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Pipelinebruch in Ecuador - Reisetagebuch 2

In der Nähe der ecuadorianischen Hauptstadt Quito ist am 8. April eine Ölpipeline gebrochen. Über 1,5 Millionen Liter Rohöl liefen in einen Fluss, der unmittelbar in ein Trinkwasserreservoir der Millionenstadt mündet.

Greenpeace-Waldexpertin Sandra Pfotenhauer besuchte die Unglücksregion. Was sie erlebt hat, berichtet sie in ihrem Reisetagebuch.

Zu Besuch bei den Kechua in Sarayaku

Sonntag 20. April 2003: Heute ist Ostersonntag - hätte ich fast vergessen. Da Schokoladenhasen im Urwald nichts verloren haben, machen wir uns mit Franco (Präsident von Sarayaku) auf die Suche nach Heilpflanzen. Er führt uns in ein Waldstück, das nach dem Wissen der Alten und Weisen mit Heilpflanzen angereichert wurde.

Hier sieht es zwar nicht so aus wie in einer Apotheke, aber man findet alles, was man im Wald so zum Leben und Überleben braucht. Franco gräbt eine Wurzel aus, aus der ein Sud gegen Schlangenbisse gekocht wird. Er findet eine andere, die gegen Skorpionstiche und giftige Fische hilft. Eine dritte Wurzel ist gut gegen Durchfall, eine vierte gegen Übelkeit.

Für mich sehen alle irgendwie gleich aus und als er mich fragt, ob ich sie nicht mit nach Hause nehmen wolle, sage ich ihm, dass man bei uns glücklicherweise keine Medizin gegen Schlangenbisse braucht. Lediglich die Wurzel gegen Durchfall stecke ich ein. Schließlich zeigt Franco uns noch die Pflanze, aus der die Kechua die Dächer ihrer Häuser machen und mir wird wieder einmal klar, wie wichtig der Wald für die Menschen hier ist.

Nachmittags findet nach der Kirche eine Versammlung statt. Noch einmal erzählen wir, wer wir sind, was wir machen und dass wir ihre Geschichte nach Deutschland bringen wollen. Wir wollen diejenigen zur Verantwortung ziehen, die den Bau der OCP-Pipeline und damit die Zerstörung ihres Lebensraumes finanzieren: Die WestLB und die Landesregierung Nordrhein-Westfalens, die die schmutzigen Geschäfte der WestLB decken. Wir sprechen mit vielen Menschen, um herauszufinden, wie sie zur Ölförderung stehen. Alle sind dagegen und alle haben Angst.

Montag, 21. April: Der Regenwald heißt Regenwald, weil es immerzu regnet, besonders in der Regenzeit. Wir können kaum filmen und nicht fotografieren, weil weder die Bilder etwas werden, noch das Equipment wasserfest ist. Genauso wenig gelingt es uns, ein Flugzeug mit Hilfe unseres Satellitentelefons zu bestellen. Das Telefon funktioniert zwar, aber die Flugzeuge können nicht fliegen - die Sicht ist zu schlecht. Durch die dichte Wolkendecke haben die Piloten keine Chance, die kleine Piste von Sarayaku zu finden. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als zu warten.

Unter dem Schutz des Blätterdaches bemalt Gloria gerade neue Trinkschalen. Sie hat in einer Mine am Fluss Ton gesammelt und einige neue Schälchen geformt. Nachdem sie sie zunächst mit einem Stein "poliert" hat, bemalt sie sie mit einem Pinsel aus ihrem Haar und natürlichen Farben mit wunderschönen Mustern.

Mittags klart der Himmel endlich auf. Um 16.00 Uhr bekommen wir die Nachricht, dass in einer halben Stunde ein Flugzeug kommt - und um 16.30 Uhr erfahren wir, dass doch kein Flugzeug kommt. So packen wir unsere Sachen wieder aus und können noch einmal im Fluss baden. Obwohl das sehr schön ist, hatten wir uns alle insgeheim auf eine Dusche gefreut. Tja, und heute bin ich dran mit "auf dem Palmwedelbett schlafen".

Dienstag, 22. April: Es regnet noch immer. Noch stärker als gestern. Ob wir heute zurück nach Puyo fliegen können?

Während wir darauf warten, dass es ein bisschen heller wird, beobachte ich Maria und ihre Freundin, wie sie sich gegenseitig die Gesichter bemalen: Mit dem blau-schwarzen Saft einer Waldfrucht und einem Stöckchen malen sie sich Ornamente ins Gesicht. Freundlich und wunderschön sehen die beiden Mädchen aus.

Aber die Kechua können auch anders. Als die Ölarbeiter kamen, haben sie sich für den Krieg bemalt und mit Lanzen und Speeren bewaffnet. Die Ölarbeiter müssen uns erst umbringen, wenn sie unseren Wald zerstören wollen, sagt Maria, die für die Jugendlichen in Sarayacu spricht. Nicht nur die Männer verteidigen sich. Auch die Frauen kämpfen entschlossen für den Erhalt ihres Lebensraumes, den Amazonas Regenwald - einem der letzten Urwaldgebiete der Erde.

Dann hören wir von weitem einen Motor. Gegen 16.00 Uhr ist das Flugzeug da, das uns zurück in die Zivilisation bringen soll. Wir verabschieden uns von allen, die wir während der vier Tage kennen gelernt haben. Rebecca, die Schwester des Schamanen, Maria, die Sprecherin der Jugendlichen, Franco, den Präsidenten und natürlich Gloria und ihren Mann, bei denen wir gewohnt haben. Alle laden uns ein wiederzukommen. Doch wie wird es sein, wenn wir wiederkommen? Werden wir dann alle wiedersehen?

Auf dem Rückflug schaue ich noch einmal hinunter auf das "grüne Meer" mit den einzelnen gelben Baumkronen, die leuchten. Ich habe etwas Wichtiges gelernt: dieser Wald beherbergt nicht nur Baumriesen, Affen, Vögel, Jaguare und Insekten. Er ist das Zuhause der Kechua Indianer in Sarayacu.

Lesen Sie auch den ersten Teil des Reiseberichts der Greenpeace Waldexpertin

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