Greenpeace-Report: schwere Sicherheitsmängel bei französischen und belgischen AKW

Schutz, los!

Frankreichs Atomkraftwerke sind Risikobetriebe, auch was den  Schutz vor Angriffen angeht. Betroffen sind vor allem ihre Abklingbecken, das zeigt ein Greenpeace-Report.

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Update vom 12. Oktober 2017

Heute in den Morgenstunden kletterten Greenpeace-Aktivisten über die Absperrung um das  französische AKW Cattenom. Im Außenbereich starteten sie  Feuerwerkskörper und wiesen so auf den unzureichenden Schutz des Reaktors hin. Denn das nahe der deutschen Grenze gelegene Atomkraftwerk hat eine massive Sicherheitslücke: das Abklingbecken. Der Wassertank, in dem die hochradioaktiven Brennelemente gekühlt werden, liegt in Cattenom – genau wie in fast allen französischen und belgischen Atomkraftwerken – außerhalb der Schutzhülle und ist deshalb besonders anfällig für Angriffe jeglicher Art. Das hatte ein am vergangenen Dienstag veröffentlichter Sicherheitsreport von Greenpeace Frankreich deutlich gemacht.

Außerdem, so berichtete Spiegel Online heute Morgen, habe Cattenom ein Problem mit nicht erdbebensicheren Wasserrohren. Der AKW-Betreiber EDF entdeckte diese Schwachstelle bei Kontrollen auch an 19 weiteren französischen Reaktoren. In seiner Meldung an die französische Atomaufsicht ordnete EDF sie auf Stufe 2 der internationalen Ines-Skala ein – also als „Störfall“ und nicht nur als „Materialmangel“.

Greenpeace fordert die französische Regierung auf, die Bevölkerung in Europa nicht länger durch ihre maroden und unsicheren Atomreaktoren zu gefährden und aus der Atomkraft auszusteigen. 

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In Fukushima wäre es fast passiert: Die atomare Überhitzung im Abklingbecken des Atomreaktors. Was wie „kaputtes Thermostat in der Badewanne“ klingt, ist in Wirklichkeit eine der schlimmsten Katastrophen, die die zivile Atomkraft zu bieten hat – unter Umständen noch schlimmer als ein Super-GAU in einem Reaktor selbst. Sie bedeutet: Wenn das Becken zu viel Kühlwasser verliert, überhitzen die hochradioaktiven Brennstäbe unaufhaltsam, bis es am Ende zu einer Wasserstoffexplosion kommt und das ganze hochradioaktive Cäsium, Strontium, Uran und Plutonium hoch in die Luft geschleudert wird und weite Landstriche verseuchen kann.

Das Prekäre: Die meisten Reaktoren in Frankreich haben ihre Abklingbecken – anders als beispielsweise die AKW in Deutschland – nicht innerhalb der Betonschutzhülle, sondern außerhalb, in einer nicht besonders dickwandigen Lagerhalle. Darauf verweist ein Sicherheitsreport, den Greenpeace Frankreich heute veröffentlicht. Sieben unabhängige Sicherheitsexperten haben 58 französische und sieben belgische Atomanlagen genauestens hinsichtlich ihrer Anfälligkeit für Angriffe von außen untersucht. Aufgrund der Brisanz der Ergebnisse übrigens legt Greenpeace die Details der Untersuchung nur den französischen Sicherheitsbehörden vor.

Nach 9/11

Gebaut wurden die AKW in  Frankreich und Belgien in einer Zeit, in der die größte Gefahr von Nationen ausging – den beiden Blöcken des Kalten Krieges. Angriffe von Dritten waren unwahrscheinlich. Und unter den Kraftwerksbauern galten alle Sicherheitsbedenken nur dem Reaktor selbst, in dem ja die sensible Kettenreaktion abläuft. Die Abklingbecken, in denen nichts weiter passiert außer dem Kühlen, wurden nicht als Gefahrenquelle erachtet.

Doch das war vor Al Kaida und IS. Vor 9/11 und Attentaten in Städten wie Paris, Berlin und Madrid. Die Zeiten haben sich geändert. Erst im Sommer warnte Interpol, dass die Gefahr von Anschlägen in Europa weiter zunehme – und das, obwohl sie ohnehin schon auf dem höchsten Stand seit Generationen liegt.

Ungeschütze Abklingbecken

Es wird nicht gern darüber geredet – als sei dadurch  die Idee, ein AKW für ein lohnendes Angriffsziel zu halten, aus der Welt. Dabei ist die Gefahr real, und die Möglichkeiten für einen Angriff sind gewachsen. Nicht einmal ein mit Betonmantel geschütztes AKW übersteht einen etwaigen gezielten Flugzeugabsturz, eine mit Sprengsatz beladene Drohne, Hackerangriffe, den gezielten Crash eines Flüssiggas-Tankers, die Sabotage durch Innentäter oder Angriffe mit tragbaren panzerbrechenden Lenkwaffen (zum Beispiel mit der russischen Kornet-E,  im Amerikanischen auch unter AT 14 bekannt, die der IS bei seinen Angriffen auf Kobane eingesetzt hat).

Und so ein dünnwandiges Abklingbecken erst recht nicht. Um ein Loch in solch einen mit Wasser gefüllten Lagertank zu reißen, braucht es in Frankreich und in Belgien nicht einmal besonders schwere Waffen. Jeder Selbstmordattentäter kann mit einer Panzerfaust, einem Sprengstoffgürtel, ja selbst mit einem mittelgroßen Lastwagen ein Abklingbecken in eine atomare Bombe verwandeln, wenn er das will.

Totschweigen hilft nicht

Und die Anzeichen existieren, dass sich Attentäter den Atomanlagen zuwenden. So gibt es zum Beispiel Hinweise auf einen geplanten Anschlag von Al Kaida auf das nahe Sydney gelegene AKW Lucas Heights im Jahr 2000, als dort die olympischen Spiele stattfanden. In Belgien kam 2014 heraus, dass im AKW Doel zwei langjährige Sicherheitstechniker des Hochsicherheitstraktes nur zwei Jahre zuvor nach Syrien verschwunden waren, um für den IS zu kämpfen. Und auch bei den Attentätern der Anschläge in Paris am 13. November 2015 oder denen vom Brüsseler Flughafen am 22. März 2016 wurden Unterlagen mit Recherchen über Atomanlagen gefunden.  Eigentlich ist es mehr Glück und Zufall, dass bis jetzt nichts noch Schlimmeres passiert ist. 

Bekannt ist diese Gefahr schon lange. Aber die Grande Nation spricht nicht gerne darüber. Jeglichen Diskurs über die Sicherheitsschwächen ihrer Nuklearanlagen wird mit „das betrifft Belange der inneren Sicherheit, das ist Staatsgeheimnis“ vom Tisch gewischt. Man will ja niemanden auf falsche Gedanken bringen.

Doch wir müssen darüber reden. Denn die Gefahr ist da, und auch wenn der vollständige Greenpeace-Sicherheitsreport nur an die zuständigen Behörden geht, kann sich jeder über öffentlich zugängige Quellen genug Informationen holen, um unsäglichen Schaden anzurichten. Wegsehen hilft nicht. Frankreich muss sich diesem Problem stellen.

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