IAA: Performance mit 100 Aktivisten für saubere Luft

Das ist krank, Frau Merkel

Bundeskanzlerin Merkel eröffnet heute die Automesse IAA. Aufmerksamkeit erregen auch andere Besucher: Mit einer Performance zeigen sie, dass mit vielen Autos etwas nicht stimmt.

  • /

Blau geschminkte Lippen, die Körper in Patientenkittel gehüllt  – irritierend, denn es werden immer mehr, 100 Gestalten insgesamt. Sie bewegen sich schweigend, formieren sich. Dann beginnen sie zu husten, unablässig, heftig.

Mit ihrer Performance protestierten heute Greenpeace-Aktivisten auf der Automesse IAA gegen gesundheitsschädliche Dieselabgase. Adressatin ist Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren traditioneller Eröffnungsrundgang zur selben Zeit durch die gleiche Halle führt. Zu bestaunen sind dort neben ein paar Vorzeige-E-Autos, die oft erst in ein paar Jahren auf den Markt kommen sollen, auch zahlreiche große Geländewagen und Limousinen – die eine Menge Diesel brauchen, um ihre zahlreichen Pferdestärken zu zeigen. Das Problem mit den Schadstoffen möchten die Hersteller hier allerdings nicht ins Rampenlicht rücken.

Die Aktivisten schon. Sie fordern von der Bundesregierung wirksame Maßnahmen, um Stadtbewohner vor schlechter Luft zu schützen. Schnelle Hilfe würde die Blaue Plakette bieten, mit der dreckige Diesel aus belasteten Städten herausgehalten werden könnten.  Bitter nötig, denn nach aktuellen Daten des Bundesumweltamts sind auch in diesem Jahr die Stickoxidwerte an 57 der 125 bereits ausgewerteten innerstädtischen Verkehrsmessstationen zu hoch. Sie liegen über dem Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.

Atemschutz – jetzt!

Ungesund ist das für alle, besonders aber für Kinder und ältere Menschen. Welche gesundheitlichen Folgen die zu hohen Werte haben, untersucht eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie. Bereits eine langfristige Zunahme um zehn Mikrogramm erhöht die Wahrscheinlichkeit für Kinder, an Asthma zu erkranken, um 15 Prozent. Die Europäische Umweltbehörde geht davon aus, dass das Reizgas pro Jahr 10.000 vorzeitige Todesfälle in Deutschland verursacht.

Die Ursache der hohen Emissionen ist bekannt: Während Diesel-Pkw auf dem Papier immer sauberer werden, stoßen sie im Straßenverkehr ein Vielfaches des erlaubten Grenzwerts aus. Selbst moderne Diesel der Abgasklasse Euro 6 überschreiten den Grenzwert im Schnitt um knapp das Fünffache. Möglich ist das, weil sich die Bundesregierung schützend vor die Autoindustrie stellt und Fahrverbote verhindert.

„Die Bundesregierung darf Gesundheitsrisiken nicht länger als Kollateralschaden wegwischen“, sagt Andree Böhling, Greenpeace-Experte für Verkehr. „Die Hersteller drehen ihren Kunden weiterhin Millionen von Dieselautos an, die eine Gefahr für die Gesundheit darstellen. Der Diesel muss verschwinden.“

Nach der Performance hängen hier und da Atemschutzmasken an den Ausstellungsständen. Sie demonstrieren: Der Diesel macht Probleme.

Sie wollen auch saubere Luft? Dann husten Sie der Regierung was.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Why automobile has no future

Die Automobilwirtschaft steht nicht erst seit dem Dieselskandal vor einem grundlegenden Wandel. Ökologische Notwendigkeiten und technologische Möglichkeiten machen neue Formen der Mobilität erforderlich und möglich.

Zur Kampagne

Bewegt euch!

Verstopfte Straßen, dreckige Luft, ständiger Lärm: Großstädte ersticken an einer Verkehrspolitik, die sich nur um das Auto dreht. Dabei ist klar: Die Ära von Diesel und Benziner geht zu Ende – es ist an der Zeit, den Lebensraum Stadt zurückzuerobern. Setzen Sie sich mit uns für eine Verkehrswende ein!

Alle Artikel zu dieser Kampagne

Mehr zum Thema

Grenzwertig

Neue CO2-Grenzwerte sollen die Autoindustrie zu mehr Klimaschutz zwingen. Im Interview bewertet Benjamin Stephan von Greenpeace die gestern veröffentlichten EU-Pläne.

Die Pest an Bord

An einem der größten Umschlaghäfen Großbritanniens protestieren Greenpeace-Aktivisten heute gegen eine schmutzige Lieferung: Diesel-Pkw aus Deutschland.

Platzpark

Blumen statt Blech: Beim Park(ing) Day eroberten Aktivisten in 50 Städten die Straße zurück. Sie zeigen, was möglich ist, wenn Menschen statt Autos die Stadt prägen.