der entwichenen Radioaktivität die japanische Landmasse trafen, ist die Kontamination durch den GAU erheblich. Selbst in Wohngebieten, wo bereits Aufräumarbeiten stattfanden, überschreiten die Werte das Zehnfache des international zulässigen Grenzwerts, wie Greenpeace-Messungen ergaben. Das Problem sind die Wälder: Die Bäume wirken wie Speicher für radioaktive Elemente wie Cäsium 137 oder Strontium 90. Sie können nicht dekontaminiert werden und sind darum eine anhaltende Quelle der Verstrahlung – und zwar über Jahrzehnte und Jahrhunderte. „Von den Bergen wird die Radioaktivität zurückkehren“, sagt Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomenergie. „Ein Super-GAU lässt sich nicht einfach wieder aufräumen.“ 

Dennoch versucht die japanische Regierung genau das zu tun, in einem sinnlosen Unterfangen: Mannschaften von Waldarbeitern tragen unter Einsatz ihrer Gesundheit mühevoll Laub, Gras und Moos zusammen – bislang neun Millionen Kubikmeter radioaktiven Abfall, der in der Präfektur Fukushima an tausenden Orten in schwarzen Plastiksäcken lagert. Die Maßnahme ist so aufwändig wie zwecklos, die vermeintlich gesäuberten Regionen sind nach wie vor hochverstrahlt. „Innerhalb eines so riesigen und komplexen Ökosystems ist die Dekontaminierung von 20-Meter-Streifen am Waldrand die Definition von ‚vergeblich‘“, so Kendra Ulrich, Greenpeace-Expertin für Atomenergie in Japan.

Stattdessen ist der radioaktive Müll mittlerweile selbst ein Sicherheitsrisiko: Japan weiß nicht, wohin mit dem verstrahlten Abfall und hat kein Konzept für die Entsorgung. Vergangenen Samstag brannte eine Strahlenmüll-Deponie in Namie nordwestlich der Atomkraftwerksruine. Es dauerte fünf Stunden, bevor das Feuer endlich gelöscht werden konnte. Durch unkontrolliertes Verbrennen der hochbelasteten Materialien können Cäsium und andere radioaktive Nuklide in die Atmosphäre gelangen. Und in dieses Pulverfass will die japanische Regierung ihre Bevölkerung zurücksiedeln.

Umweltschäden als direkte Folge der Verstrahlung

Schon heute sind schwerwiegende Umweltschäden als direkte Folge der Verstrahlung deutlich erkennbar: Hohe Konzentrationen von Cäsium finden sich in frischen Baumtrieben und in Zedern-Pollen, das Erbgut von Würmern in hochkontaminierten Gegenden ist beschädigt. Wissenschaftler fanden zudem Mutationen im Gras und in Schmetterlingspopulationen, erhöhte Cäsium-Belastung in Süßwasserfischen, verminderte Fruchtbarkeit von Schwalben und radioaktive Kontamination eines der wichtigsten Ökosysteme – den Flussmündungen.

Greenpeace führte seit März 2011 vor Ort 26 radiologische Untersuchungen durch. Derzeit misst ein Team an Bord des Greenpeace-Schiffes Rainbow Warrior III Belastungen im Meer und in den Flussbetten entlang der Küste. Zu Beginn der Messtour besuchte Naoto Kan, Japans Premierminister zur Zeit des Fukushima-Unglücks, die Rainbow Warrior. Anders als sein Amtsnachfolger Shinzō Abe hat Kan aus der Katastrophe gelernt: Er fordert den endgültigen Ausstieg Japans aus der Atomenergie.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Leben im verstrahlten Land

Die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima beweisen, wie gefährlich und zerstörerisch Atomkraft ist. Tausende Menschen sterben, Zehntausende erkranken schwer, Hunderttausende müssen zwangsumgesiedelt werden. Große Landstriche sind für Jahrhunderte unbewohnbar. Selbst ein hochtechnisiertes Land wie Japan ist vor solch einer Katastrophe nicht sicher.

Mehr zum Thema

Brüchig wie AKW-Stahl

Fehlerhafte Bauteile in japanischen AKW - in einem Land, das traumatisiert ist vom Super-GAU in Fukushima, müssten bei dieser Nachricht alle Alarmsirenen schrillen. Aber tun sie es?

Im nuklearen Teufelskreis

Heute vor fünf Jahren ereignete sich der verheerende Atomunfall in Fukushima. Ein Greenpeace-Report zeigt: Dort und in Tschernobyl ist die Katastrophe längst nicht ausgestanden.

Ein grosser Schritt nach vorne

Meilenstein für Japans Bevölkerung – und den Ausstieg des Landes aus der Atomenergie: Immerhin zwei von vier Risikomeilern zog ein Gericht mit sofortiger Wirkung aus dem Verkehr. 

Alle Artikel zu dieser Kampagne