Gewinner des Greenpeace Photo Awards: Reportage über die Komi von Dmitrij Leltschuk

Komische Kilometer

Expedition ins Rentierreich: Fotograf Dmitrij Leltschuk reiste mit dem Nomaden- und Hirtenvolk der Komi und dokumentiert, wie die Ölindustrie ihre traditionelle Lebensart zerstört. 

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Zweieinhalb Wochen begleitete der Hamburger Fotograf Dmitrij Leltschuk eine Familie von Rentierzüchtern in der russischen Tundra. Sie gehören zum Stamm der Komi-Ischemzen, die traditionell als Nomaden durch die karge Wildnis am Polarkreis ziehen. Sesshaft sind sie nur einen Monat im Jahr. Doch die Ölindustrie verändert das Land und das Leben. Wo sie jagen und fischen, sucht die Industrie nach Öl. Immer wieder passieren Unfälle auf dem Land der Komi: Sie trinken verseuchtes Wasser, und die Tiere – ihr Kapital – verletzen sich an dem Müll, den die Ölsucher hinterlassen.

Dmitrij Leltschuk kennt die Geschichte der Komi – und war unzufrieden, wie man ihr Land bislang ins Bild gesetzt hat: „Man war vor Ort und hat abfotografiert, was man gesehen hat. Aber man hat mit den Ureinwohnern dieser Gegend keine Zeit verbracht, und das hat mich gestört.“ Greenpeace hat schon einmal die Missstände vor Ort dokumentiert, aber Leltschuk wollte es diesmal anders machen. Seine Bilder zeigen die ökologischen Folgen der Ölunfälle und zeichnen gleichzeitig ein unsentimentales, aber zuneigungsvolles Bild der Komi.

Unter dem Titel "Bis zum letzten Tropfen" ist die vollständige Bilderserie ab heute im Hamburger Museum der Arbeit zu sehen, gemeinsam mit Arbeiten zweier weiterer Fotografen. Alle drei Projektideen wurden 2014 von der Jury des Greenpeace Photo Awards ausgewählt und im vergangenen Sommer realisiert.

Die Fotos

Die runden Zelte, in denen die Komi-Ischemzen in der Tundra übernachten, heißen Tschum. "Nachts wird es darin sehr kalt, auch wenn ein kleiner Blechofen da in der Mitte steht", sagt Leltschuk. Aber wo kein Wald ist, gibt es auch keine dicken Brennhölzer.

Ihre Behausung lässt sich schnell auf- und abbauen. Dann ziehen sie weiter.

Die Komi sind Nomaden. Sie durchstreifen die Tundra und führen ihre Rentierherden von Weideland zu Weideland. Doch das Gebiet, auf dem die Tiere gefahrlos grasen können, wird immer knapper.

"Die Rentiere sind das Gold der Tundra, die wahre Währung", sagt Leltschuk. Doch sie sind auch ein anfälliges Gut. Weil die Prospektoren der Ölindustrie nicht hinter sich aufräumen, ist die Tundra mittlerweile voller Müll. Und der kann den Tieren zum Verhängnis werden. An Glasscherben und rostigen Metallseilen verletzen sie sich die Beine – und müssen schlimmstenfalls getötet werden.

In vielen Gebieten der Tundra sieht es mittlerweile so aus. "Bevor ich dorthin gereist bin, habe ich mir vorgestellt, dass das Problem eigentlich nur aus dem Mangel an sauberem Trinkwasser besteht. An Müll habe ich überhaupt nicht gedacht", so Leltschuk.

Ihren eigenen Müll verbrennen die Komi bevor sie weiterziehen.

Dass Ölkonzerne in der Tundra nach Öl suchen, verändert das Leben der Komi-Ischemzen. Das Trinkwasser, das sie aus kleinen Seen und Nebenflüssen des Kolwa beziehen, ist verschmutzt und stinkt. "Die Komi versuchen natürlich sich gegenseitig einzureden, dass das Wasser klar ist. Und braun nur wegen des Torfs", sagt Leltschuk. Doch so wirklich glauben sie es selbst nicht. "Ich hatte immer den Eindruck, dass sie das Thema auch ein wenig verdrängen."

Das Bild der Tundra hat sich in nur wenigen Jahren stark verändert. Mittlerweile sehen die Ischemzen an vielen ihrer traditionellen Weideplätze solche Fackeln am Horizont. Und immer wieder geschehen Ölunfälle. Die Erdölindustrie versucht danach jedes Mal, mit Geschenken an die Komi Abbitte zu leisten. "Ich weiß nicht genau, was das für Geschenke sind, das verschweigen sie mir. Aber es sind auf keinen Fall Geldgeschenke."

Das Leben in der kargen Wildnis ist entbehrungsreich. Galina, die Frau der Familie, die Dmitrij Leltschuk begleitet hat, läuft täglich mehrere Kilometer, um Wasser zu holen. Brunnen gibt es nicht. Zu ihrem Glück haben die Komi ein eigentümliches Verhältnis zu Zeit und Raum: "Wir sind mehrere Male umgezogen in der Zeit, in der ich da war, und jedesmal fragte ich, wie viele Kilometer wir unterwegs sind", erinnert sich Leltschuk. "Die Antwort war: Vielleicht… Drei Kilometer! Und dann fuhren wir den ganzen Tag, bis es dunkel war. Am Ende fragte ich ganz erschöpft: Waren das drei Kilometer? Und sie sagten: Das waren drei komische Kilometer!"

Strom gibt es bei den Komi für zwei Stunden am Abend: Dann läuft der Generator. "Das ist schon ein Luxus in der Tundra. Denn der Stromgenerator arbeitet mit Benzin, und das ist dort rar und teuer", sagt Leltschuk und weist auf die Ironie hin: "Obwohl Benzin ja in der Gegend produziert wird!"

alle Fotos © Dmitrij Leltschuk

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