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Japan erhöht Strahlengrenzwerte für Kinder

Die japanische Regierung hat die Strahlengrenzwerte hochgesetzt. Kinder dürfen jetzt einer Dosis von 20 Millisievert (mSv) pro Jahr ausgesetzt werden. Zum Vergleich: In Deutschland ist für Erwachsene 1 Millisievert pro Jahr erlaubt. 20 Millisievert jährlich gelten für strahlenexponierte Personen - zum Beispiel Arbeiter in einem AKW. Thomas Breuer, Leiter des Energiebereichs bei Greenpeace, war vergangene Woche in Japan vor Ort. Wir haben ihn gebeten, die Situation einzuschätzen.

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Online-Redaktion: Thomas, auf welches Gebiet bezieht sich die japanische Regierung mit dieser neuen Regelung konkret?

Thomas Breuer: Die Entscheidung betrifft die Region Fukushima. In der Stadt Fukushima zum Beispiel, 60 Kilometer vom Reaktor haben wir Radioaktivität gemessen und gerade auf Spielplätzen und Schulen Level festgestellt, die eindeutig zu hoch sind. Die Reaktion der Regierung ist jetzt, daraufhin einfach die erlaubten Level für Kinder hochzusetzen.

Das ist unglaublich. Statt die Kinder zu schützen, sagt man einfach, sie dürfen jetzt einem höheren Risiko ausgesetzt werden.

Online-Redaktion: Was bedeutet das für die Kinder?

Thomas Breuer: Ein langfristiges Gesundheitsrisiko. Kinder sind wesentlich gefährdeter als Erwachsene. Im Wachstum vollzieht sich die Zellteilung viel schneller. Dadurch können Zellen, die durch Strahlung geschädigt wurden, im Zweifel nicht schnell genug repariert werden.

Viele Schäden, die durch radioaktive Strahlung verursacht wurden, brauchen eine Weile bis Krankheiten daraus werden. Kinder haben einen viel längeren Lebenshorizont als ein Erwachsener. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Krankheiten eintreten, wesentlich höher.

Online-Redaktion: Welche Krankheiten sind das zum Beispiel

Thomas Breuer: Krebs, aber auch genetische Schäden. So ist es beispielsweise möglich, dass das genetische Material der Kinder geschädigt wird und sie dieses dann auch wieder an ihre Kinder weitergeben. Bei den nachfolgenden Generationen könnten zum Beispiel Behinderungen und Blutkrankheiten auftreten.

Online-Redaktion: Was vermutest du, warum hat die japanische Regierung jetzt solche hohen Werte bestimmt?

Thomas Breuer: Die verantwortungsvolle Lösung wäre gewesen, Kinder und Schwangere Frauen - weil Föten noch gefährdeter sind - aus der Region hinauszubringen, bis die Radioaktivität abgeklungen ist beziehungsweise beseitigt wurde. Das heißt, man müsste sie in andere Landesteile bringen. Das ist natürlich ein enormer finanzieller Aufwand. Aber das muss getan werden. Man darf die Menschen nicht in dieser verstrahlten Umgebung lassen.

Online-Redaktion: Thomas, du warst vor Ort. Denkst du, dass die Leute dort auch ohne Anweisung der Regierung die verstrahlten Gebiete verlassen, wenn sie von den neuen Grenzwerten hören?

Thomas Breuer: Wenn die Eltern das Risiko verstehen, dem ihre Kinder ausgesetzt werden sollen, werden sie im Zweifel die Kinder nicht in die Schule schicken und sich dadurch wohlmöglich strafbar machen indem sie gegen die Schulpflicht verstoßen. Im Zweifel werden die Eltern also gezwungen, sich strafbar zu machen.

Das heißt, die Regierung bringt die Eltern in eine unmögliche Situation, anstatt ihnen zu helfen und einen Ausweg zu bieten.

Online-Redaktion: Wie könnte so ein Ausweg aussehen?

Thomas Breuer: Die Regierung müsste prüfen, wo in anderen japanischen Landesteilen zumindest Kinder und schwangere Frauen eine längere Zeit untergebracht werden können und dafür sorgen, dass sie dort dann auch in die Schule gehen.

Das muss schließlich möglich sein in einem Industrieland. Japan ist ja kein armes Land. Daran sollte das nicht scheitern.

Online-Redaktion: Du hast vorhin gesagt 'bis die Radioaktivität abgeklungen ist bzw. beseitigt wurde'...

Thomas Breuer: Man muss überlegen, was kann man in Städten wie Fukushima tatsächlich machen. Wie können wir die Stadt zu dekontaminieren versuchen? Wie können wir die Parkanlagen und Spielplätze sauber kriegen? Das heißt, da muss Boden abgetragen werden, der muss entsorgt werden. Die Regierung hat vielfältige Möglichkeiten. Nur brauchen diese Maßnahmen Zeit - und für diesen Zeitraum müssen die Kinder aus den Risikogebieten herausgeholt werden.

Es ist klar, das ist alles nicht einfach. Aber das sind eben die Folgen, wenn man Atomkraft betreibt.

Anmerkung der Redaktion: Am Freitag hat Greenpeace die Bundesregierung in einem Brief aufgefordert, zum Schutz der Kinder zu intervenieren.

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