Atomstrom: globales Rekordtief – doch Japan steuert gegen

Die Welt lernt aus Fukushima

Elf Prozent Atomstrom weltweit: Die Reaktorkatastrophe in Fukushima beschleunigte dieses Rekordtief. Doch nun, vier Jahre später, will ausgerechnet Japan seine AKW wieder anfahren.

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Vier Jahre sind vergangen, seit ein Beben vor der japanischen Ostküste einen gewaltigen Tsunami auslöste. Die Flutwelle verwüstete weite Landstriche und verursachte im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi eine der schlimmsten nuklearen Katastrophen aller Zeiten. Bis heute leiden Zehntausende Japaner unter den Auswirkungen des atomaren GAUs; langfristige Folgen für Umwelt und Menschen sind weiter ungewiss. Die einzige Hoffnung nach der Katastrophe: Der globale Niedergang der Atomindustrie hat sich deutlich beschleunigt.

2013: Nur noch 11 Prozent Atomstrom weltweit

Nach dem Fukushima-GAU fiel die Atomstromproduktion bis 2013 auf ein Rekordtief von 11 Prozent der weltweiten Stromerzeugung.  Ein Großteil dieses Rückgangs lässt sich darauf zurückführen, dass Japan nach der Katastrophe alle seine Reaktoren vom Netz nahm. Doch auch in 16 weiteren Ländern verringerte sich der Anteil – darunter die großen Atomstromproduzenten Deutschland, Frankreich, Finnland, die USA und Südkorea.

„Atomenergie ist gefährlich, teuer und unnötig. Das hat Fukushima gezeigt“, sagt Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomenergie. „Japan ist seit 18 Monaten atomstromfrei und sollte nun die Energiewende vorantreiben.“ Leider will die japanische Regierung unter Premierminister Shinzo Abe eine andere Richtung einschlagen: zurück zur gefährlichen Atomkraft.

Japan ignoriert Lehren aus Fukushima-Desaster

Mit diesem atomfreundlichen Kurs widersetzt sich die Regierung dem Willen vieler Menschen in Japan. Sie fürchten einen weiteren GAU in einem der anderen 48 japanischen Atomreaktoren. Doch die Atomindustrie sitzt offenbar am längeren Hebel. „Japan ignoriert die wichtigen Lehren aus dem Fukushima-Desaster“, sagt Hisayo Takada, Energieexpertin von Greenpeace Japan.

Dabei hat die Zahl der Anlagen für Erneuerbaren Strom in Japan seit Verabschiedung des Einspeisegesetzes  im Juli 2012 rapide zugenommen. Einen Großteil der zusätzlichen Kraftwerksleistung liefern kleine Photovoltaik-Anlagen. Doch die großen Energieversorger verwehren ihnen mit staatlichem Einverständnis ausreichenden Zugang zum Stromnetz. „Die Energiepolitik Abes verhindert Investitionen in Erneuerbare Energien trotz des großen Wind- und Solarpotentials, das Japan besitzt“, kritisiert Takada.

Diese Ansicht unterstützt auch Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin ist gerade zu Besuch in Japan – und äußerte sich dort kritisch zu den Plänen der Regierung Abe, demnächst das erste AKW wieder ans Netz zu nehmen.

Zurück auf 15 bis 25 Prozent Atomstrom?

Denn entschieden ist der künftige Energiekurs des Landes offiziell noch nicht. Japan hat bisher weder seine Klimaziele noch ein Energieszenario für das Jahr 2030 beschlossen – die europäischen Staaten hingegen zurrten diese Pläne auf dem EU-Gipfel im vergangenen Jahr fest. Bis zum G7-Gipfel im Juni in Deutschland sollen Japans Entscheidungen allerdings feststehen. Das japanische Wirtschaftsministerium befürwortet derzeit einen Energiemix von 15 bis 25 Prozent Atomkraft und 20 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien. Greenpeace Japan hält solch einen hohen Anteil an Atomstrom für unrealistisch und fordert: Kein einziger Reaktor darf je wieder ans Netz. 

Publikationen

Japans Atomkrise

Jahr vier Statusreport: Die Atomkatastrophe von Fukushima Daiichi

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