Protest an Shell-Tankstellen gegen die Versenkung der Brent Spar

„Ein starkes Wir-Gefühl“

Ölplattform und Tankstelle - die Orte des Protests gegen die Brent-Spar-Versenkung waren unterschiedlich. Kirsten Hagemann demonstrierte an Land – im Interview erinnert sie sich.

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Als Greenpeace-Aktivisten die Brent Spar im Atlantik besetzten, ging Kirsten Hagemann in Hamburg auf die Straße – genauer gesagt vor Shell-Tankstellen. Die bei Greenpeace beschäftigte Kommunikationswissenschaftlerin demonstrierte dort gegen die Verschrottung der Plattform im Meer. Über die Stimmung draußen und im Greenpeace-Büro erzählt sie im Interview.

Greenpeace: Wie haben die Autofahrer auf eure Proteste an den Tankstellen reagiert?

Kirsten Hagemann: Sie haben sehr positiv reagiert. Es gab natürlich auch hin und wieder mal einen, der gleich abgewunken und gar nicht erst das Fenster runtergekurbelt hat. Aber die meisten haben sich Zeit genommen und wollten wissen, weshalb Greenpeace dort protestiert. Und als die Kampagne dann nach der Räumung der Plattform stärker in den Medien war, gab es immer häufiger ein Schulterklopfen, Daumen hoch oder Weitermachen. Das war beeindruckend und hat uns auch sehr motiviert.

Das heißt, dass die Menschen tatsächlich empört waren über das, was im Nordostatlantik stattfinden sollte?

Für fast alle Leute war klar, dass ein großer Konzern nicht das machen kann, was einfache Bürger nicht dürfen: nämlich den eigenen Müll in der Landschaft  entsorgen. Das war so logisch und einleuchtend – schnell war für viele klar, dass Shell einlenken soll und die Greenpeace-Forderungen berechtigt sind.

Was war deine Motivation, dabei zu sein?

Ich war von Anfang an sehr empört. Und nicht nur wegen der Unverfrorenheit, alten Industrieschrott einfach im Meer zu versenken. Ich bin Taucherin, habe mit Anfang 20 meinen Tauchschein gemacht, bin dem Meer sehr verbunden und liebe es auch unter Wasser. Die Vorstellung, dass nicht nur die Brent Spar, sondern im Laufe der Jahrzehnte 400 oder 500 Plattformen in wunderschönen Meeresgebieten einfach im Wasser versenkt werden, war für mich eine Horrorvorstellung und absolut nicht akzeptabel.

Wann habt ihr beschlossen, auch an den Tankstellen zu demonstrieren?

Als Shell mit so viel Gewalt gegen die Aktivisten auf der Plattform vorgegangen ist, war für uns klar, dass wir den Protest ausweiten müssen. Also sind wir zu den Tankstellen gegangen, um die Bevölkerung mit Flugblättern zu informieren und um Fragen zu beantworten.

Wie war denn zu dem Zeitpunkt die Berichterstattung in den Medien. War sie wohlwollend Greenpeace gegenüber?

Zunächst gab es kaum Nachrichten dazu. Nach der ersten Räumung ging plötzlich eine Art Flut los:  Fernsehen, Radio, Tageszeitungen – fast alle haben täglich darüber berichtet. Die Bilder von der Räumung, die Wasserkanonen, mit denen die Aktivisten beschossen wurden, kamen über das Fernsehen in die Wohnzimmer. Und dadurch, dass dann viele Reaktionen kamen – von Politikern, der Kirche oder Gewerkschaften – lief das Thema immer weiter bis zur Entscheidung von Shell, die Plattform nicht auf dem Meeresboden zu entsorgen. Die Brent-Spar-Kampagne konnte eigentlich keiner mehr in den Medien übersehen.

Wie war es für dich, als du die Bilder gesehen hast?

Wir hatten Kontakt zu den Aktivisten – daher wussten wir, dass niemand ernsthaft verletzt wurde. Zum Glück!

Wie war die Stimmung im Greenpeace-Büro?

Sie war sehr intensiv. Wenn wir abends spät aus dem Büro gegangen sind, kreisten die Gedanken weiterhin um das Thema. Sobald wir morgens zur Arbeit kamen, war die erste Frage: „Was tut sich bei Brent Spar?“ Wir haben in der Küche und auf den Fluren darüber gesprochen – das hat ein starkes Wir-Gefühl erzeugt.

Und 20 Jahre danach – was ist für dich die Botschaft aus der Brent Spar-Geschichte?

Es lohnt sich zu protestieren und den Finger in die Wunde zu legen. Besonders wichtig ist, einen langen Atem zu haben, an Dingen dranzubleiben.  Das ist auch heute wichtiger denn je. Denn nun plant Shell in der Arktis zu bohren, was in jedem Fall gestoppt werden muss: Ein Öl-Unfall in diesem sensiblen Gebiet wäre sehr problematisch. 

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