Greenpeace nimmt Schnee- und Wasserproben in entlegenen Gebirgsregionen

Chemie im Gletscher?

Paradox: Ausgerechnet die angeblich so naturverbundene Outdoor-Industrie hinterlässt Chemiespuren in unberührter Natur. Greenpeace ist ihnen gefolgt. Unser Chemiker Manfred Santen berichtet.

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Ich bin zurück von einer wirklich überwältigenden Tour in eines der schönsten und entlegensten Gebiete der Alpen: den Macuner Seen im Schweizer Nationalpark.  

Die Tour war für einen Flachländer ganz schön anstrengend. Bis zu den Seen hatten wir noch 700 Höhenmeter zu überwinden und von Sonnenschein über Nieselregen bis hin zu Schnee und Graupel war alles dabei. Aber wir – die Schweizer Greenpeace-Kollegen und ich - waren ja auch nicht zum Spaß dort, sondern um Proben zu entnehmen. Wir wollen zeigen, wie weit verbreitet das Problem der Verschmutzung mit Chemikalien ist, und dass auch Gebiete davon betroffen sind, die fernab aller Zivilisation und schmutzigen Industrien liegen.

Im Mai dieses Jahres hat Greenpeace weltweit acht Expeditionen in sehr entlegene Gebiete dieser Erde gestartet. Die Tour in den Schweizer Nationalpark ist eine davon, weitere Touren fanden in Asien, Europa und Südamerika statt: unter anderem im Sibillini-Nationalpark im Apennin, in der Hohen Tatra in der Slowakei und in den Goldenen Bergen des Altai in Russland. In Nordeuropa untersucht Greenpeace den Ort, wo Norwegen, Schweden und Finnland aneinanderstoßen.

PFC im Schnee?

Alle Expeditionsteams kehrten mit Proben von unberührtem Schnee zurück, einige haben auch Wasser- sowie Bodenproben mitgebracht. Alle Muster werden auf gefährliche Chemikalien untersucht, insbesondere auf persistente per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC).

PFC werden in großem Stil verwendet, unter anderem für die wasserabweisende Ausrüstung  von Outdoor-Bekleidung. Einmal hergestellt und zum Beispiel bei der Textilproduktion freigesetzt, können sie nicht abgebaut werden und verteilen sich über den Globus. Man spricht von long range transportation, weil Quelle und Fundorte für PFC Hunderte bis Tausende von Kilometern voneinander entfernt sein können. Bereits heute sind diese Chemikalien in den Tiefen der Ozeane, auf Berggipfeln und in lebenden Organismen zu finden.

Es ist paradox: Ausgerechnet die mit dem Image der Naturverbundenheit werbende Outdoor-Industrie hinterlässt nachhaltige Spuren in der unberührten Natur. PFC haben dort nichts zu suchen, sie sind menschengemacht und biologisch nicht abbaubar; einige sind krebserregend, andere stehen im Verdacht, Hormonstörungen zu verursachen. PFC können in der Umwelt überdauern, zukünftige Generationen werden ihnen über verseuchtes Wasser, kontaminierte Luft und Nahrung weiterhin ausgesetzt sein.

Es geht auch ohne PFC

Das Aufspüren der PFC war eines der Expeditionsziele – wir haben aber auch noch weitere. So dient die Tour in die Berge zum Beispiel dazu, Alternativen zu Kleidung zu testen, die mit PFC hergestellt wird. Die Outdoor-Industrie vermittelt ja in ihren Werbespots den Eindruck, als könne man die unberührte Natur nicht mehr ohne Jacken, Schuhe oder Hosen genießen, die dank PFC wasserdicht und wasserabweisend sind. Unsere Teams hingegen sind komplett mit PFC-freien Alternativen ausgestattet und schaffen es damit in den chinesischen Haba-Bergen auf über 5000 Meter. Und sie kommen trocken durch Schneesturm und Regen bis zu den Torres del Paine in Patagonien.

Chemie für jedes Wetter

Vor vier Jahren begann Greenpeace, die Bekleidungsindustrie zum Entgiften zu bewegen. Die Detox-Verpflichtung ist mittlerweile für Textilien zum Industriestandard geworden, und die beteiligten Firmen verweisen mit einigem Stolz darauf, dass sie mitmachen. 

In den Jahren 2012 und 2013 konnte Greenpeace Deutschland anhand von Untersuchungen nachweisen, dass die meisten Unternehmen der Outdoor-Branche sogenannte per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) verwenden, um ihre Outdoor-Bekleidung wasserdicht zu machen. Auch Textilien von Schweizer Herstellern waren betroffen.

Besorgte Wissenschaft

Die Problematik der PFC wird auch der Wissenschaft zunehmend bewusst, und. am 1. Mai dieses Jahres verabschiedeten mehr als 200 Wissenschaftler aus 38 Ländern die sogenannte «Erklärung von Madrid». In der drücken sie ihrer Besorgnis über die PFC aus und verlangen, dass Produktion und Gebrauch solcher Stoffe eingeschränkt werden.

Nun ist es an der Zeit, dass sich auch die Konsumenten einschalten. Wir brauchen strengere Vorschriften zum Schutz von Umwelt und menschlicher Gesundheit. Es reicht nicht, nur einzelne Substanzen zu kontrollieren, wie das heute auf internationaler Ebene geschieht. Greenpeace fordert, dass die gesamte Gruppe der PFC verboten und durch sicherere Alternativen ersetzt wird. Damit auch künftige Generationen noch reine, unberührte Natur auf den Gletschern dieser Welt vorfinden. 

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