Interview mit dem Regisseur Valentin Thurn

Genug für alle?

Zehn Milliarden Menschen werden 2050 auf der Erde leben. Doch wird es ausreichend Nahrung für alle geben? Dieser Frage geht Valentin Thurn in seinem neuen Dokumentarfilm nach.

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Welch ungeheuerlichen Mengen von Essen im Müll landen, zeigte Valentin Thurn in seinem Film „Taste the Waste“ – und löste damit eine Debatte über die Verschwendung von Lebensmitteln und deren Folgen aus. Nun richtet er den Blick darauf, wie wir für eine wachsende Weltbevölkerung ausreichend Nahrung erzeugen und sie gerecht verteilen können. Er besuchte Kleinbauern in Entwicklungsländern und die Lebensmittellabore der Industrienationen, sprach mit Biobauern und Nahrungsmittelspekulanten. „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ läuft ab dem 16. April 2015 im Kino. Greenpeace sprach mit dem Regisseur und Buchautor über Konsum, Wertschätzung und die gerechte Verteilung der Nahrung.

Greenpeace: Herr Thurn, warum haben Sie diesen Film gemacht?

Valentin Thurn: Es war eine Art Publikumsauftrag. Die über hundert Diskussionsrunden im Kino, die ich zu „Taste the Waste“ geführt habe, begannen alle beim Mindesthaltbarkeitsdatum, dem Wegwerfen von Lebensmitteln, und endeten bei der Welternährung. Ich habe mich gefragt: Wie kommt es eigentlich zu diesem Verlust an Wertschätzung? Ich denke, einer der wesentlichen Gründe ist der Abstand, den wir Verbraucher zu den Bauern haben. Das macht es uns schwer, einen Bezug zu den Lebensmitteln zu bekommen und Wertschätzung zu entwickeln.

Wie wollen Sie mit Ihrem Film dazu beitragen, diesen Bezug herzustellen und Wertschätzung zu vermitteln?

Ich möchte zeigen, welche Auswirkungen unser Konsumverhalten in den Industrienationen für die Welt hat. Ein Beispiel ist die Produktion von Fleisch und Milch: Wir treiben den Preis durch unser Einkaufsverhalten nach unten, wenn wir immer nur nach dem billigsten Produkt schauen. Wir zwingen die Bauern dazu, Wege zu gehen, die nicht so nachhaltig sind, weil dadurch billiger produziert werden kann. Die Folge davon ist, dass mehr Regenwald abgeholzt wird, um Soja für Tierfutter anzubauen. Kleinbauern werden deswegen von ihrem Land vertrieben.

Wir sollten uns informieren, woher unsere Lebensmittel kommen. Die Schäden durch die Tierhaltung, wie etwa die Grundwasserverunreinigung durch Gülle – die zahlt die Allgemeinheit und nicht der Landwirt oder der Kunde. Was wäre, wenn diese Faktoren in die Preise eingehen würden, also die Umweltschäden über das Produkt bezahlt werden würden? Die biologische Landwirtschaft wäre plötzlich billiger als die konventionelle.

Ihr Film macht Hoffnung. Wie gehen Sie darin an das Welternährungsproblem heran?

Wir denken die Sache von den Lösungen her. Wir wollten nicht noch einen Film machen, der Hungerkatastrophen zeigt – diese Bilder haben wir alle schon gesehen. Wir wollen Visionäre zeigen, die Lösungen präsentieren: Methoden der Agrarindustrie ebenso wie ökologische Ansätze. Mir war es wichtig, dass sich der Zuschauer beide Seiten ansehen kann und selbst zu einem Schluss kommt. Und sieht, weshalb die Möglichkeiten so unterschiedlich sind. Denn bei der Welternährung geht es nicht nur um Mengen oder neue technische Möglichkeiten. Wir stellen zwar im Film einige dieser futuristischen Ansätze vor, aber es geht sehr viel mehr um die Frage, wie wir konsumieren. Ich habe erkannt, dass dieses große globale Problem lokale Lösungen hat.

Sie haben für den Film mit vielen Menschen rund um den Globus gesprochen. Welches der sehr unterschiedlichen Schicksale hat sie am meisten berührt?

Meine persönliche Heldin ist die Kleinbäuerin Fanny aus Malawi. Sie hat sich mit ihren eigenen Händen aus dem Elend herausgearbeitet – mit einer Strategie, die eigentlich simpel ist und mit den vorhandenen technischen Mitteln arbeitet. Dabei geht es um die Fruchtfolge auf dem Acker und darum, wie Dünger selbst erzeugt werden kann.

Das Problem besteht nicht nur darin, ausreichend Nahrung zu produzieren, sondern sie gerecht unter allen zu verteilen. Wie kann das geschehen – und wodurch wird es verhindert?

Derzeit werden noch zwei Drittel der Weltbevölkerung durch Kleinbauern ernährt. In Zeiten von globalen Märkten ist es für regionale Bauern jedoch schwierig, überhaupt noch einen Zugang zum Markt zu haben. Außerdem bringen Regierungen durch ihre Politik die Bauern zunehmend in eine Lage, die sie in die Abhängigkeit von Agrarkonzernen zwingt. Ein Beispiel: Den Bauern wird gesagt, dass das Hybridsaatgut der Konzerne mehr Ertrag bringe. Was auch oft stimmt, es bringt zehn bis zwanzig Prozent mehr pro Hektar.

Aber der Bauer kann das Saatgut nicht vermehren, sondern er muss es jedes Jahr neu kaufen. Und das Schwierige an dem Mehrertrag ist: Nach einer Missernte hat der Baurer kein Geld mehr für neues Saatgut. Er kann nicht – wie bisher – einen Teil der Ernte einfach zur Seite legen und die Körner wieder ausstreuen. Konzernsaatgut ist so konstruiert, dass es im nächsten Jahr keinen Ertrag mehr bringt.

Inwiefern kann die Politik eingreifen?

Es gehört ein ganzes Bündel von Maßnahmen dazu. Wir müssen die Länder in Bezug auf ihre Ernährung wieder souverän machen, damit sie ihre Grundversorgung selbst sicherstellen können. Es ist ein Unding, dass die Bewohner von Mali beim Einkauf von Mais, ihrem Grundnahrungsmittel, vom Weltmarkt abhängig sind. Sie müssen das im eigenen Land erzeugen können. Wir regen uns über TTIP auf, dass die Amerikaner uns zwingen, Chlorhühnchen zu essen. Aber wir machen dasselbe mit Afrika: Die Afrikaner werden gezwungen, für unsere hoch subventionierten Produkte ihre Grenzen zu öffnen. Das ist unsere Handelspolitik. Doch sie sollten ihre Grenzen schließen dürfen, um ihre Landwirtschaft vor dem Weltmarkt zu schützen.

Der Bauernverband beispielsweise argumentiert, die Bauern müssten mehr produzieren, um die Welt zu ernähren. Doch das ist falsch: Die Produktion, die große Mengen auf den Weltmarkt lässt, erzeugt erst den Hunger. Unser Milchpulver zum Beispiel ist so konkurrenzfähig, dass kleine Milchproduzenten in Afrika zum Aufgeben gezwungen werden. Das macht keinen Sinn.

Für unser Konsumverhalten bezahlen im Moment vor allem die Kleinbauern in den südlichen Ländern. Sie sind zuerst von den Folgen des Klimawandels wie Dürren oder Überschwemmungen betroffen. Der lokale Konsum hat globale Auswirkungen, die wir hier zunächst gar nicht bemerken.

Ja, das Dramatische ist, dass wir bisher bei den Ursachen für den Klimawandel hauptsächlich an die Industrie und den Verkehr gedacht haben. Aber wenn man die Faktoren zusammenrechnet, ist die Ernährung mit bis zu 40 Prozent am Klimawandel beteiligt.

Wenn man den Verkehr reduzieren würde, ist das politisch sehr schwer. Aber die Lebensmittelverschwendung reduzieren – dazu kann jeder einzelne beitragen, ohne seinen Lebensstandard zu senken. Wir haben kaum noch Möglichkeiten, unsere Agrarproduktion zu erhöhen. Aber die Weltbevölkerung steigt, während die Agrarflächen schrumpfen. Wir hätten mehr Reserven, wenn wir weniger Fleisch essen, weniger wegwerfen und weniger Biosprit herstellen würden. Es wäre genug, um auch zehn Milliarden Menschen zu ernähren. 

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