Danicley de Aguiar, Campaigner bei Greenpeace Brasilien, im Interview

„Botschaft für die Welt“

Das Aus für ein Staudamm-Projekt im Amazonas ist ein Erfolg für die dort lebenden Indigenen. Warum ihre Heimat dennoch in Gefahr ist, sagt Greenpeace-Campaigner Danicley de Aguiar.

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Die gute Nachricht kam im August dieses Jahres. Da entschied die brasilianische Regierung, den geplanten Mega-Staudamm São-Luiz-do-Tapajós nicht im Amazonas zu bauen. Ein wichtiger Erfolg für den Schutz des Amazonas-Flusses Tapajós, den Regenwald – und vor allem für das dort lebende indigene Volk der Munduruku. Doch ausgestanden ist der Kampf für den Erhalt ihres Lebensraumes noch nicht: Mehr als 40 weitere Staudämme sollen entlang des Flusslaufes entstehen.

Danicley de Aguiar ist Campaigner bei Greenpeace in Brasilien und maßgeblich an der Kampagne zum Schutz des Amazonas-Regenwaldes beteiligt. Er steht im engen Kontakt mit den Munduruku, ist häufig bei ihnen vor Ort und unterstützt sie. Wir haben ihn gefragt, was das Aus für das Staudamm-Projekt São-Luiz-do-Tapajós für die Munduruku bedeutet – und wie es für ihre Heimat weitergeht.

Nach den Protesten der Munduruku und Greenpeace wurde das Staudammprojekt São-Luiz-do-Tapajós gestoppt. Warum ist dieser Erfolg so außergewöhnlich?

Danicley de Aguiar: Die Beendigung des Lizenzierungsverfahrens für den Damm ist tatsächlich ein großer Erfolg. Wenn man sich die Geschichte des Widerstands gegen Megadamm-Projekte im Amazonas ansieht, fällt dabei auf, wie herausragend die Rolle der Munduruku in diesem Fall ist. Sie haben sich ihrem Schicksal entgegengestellt und ihre Botschaft für den Schutz ihrer Heimat in die Welt geschickt.

Doch der Erfolg ist auch auf anderer Ebene außergewöhnlich: Es war das erste Mal in jüngster Vergangenheit, dass ein Genehmigungsprozess für ein Staudammprojekt beendet wurde – und zwar wegen Mängeln in der Umweltverträglichkeitsprüfung, die von Indigenen und Greenpeace aufgedeckt wurden.

Was bedeutet der Erfolg für die Munduruku?

Als ich dem Oberhaupt der Munduruku die Entscheidung der brasilianischen Umweltbehörde gegen das Staudamm-Projekt überbrachte, lächelte er. Er sagte, dieser Moment sei wie ein Traum, aus dem er nicht erwachen möchte. Aber er sagte auch, dass er und sein Volk wachsam bleiben müssen: Die Munduruku glauben nicht daran, dass die Regierung und die Konzerne so leicht aufgeben. Seine Leute werden jederzeit bereit sein, den Fluss Tapajós und den Amazonas-Regenwald weiterhin zu beschützen.           

Kann der Erfolg die Ära der Staudamm-Großprojekte im Amazonas beenden? 

Wenn ich mir die letzten Äußerungen des brasilianischen Ministers für Minenbau und Energie und die des Präsidenten des Energie-Rechercheinstituts anhöre, dann glaube ich nicht, dass Brasiliens Regierung ihre Pläne für mehr Großstaudämme im Amazonas aufgeben wird. Ich habe eher den Eindruck, dass sich die neue Regierung gerade so aufstellt, dass sie eine bessere Finanzierungsgrundlage für Großprojekte in der Region schafft. Aus Äußerungen höre ich zudem heraus, dass durchaus auch Projekte mit noch größeren Wasser-Reservoirs geplant werden könnten. Bei denen wären die Auswirkungen auf Menschen und Natur sogar noch gravierender.

Weltweit haben sich mehr als 1,2 Millionen Menschen gegen den Staudamm und für den Amazonas ausgesprochen. Was hat diese globale Mobilisierung bewirkt?

Die Unterstützung all dieser Menschen ist enorm wichtig, um die Stimme der Munduruku zu stärken und ihnen Hoffnung zu geben. Die Menschen waren maßgeblich daran beteiligt, dass die Munduruku gehört wurden und werden. Sie haben deren Anliegen aus Brasilien hinausgetragen und zu einer globalen Kampagne zum Schutz des Amazonas wachsen lassen. Sie haben der brasilianischen Regierung gezeigt, dass die Verletzung von Indigenen-Rechten und die Zerstörung des Amazonas nicht toleriert wird – nicht in Brasilien und auch nicht im Rest der Welt.

Die Munduruku warten immer noch auf die Anerkennung ihres Landes Sawré Muybu. Welche Bedeutung hat die Entscheidung gegen den São-Luiz-do-Tapajós-Damm für indigene Landrechte?

Vor kurzem hat der UN-Menschenrechtsrat der brasilianischen Regierung in einem neuen Bericht geraten, den Demarkierungsprozessen für indigene Territorien zuzustimmen und den Umweltschutz dort zuzusichern. Und zwar speziell in den Gebieten, die von großen Infrastruktur-Projekten bedroht werden. Das ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass die internationale Gemeinschaft besorgt ist über die Verletzung von Indigenen-Rechten in Brasilien.

Dennoch gibt es keine Garantie dafür, dass die Regierung des Landes der Empfehlung des Menschenrechtsrates folgt – obwohl viele Indigenen-Gebiete von Staudämmen bedroht sind. Denn dann müsste sie einige der Staudammprojekte stoppen, die sie selbst als Motor für die Wirtschaft Brasiliens angepriesen hat.

Was ist künftig notwendig, um die Rechte der indigenen Völker im Amazonas zu stärken, und wie kann Greenpeace helfen?

Die Mobilisierung der brasilianischen Gesellschaft und der internationalen Öffentlichkeit ist entscheidend, um Brasiliens Regierung unter Druck zu setzen. Sie muss handeln, damit die Rechte von Indigenen in Brasilien gewahrt und respektiert werden und der Schutz des Amazonas vorangebracht werden kann.

Greenpeace kann zum Beispiel Umweltverträglichkeitsprüfungen fragwürdiger Projekte analysieren oder Energie-Lösungsszenarien vorschlagen, die ohne Staudämme im Amazonas auskommen. Außerdem geben wir den Munduruku gemeinsam eine starke Stimme, die weltweit gehört wird. Sie soll ihre Heimat schützen: den einzigartigen Lebensraum Amazonas.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Eye On The Taiga

Wie die angeblich "nachhaltige Forstwirtschaft" der Industrie in Russland die großen Wälder des Nordens zerstört. (Englischsprachiger Report.)

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