EU-Minister entscheiden Fangquoten für 2016

Nachhaltig geht anders

Verbessert, ohne gut zu sein: Die EU-Fischfangquoten für das kommende Jahr sind da. Bundesminister Schmidt freut sich über erholte Bestände, dabei sind viele immer noch überfischt.

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Wer wieviel Fisch aus dem Meer ziehen darf, regelt Europa  jedes Jahr von neuem: Einfach losfahren und Netze auswerfen darf kein Land der Union. Am Ende der Quotenverhandlung steht immer ein Kompromiss: Echter Schutz sieht anders aus – aber Länder mit großer Fischereiflotte wie Spanien, Frankreich oder Portugal drängen stets auf weitreichende Nutzungsrechte.

Wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten haben die EU-Fischereiminister die Fangquoten für den Nordost-Atlantik und das Schwarze Meer verhandelt. Als Grundlage dient ihnen dabei die wissenschaftliche Empfehlung des Rates für Meeresforschung (International Council for the Exploration of the Sea, ICES). Für einige Bestände wurden die Quoten angehoben, andere blieben gegenüber dem Vorjahr unverändert. Für die Nordseefischer heißt das unter anderem: Die Fangmengen für Kabeljau, Schellfisch und Hering wurden erhöht.

„Das Ergebnis des Fischereiministerrats geht in die richtige Richtung, allerdings längst nicht für alle Bestände“, sagt Thilo Maack, Greenpeace-Experte für Meere. „Jahrelang hat die industrielle Fischereilobby wissenschaftlichen Empfehlungen zum Trotz maßgeblich die Entscheidung beeinflusst - zu Lasten der Meere. Die Konsequenzen dieser systematischen Überfischung sind bis heute spürbar“, so der Experte.Für einige Bestände hatten die Wissenschaftler sogar eine Einstellung der Fischerei gefordert – zum Beispiel für den Kabeljau in der Irischen See. Doch das wurde nicht umgesetzt. "Die Fangquote für Nordseekabeljau entspricht im kommenden Jahr einem bloßen Zehntel der Fangmengen der Achtzigerjahre“, sagt Greenpeace Meeresbiologe Thilo Maack angesichts des dezimierten Bestandes: Mehr ist nicht mehr da.

Die Begeisterung von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, der von einer explosionsartiger Vermehrung des Nordseeherings spricht, verhallt in den wissenschaftlichen Fakten, denn: „Der Bestand des Nordseeherings stagniert“, sagt Maack. „Außerdem setzt Minister Schmidt ein falsches Signal in Richtung Verbraucher. Fisch sollte als Delikatesse betrachtet werden, für die man sich selten und bewusst entscheidet!“

40 Prozent der Bestände sind überfischt

Auch wenn sich einige Bestände allmählich erholen, sind immer noch 40 Prozent der Speisefisch-Bestände im Nordostatlantik und in der Nordsee überfischt. In der Vergangenheit hatten die Fischereiminister die Fangquoten wesentlich höher angesetzt, als die Wissenschaftler vorgeschlagen hatten. „So hinterlässt die höhere Fangquote für den Nordseekabeljau einen bitteren Beigeschmack, wenn man bedenkt, dass der Bestand zwanzig Jahre lang als überfischt galt“, gibt Maack zu bedenken.

Ihr selbst gesetztes Ziel haben die Fischereiminister sowieso verpasst: die Überfischung für die meisten Bestände bis 2015 zu beenden. Mehr noch: Bis 2020 sollen sämtliche Speisefischbestände in einem Zustand sein, der einen maximal nachhaltigen Dauerertrag garantiert. "Doch das wird mit dem eingeschlagenen Weg nicht funktionieren“, sagt Maack. „Vielfach ist der Fischereidruck nach wie vor zu hoch.“

Um zu einer Fangquoten-Entscheidung zu kommen, wird zunächst eine wissenschaftliche Empfehlung vom Rat für Meeresforschung in Kopenhagen eingeholt. Die dortigen Wissenschaftler erheben alljährlich Daten zur Größe der Speisefischbestände. Diese Empfehlung wird zunächst von der EU-Kommission beurteilt, die daraufhin mit einem eigenen Vorschlag an den Rat der Fischereiminister herantritt. Die Entscheidung fällt letztendlich dort.

Die europäische Fischereikrise ist nicht beendet

Wissenschaftliche Erwägungen hatten dabei in der Vergangenheit nicht das notwendige Gewicht. Politische Interessen und kurzfristige Profite waren stets die Triebfedern – die Folge: Fangquoten wurden viel zu hoch angesetzt. Bis heute ist die europäische Fischereikrise, die dadurch ausgelöst wurde, nicht beendet.

Ein weiteres Versäumnis wird bei der Diskussion über Fangquoten deutlich: Die umweltschonende regionale Küstenfischerei hat das Nachsehen, während die industrielle Fischerei sich ungebrochener Unterstützung erfreut. Darunter leidet vor allem der Fischbestand der Ostsee. Bereits im Oktober waren die Fischfangquoten für das Gebiet auf Betreiben der Bundesregierung viel zu hoch beschlossen worden. Statt die Ostseedorschquote um 80 Prozent zu reduzieren, wie von Wissenschaftlern gefordert, wurde lediglich ein Einschnitt von 20 Prozent beschlossen.

Außerdem müssen die Dorsche mittlerweile nur noch ein Mindestmaß von 35 Zentimetern aufweisen, statt wie zuvor 38 – dabei wären selektivere Fangnetze ein Schritt hin zu einer nachhaltigeren Ostseefischerei. Davon ist aber nichts zu spüren: Von der Regelung haben die strukturschwachen Regionen an der Küste rein gar nichts. Profit machen weiterhin diejenigen, die überhaupt erst für die Fischereikrise verantwortlich sind.

Neuer Greenpeace-Fischratgeber im Januar

Aufschluss darüber, welcher Fisch auf den Tisch darf und von welchem man besser die Finger lässt, liefert der „Einkaufsratgeber Fisch“ von Greenpeace, der im Januar in neuer Auflage erscheint. Darin bewertet Greenpeace neben der Bestandsituation der kommerziell genutzten Fischarten auch die Fangmethode. Fallen zum Beispiel hohe Beifänge an Nichtzielarten an oder wird der Meeresboden durch die eingesetzten Netze zerstört, wird die Art als rot, sprich: "nicht empfehlenswert" gelistet. Damit liefert der Greenpeace-Einkaufsratgeber ein deutlich differenzierteres Bild als medienwirksame Äußerungen der Vertreter der Bundesregierung.

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