Walstrandungen in der Nordsee

Auf Irrwegen

Zwölf junge Pottwale fanden in den vergangenen Tagen in der Nordsee den Tod. Thilo Maack, Greenpeace-Experte für Meere, erklärt die Hintergründe der Unglücksserie.

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UPDATE 25.1.: Die Unglücksserie in der Nordsee hält an. Am Freitagnachmittag strandete ein einzelner Pottwal‎ in Norfolk an der ostenglischen Küste und verendete dort im seichten Wasser. Später fanden Spaziergänger weiter nördlich bei Skegness weitere drei Walkadaver. Aktuelle Informationen zu den Walstrandungen finden Sie auf unserem Blog.

UPDATE 18.1.: Bei zwei der verendeten Wale wurden Fischernetze im Magen gefunden, das ergab die Sektion eines auf der niederländischen Insel Texel gestrandeten Tieres und eines auf Wangerooge gestorbenen Pottwals. Geisternetze, also verloren gegangenes oder absichtlich entsorgtes Fischereigerät, stellen eine Gefahr für Fische, Meeressäuger und Vögel dar. Zudem zersetzen sich die Kunststoffnetze mit der Zeit zu sogenanntem Mikroplastik, das zurück in die Nahrungskette gelangt.

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Im Meer kann eine falsche Abzweigung den Tod bedeuten. Pottwale, die sich auf dem Weg aus dem Norden in wärmere Gewässer nahe des Äquators begeben, verlieren manchmal die Orientierung und landen in der Nordsee. Das ist in den vergangenen Tagen gleich mehrfach geschehen: Zwölf Wale sind dabei bislang an der Nordseeküste verendet – sechs vor der niederländischen Insel Texel, zwei auf Wangerooge, zwei in der Wesermündung vor Bremerhaven und zwei vor Helgoland.

Thilo Maack, Meeresbiologe und Greenpeace-Experte für Ozeane, erklärt im Interview, warum die Nordsee für die Wale zur Falle wird, und warum die Kadaver wie Sondermüll behandelt werden müssen.

Greenpeace: Handelt es sich bei den zwölf verendeten Walen um eine erschreckend hohe Zahl, im Vergleich zur Vergangenheit? Oder kommt so etwas häufiger vor?

Thilo Maack: Das kommt manchmal vor, wenn auch nicht oft. Seit 1990 sind 80 Pottwale an der Nordseeküste verendet. Es handelt sich dabei ausnahmslos um jüngere Pottwalbullen, die in kleineren Herden durch die Meere ziehen.

Offenbar verlieren die Tiere auf dem Weg aus dem Norden zum Äquator die Orientierung gibt es Anzeichen, dass menschengemachte Umwelteinflüsse dafür verantwortlich sein könnten?

So wie die Welt der Menschen aus Bildern besteht, besteht die Welt der Wale aus Tönen. Gerade im Industriegebiet Nordsee nimmt der Unterwasserlärm immer weiter zu, das könnte den Orientierungsverlust der Tiere maßgeblich beeinflusst haben. Es gibt dafür keine Belege, ist aber nicht auszuschließen.

Warum ist die Nordsee so gefährlich für die Tiere?

Pottwale sind es gewohnt, in Tiefen von über tausend Metern zu jagen. Unsere Ozeane sind durchschnittlich fast 4000 Meter tief, und entsprechend ist auch das Echolokationssystem der Tiere auf diese Wassertiefen ausgelegt. Die Nordsee hingegen ist mit ihren 100 Metern Wassertiefe kein normaler Lebensraum für Pottwale. Geraten sie dann in den Einfluss der Gezeiten, enden sie bei Ebbe auf dem Trockenen und können sich aus eigenen Kräften nicht mehr freischwimmen. Ohne die Schwerelosigkeit des Wasser sind die Pottwale zum Tod durch Ersticken verdammt: Ihre Lungen werden von ihrem eigenen Gewicht so stark zusammengedrückt, dass sie nicht mehr atmen können.

Was tut man jetzt mit den geborgenen Tieren? Worauf werden sie untersucht?

Die Tiere werden jetzt zerteilt und abtransportiert. Wegen des hohen Gewichtes kann man nicht den ganzen Pottwal bewegen – die wiegen bis zu 20 Tonnen! Die Skelette der Tiere sollen in verschiedenen Museen ausgestellt werden, Fleisch und Speck werden in die Tierkörperbeseitigung gebracht. Bei der Obduktion kann der Mageninhalt aufschlussreich sein. In der Vergangenheit wurden in den Mägen von Pottwalen riesige Mengen Plastik gefunden, das die Tiere mit Nahrung verwechselt und gefressen haben.

Was passiert mit den Kadavern, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind?

Früher wurden die Wale bei Strandungen an Ort und Stelle vergraben. Greenpeace-Untersuchungen in den Neunzigerjahren haben gezeigt, dass die Tiere allerdings extrem stark mit Schwermetallen und chlororganischen Verbindungen belastet sind. Wir wiesen nach, dass die toxische Belastung der Kadaver das Erdreich in der unmittelbaren Umgebung stark belastet hätte. So hart es klingt, Pottwale müssen wie Sondermüll behandelt werden.

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