Australiens oberstes Gericht stoppt Kohlemine

Schicht im Schacht

In Australiens gigantischer Carmichael-Mine darf vorerst keine Kohle gefördert werden – auch ein Erfolg der Greenpeace-Kampagne zum Schutz des Great Barrier Reef.

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UPDATE vom 20.4.2016: Nur sieben Prozent der gesamten Fläche des Great Barrier Reefs sind bislang von den Folgen des Klimawandels verschont geblieben, so die Ergebnisse eines australischen Forschungsberichts. 93 Prozent des Riffs sind durch den Temperaturanstieg des Wassers von Korallenbleiche befallen. Im Norden ist sie sogar so weit fortgeschritten, dass 50 bis 90 Prozent der Korallen bereits abgestorben sind.

„Die australische Regierung muss angesichts dieser erschütternden Neuigkeiten handeln“, sagt Shani Tager von Greenpeace Australien. „Der Abbau und Verbrauch von Kohle befeuert den Klimawandel und erwärmt das Meer – das Riff wird dadurch zunehmend zerbrechlicher. Wir müssen die Kohleindustrie in die Schranken verweisen, bevor diese verheerende Bleiche Jahr für Jahr wiederkehrt.“

UPDATE vom 21.3.2016: Die Korallenbleiche am Great Barrier Reef ist so weit vorangeschritten, dass die zuständige Marineparkbehörde Alarm schlägt: Die Great Barrier Reef Marine Park Authority hat gestern die Bedrohungsstufe 3 ausgegeben, die höchstmögliche. Vor allem im nördlichen Bereich des Riffs sei der Zustand äußerst besorgniserregend. „Die Bilder sind verheerend“, sagt Shani Tager von Greenpeace Australien. „Einige Teile des Riffs haben wegen der hohen Wassertemperatur die Hälfte ihres Korallenbestands verloren.“

Während das Great Barrier Reef die schwerwiegendste Korallenbleiche seit Jahren erleidet, ist die Inbetriebnahme der klimaschädlichen Carmichael-Kohlemine in Queensland noch immer nicht vom Tisch. Um die Erderwärmung aufzuhalten und das Great Barrier Reef zu retten, müssen fossile Brennstoffe im Boden bleiben – Carmichael darf darum nicht genehmigt werden.

UPDATE vom 2.9.2015: Die 14. Bank hat dem Projekt eine eindeutige Absage erteilt. Die National Australia Bank, eine der größten Banken des Landes, veröffentlichte heute die Stellungnahme, dass sie nicht an der Finanzierung der Carmichael-Mine beteiligt ist und sich auch in Zukunft nicht beteiligen wird. "Die Carmichael-Mine ist unrentabel und gefährdet die Umwelt", kommentiert Nikola Casule, Energie-Experte von Greenpeace Australien, die Entscheidung. "Darum traut sich keine Bank auch nur in die Nähe davon. Die Regierung sollte nicht weiter Steuergelder an dieses zum Scheitern verurteilte Projekt verschwenden."

UPDATE vom 11.8.2015: Nach dem gewaltigen Druck der Greenpeace-Kampagne hat sich auch die britische Bank Standard Chartered von ihrer Beraterrolle im Carmichael-Kohleprojekt zurückgezogen, damit haben 13 Banken dem Projekt ihre Unterstützung verwehrt. Eine Inbetriebnahme der Mine wird immer unwahrscheinlicher.

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Die kleine Stadt Collinsville ist von der Kohleindustrie umgeben. Ringsum wird gefördert, die Kohle rattert in Zügen durch den Ort. Carol Cosetino wohnt bereits ihr ganzes Leben hier. „Vor einem Jahr haben wir den Wassertank meiner Mutter gesäubert und sechs Zoll schwarzen Schlamm am Boden gefunden“, sagt sie. „Das war ein bisschen furchteinflößend.“

Nun ist Carol Cosetino guter Hoffnung, dass ihr Trinkwasser künftig frei vom schwarzen Schlamm ist. Denn den gravierenden Schäden, die der Bergbau in Queensland anrichtet, soll Einhalt geboten werden: Ein Großteil der australischen Schwarzkohle bleibt im Boden – vorerst jedenfalls. Der Bundesgerichtshof von Australien widerrief heute Umweltminister Greg Hunts Genehmigung für die gigantische Kohlemine Carmichael. Das Gericht ist der Meinung, dass die drohenden Umweltschäden – unter anderem fürs Great Barrier Reef – bei der Entscheidung nicht ausreichend in Betracht gezogen worden waren. Eine Ansicht, die auch Greenpeace teilt. Der Stopp der Carmichael-Mine ist nun ein Erfolg der jüngsten Kampagne zum Schutz des Riffs.

„Wir können entweder Kohle oder ein gesundes Riff haben“, sagt Dr. Nikola Casule, Energie-Experte von Greenpeace Australien. „Beides geht nicht.“ Zu dieser Einsicht kam jetzt auch das höchste Gericht Australiens  und verlangt von dem Minister eine Neubewertung der Sachlage. So lange darf Carmichael nicht in Betrieb gehen.

Banken stoppen finanzielle Unterstützung

Doch auch ohne endgültigen Beschluss dürfte dies das Aus für das Projekt bedeuten. Kurz nachdem das Gericht seine Entscheidung bekanntgegeben hatte, zog sich die Commonwealth Bank, eines der größten Geldinstitute Australiens, als Investor der Carmichael-Mine zurück. Bereits im Mai setzte die britische Bank Standard Chartered aufgrund der undurchsichtigen Folgen für die Umwelt ihre Unterstützung vorläufig aus. Der Imageschaden ist beträchtlich, mit unkalkulierbaren wirtschaftlichen Folgen für den Betreiber der Mine.

Aber es liegt an der Politik, dem gefährlichen und unrentablen Projekt den Todesstoß zu versetzen. „Mr. Hunt hat nun eine zweite Chance, seinen Job richtig zu machen“, so Casule. „Er muss einen Schlussstrich unter diese gewaltige Mine setzen, die das Welterbe Great Barrier Reef verwüsten würde und eine Klimakatastrophe nach sich zöge.“ Es wäre ein wichtiger Schritt zur Erhaltung des Riffs, das kurz vor der Aufnahme in die Rote Liste der Unesco steht. Der Schiffsverkehr und die Ableitungen der Kohleindustrie ins Meer bedrohen das zerbrechliche Unterwasser-Ökosystem, das sozusagen vor der Haustür der Australier liegt.

Wasserverbrauch: eine Schwimmbad-Füllung alle zwei Stunden

Die geplante Mine im Galilee-Basin ist ein Mammutprojekt, zu dem auch der Ausbau des Hafens in Abbot Point gehört, von wo aus die Schwarzkohle verschifft werden soll. Das Gelände von Carmichael ist 28.000 Hektar groß, 25 Kilometer lang und 12 Kilometer breit – das ist das Siebenfache der Fläche des Hafens von Sydney. Hier würden 121 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr produziert – viermal so viel wie der Nachbar Neuseeland im selben Zeitraum ausstößt. Der veranschlagte Wasserverbrauch der Anlage beträgt schwer vorstellbare 12 Milliarden Liter im Jahr: ein Schwimmbecken in Wettkampfgröße alle zwei Stunden.

Schon jetzt beeinträchtigt der Kohleabbau das Leben der Menschen im Galilee-Basin, vor allem bei der Wasserversorgung. Farmer befürchten, dass die durstige Mine ihnen buchstäblich das Wasser abgräbt – zusätzlich zur Knappheit bei der durch den CO2-Ausstoß beschleunigten Klimaerwärmung. „Die Landwirtschaft in Australien ist schwierig genug, so wie sie ist“, sagt John Graham, der die Rinderfarm Withersfield Station am Rand des Galilee-Basins betreibt. „Noch mehr Dürreperioden können wir nicht aushalten.“

Im Januar hatte die Mackay Conservation Group, eine australische Nichtregierungsorganisation, die Genehmigung der Carmichael-Mine vor Gericht angefochten. Während der Anhörungen kristallisierte sich heraus, dass der Genehmigung für die Mine ungenaue Informationen zugrunde lagen, etwa über den Wasserverbrauch oder die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze. Mit der Commonwealth Bank haben bislang zwölf internationale Banken dem Projekt ihre Unterstützung verwehrt, aus wirtschaftlichen wie umweltpolitischen Gründen. Es steht in Aussicht, dass nach der heutigen Entscheidung noch mehr Banken folgen werden – ein Vertrauensentzug, der hoffentlich das Ende von Carmichael bedeutet und damit auch einen schweren Rückschlag für Australiens Kohlepolitik.

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