Ein Artikel von Rahel Osterwalder
Interview mit dem Toxikologen Wolfgang Reuter

Pestizide in Lebensmitteln und deren Auswirkungen

Im Alltag kommen wir oft mit den unterschiedlichsten Chemikalien in Kontakt: Wir tragen chemisch behandelte Kleidung, unsere Kinder vergnügen sich mit Spielwaren, die zum Beispiel Weichmacher enthalten, und nicht zuletzt essen wir fast jeden Tag Nahrungsmittel, die mit Pestiziden und Zusatzstoffen belastet sind. Welche Auswirkungen haben Pestizide auf den Menschen und seine Umwelt? Wir haben uns mit dem Biologen und Fachtoxikologen Wolfgang Reuter unterhalten, um mehr über die lauernde Gefahr im Alltag zu erfahren.

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Online Redaktion: Herr Reuter, Sie sind seit Jahren in der toxikologischen Bewertung von Chemikalien, insbesondere Pestiziden tätig. Was sind die besonderen Probleme der letzten Jahre in Bezug auf Pestizide und Lebensmittel?

Wolfgang Reuter: Die Belastung von konventionellem Obst und Gemüse mit Pestiziden hält sich seit Jahren auf hohem Niveau: Es sind ca. 60 Prozent aller Proben belastet. 40 Prozent aller Proben sind mit mindestens zwei Pestiziden belastet; diese Quote ist seit 2008 gestiegen. Mehr als jede zehnte Probe enthält mindestens 5 Pestizide.

Online Redaktion: Sie haben die Studie Die kombinierte Wirkung von Pestiziden auf Mensch und Umwelt ausgearbeitet. Was sind die auffälligsten Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit?

Wolfgang Reuter: Es gibt äußerst vielfältige Wechselwirkungen von Pestiziden untereinander, aber auch mit anderen Umweltchemikalien wie zum Beispiel Weichmachern. Die ausgewerteten wissenschaftlichen Studien berichten von toxischen und ökotoxischen Kombinationseffekten, die sich addieren oder auch potenzieren. Dies gilt auch für Kombinationswirkungen von Pestiziden mit Naturstoffen, Organismen oder auch veränderten Umweltbedingungen.

Online Redaktion: Wie gefährlich ist der Chemieeinsatz für die Gesundheit? Was ist das besondere an Mehrfachbelastungen von Lebensmitteln?

Wolfgang Reuter: Die Erforschung der Kombinationswirkungen durch Pestizide auf die menschliche Gesundheit ist schwierig, weil der Mensch auch anderen stofflichen Belastungen ausgesetzt ist. Aus Studien an Arbeitern im Pestizideinsatz wissen wir aber, dass diese Menschen und auch deren Kinder einem hohen Risiko ausgesetzt sind, zum Beispiel im Bezug auf Fruchtbarkeit oder Entwicklung der Kinder. Es ist nahezu gesichert, dass Pestizide eine Ursache für Parkinson sind. Zudem sind die Erkenntnisse der letzten Jahre zur Niedrigdosisbelastung durch hormonell wirksame Stoffe (zu denen auch viele Pestizide gehören) aus meiner Sicht besorgniserregend.

Online Redaktion: Wird von den Bundes- und Landesbehörden ausreichend kontrolliert? Was sollten die Behörden tun, um die Verbraucher zu schützen?

Wolfgang Reuter: Die Bundesbehörden sind in der Berücksichtigung der Kombinationswirkungen bei den Grenzwerten wenig tätig; in der EU kommt die Erforschung der Kombinationswirkungen nur sehr langsam voran. Einen Summengrenzwert für Pestizide, wie er für Trinkwasser existiert, gibt es im Bereich der Lebensmittel nicht. Ein solcher Grenzwert wäre schon aus Vorsorgegründen dringend geboten.

Online Redaktion: Sind Produkte aus biologischem Anbau immer besser? Sollte auf gewisse Lebensmittel aus konventionellem Anbau besser verzichtet werden?

Wolfgang Reuter: Das jährliche Ökomonitoring zeigt, dass Produkte aus biologischem Anbau nicht bis nur sehr gering belastet sind. Allein dies mindert die Wahrscheinlichkeit von gesundheitlichen Folgen. Aus konventionellem Anbau sind 86 bis 100 Prozent aller Proben von Beerenobst, Trauben und Pfirsichen mit mehreren (bis zu 19) Pestiziden belastet. Allein zur Vorbeugung empfehlen sich hier Bio-Produkte.

Online Redaktion: Herzlichen Dank für das Gespräch!

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