Greenpeace-Studie analysiert die Schwachstellen von Endlager-Projekten

Darf es noch Salz sein?

Die Debatte um ein sicheres Atommüll-Endlager illustriert ein Kernproblem der Industrieländer: Was tun mit gefährlichem Müll? Ist „ab ins Bergwerk“ wirklich eine Lösung? 

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Am 5. Juli übergibt die Endlagerkommission nach zweijähriger Arbeit ihren Abschlussbericht an die Bundesregierung.  Bis zum Schluss gab es Streit um die Frage, ob der Salzstock Gorleben als potenzielles Endlager im Rennen bleiben soll oder nicht. Ergebnis: Er bleibt. Obwohl die Sicherheitsdefizite des Salzstocks gut dokumentiert sind.

Eine zweite Frage wird bisher kaum öffentlich diskutiert: ob Salzbergwerke generell geeignet sind, hochradioaktive Abfälle sicher einzuschließen. Und – noch grundlegender: ob die Endlagerung tief im Untergrund in der derzeit praktizierten oder geplanten Form über lange Zeiträume Sicherheit garantiert. Im Bericht der Kommission wird diese Lagerung noch als „beste Möglichkeit zu einer sicheren Entsorgung“ von hochradioaktivem Atommüll gesehen.

„Unbequeme Wahrheit“

Der renommierte Züricher Geologe Marcos Buser vom Institut für Nachhaltige Abfallwirtschaft (INA) hat für Greenpeace bereits bestehende  Projekte, Erfahrungen und Probleme analysiert. Buser gilt weltweit als einer der führenden Wissenschaftler in Fragen der tiefengeologischen Lagerung von Atommüll. Er war jahrzehntelang ein starker Fürsprecher dieser Lagerungsstrategie und hat als Vorsitzender der Schweizer EKRA-Expertenkommission das dortige Endlagerkonzept mitentwickelt.

Im Gegensatz zur Endlagerkommission kommt die Studie zu dem Schluss, dass alle bisherigen Endlager-Versuche in Bergwerken den Anforderungen nach dauerhafter Sicherheit nicht genügen. „Alternativen zu einem tiefengeologischen Endlager müssen dringend gesucht werden“, sagtTobias Münchmeyer, Greenpeace-Experte für Atomkraft. „Das ganze Konzept steht in Frage. Um diese unbequeme Wahrheit hat sich die Endlagerkommission bisher herumgedrückt.

Mit den Abfallbergen wächst der Druck

Derzeit existieren in den westlichen Industriestaaten vierzehn Endlagerstätten für hochgefährlichen Müll, die entweder betriebsbereit oder in Betrieb sind oder deren Planung weit vorangeschritten ist. Vier dieser vierzehn Stätten und ihre Probleme hat die INA GmbH Zürich im Auftrag von Greenpeace  genauer untersucht:  den Salzstock Asse in Niedersachsen, DMS St-Ursannne in der Schweiz, Stocamine im Elsass, WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) in New Mexico, USA.

In allen vier Fällen geht es um die Lagerung entweder in einem alten Salzstock oder in einem neu angelegten Bergwerk (WIPP). Stocamine in Frankreich und DMS St-Ursanne sind Endlager für chemotoxische Abfälle, in Schacht Asse und WIPP wurden radiotoxische Abfälle gelagert. Radiotoxizität bezeichnet die Schädlichkeit, die radioaktive Strahlung in Lebewesen entfaltet.

Ein grundlegendes Problem begleitet sämtliche Projekte von Anfang an,  stellt der Autor fest:  der Handlungsdruck. Gefährlicher Müll wird jahrzehntelang produziert, ohne ein solides Konzept zu seiner Beseitigung oder Verwahrung vorweisen zu können.  Die brisante Hinterlassenschaft wächst zu einem immer höheren Berg an und mit dem Berg wächst der Druck, auch der Kostendruck. Druck aber trübt den Blick. Denkfehler und Fehlplanungen sind die Folge. Die konzeptionellen Schwächen ziehen sich dann von Beginn an durch das gesamte Projekt, es ist zum Scheitern verurteilt.

Das Multibarrierenkonzept hat versagt

Ein Standbein bisheriger Tieflagerungskonzepte ist das Multibarrierenkonzept. Es beruht auf drei Säulen: Art und Verpackung des Mülls, technische Abdichtung und Kontrolle des Lagerortes, undurchlässiger geologischer Untergrund.

Die Studie kommt zu dem ernüchternden Ergebnis, dass dieses Konzept in allen unter die Lupe genommenen Fällen versagt hat. Gefährlicher Müll war unzulänglich verpackt, Aufsicht und Kontrollmechanismen versagten, die geologischen Voraussetzungen entsprachen nicht den Erfordernissen. „Die größte Schwachstelle im Endlagersystem“, schreibt Buser, „ist weiterhin der Grubenbau selber, der die natürlichen Schutzfunktionen des Wirtsgesteins durchbricht.“

Asse und der Mythos vom trockenen Salzstock

Ein Paradebeispiel dafür ist der Salzstock Asse. Schon während der Salzgewinnung trat im Bergwerk Asse immer wieder Lauge in die Abbaukammern aus. Seit 1988 laufen täglich zwölf Kubikmeter gesättigte Salzlösung aus dem Deckgebirge in die Lagerkammern, der Zufluss hat eindeutig Verbindung zum Grundwasser außerhalb des Salzstocks. 1994 wurden zum ersten Mal  die Freigrenzen für radioaktives Tritium im Grundwasserzufluss unter Tage überschritten, 2001 die für Cäsium 137. Warnungen vor einem „Absaufen“ der Grube gab es bereits 1979. Sie wurden ignoriert.

Die Studie stellt fest:  Die Trockenhaltung von Salzbergwerken ist ein Mythos, der besonders in Deutschland gepflegt wird.

Wirtschaftlichkeit siegt über Sicherheit

Als weiteren wichtigen Faktor beim Scheitern nennt Buser den Kostendruck. Er durchzieht alle vier Projekte wie ein roter Faden. Die Entscheidung für einen Standort und der Betrieb hingen von Wirtschaftlichkeitsaspekten ab. Und: In drei der vier Fälle erfolgte die Entscheidung für einen Standort, bevor dessen Qualität und Eignung festgestellt waren. Eine wirklich objektive Beurteilung war dadurch mindestens stark gefährdet, wenn nicht unmöglich.

Das führt wieder zur Diskussion um den Salzstock Gorleben. Der Standort wurde aus rein politischen Gründen ausgewählt, seine geologischen Mängel sind bekannt. Doch in die Erkundung ist schon viel Geld geflossen. Die Verlockung, sich den mühseligen und teuren Weg zu einem Atommüll-Endlager abzukürzen und zu nehmen, was schon da ist, liegt auf der Hand.

„Eine Endlagerung in Salz steht vor dem Aus“, sagt Münchmeyer. „Diese Erkenntnis sollten Bundesregierung und Endlagerkommission nicht länger totschweigen. Ein wirklicher Neuanfang in der Atommüll-Frage ist nur möglich, wenn der ungeeignete Salzstock Gorleben von der Suche ausgeschlossen wird.“

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