Liberia: Urwaldzerstörung und Waffenhandel

Nirgendwo in Afrika gibt es nachhaltige Waldwirtschaft. Die Wälder des Kontinents verschwinden in Atem beraubendem Tempo und ohne Nutzen für die Bevölkerung. Die Chance, dass Wälder bei behutsamer Nutzung Wohlstand und Stabilität bringen, wird vertan.
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Und schlimmer: In vielen Ländern des Waldgürtels am Äquator hängen Urwaldzerstörung und Tod bringender Waffenhandel zusammen. Beispiel Liberia: Liberia galt als Drahtzieher hinter den Bürgerkriegen angrenzender Länder wie der Elfenbeinküste - der Handel mit Urwaldholz lieferte das Geld dafür.

Liberias Wälder sind Teil des westafrikanischen Regenwaldes (Upper Guinean Forest Ecoystem) - der einst weite Teile Westafrikas bedeckte, von Liberia über Sierra Leone, Guinea, die Elfenbeinküste und Ghana bis hin nach Togo. Der Großteil dieser Wälder ist bereits verschwunden und heute beherbergt Liberia fast die Hälfte des noch verbliebenen Restes dieses artenreichen Lebensraumes.

Seltene Pflanzen und Tiere

Neben mehr als 2000 Blütenpflanzen bietet das Gebiet auch einen letzten Rückzugsraum für seltene Tiere wie Zwerg-Nilpferde und Wald-Elefanten. Zwerg-Nilpferde gibt es nur hier noch in überlebensfähigen Beständen. Erst 1999 wurden auf einer Expedition Dutzende Vogelarten entdeckt, von denen einige als längst ausgestorben galten.

Und dennoch verschwindet auch hier der Wald mit enormer Geschwindigkeit, seit Anfang der 70er Jahre der industrielle Holzeinschlag immer mehr um sich gegriffen hat. In den letzten zehn Jahren verringerte sich die ohnehin schon kleine Waldfläche offiziell um zwei Prozent jährlich. Der Export von Rundholz hatte zwischen 1996 und 2000 von 11.000 auf über 640.000 Kubikmeter pro Jahr zugenommen.

20 Jahre Bürgerkrieg

Liberia wurde 1922 gegründet - als neue Heimat für zurück geführte Sklaven aus den Vereinigten Staaten - und erlangte 1947 die Unabhängigkeit. Bis 1980 wurde Liberia beherrscht von den Nachkommen der Sklaven, die sich in der True Whig Party organisiert hatten. Die Ureinwohner Liberias - 95 Prozent der Gesamtbevölkerung - waren so von jeder Mitbestimmung ausgeschlossen.

1980 endete die Herrschaft der True Whig Party mit dem Staatsstreich durch Samuel Doe, dem 1989 ein weiterer durch die Rebellen der National Patriotic Front of Liberia (NPFL) Charles Taylors folgte. Erst 1997 kam es wieder zu international anerkannten Wahlen, aus denen Taylor als Sieger hervorging. Doch die Region kam nicht zur Ruhe - innerhalb Liberias lieferten sich die Truppen Taylors Kämpfe mit den LURD-Rebellen im Norden des Landes. Der Raubbau am Urwald wurde aufs Neue zu einer Hauptfinanzierungs-Quelle der Regierung Taylors. Managementpläne zur nachhaltigen Waldwirtschaft gab es nicht.

Nach insgesamt 14 Jahre langem Bürgerkrieg wurde 2003 ein Waffenstillstand der Bürgerkriegsparteien besiegelt und Präsident Taylor verließ das Land. Es wurde eine Übergangsregierung eingesetzt. James Taylor wurde Am 29. März 2006 an das Spezialgericht für Sierra Leone in Den Haag überstellt; Ein Prozess steht bevor (provisorischer Prozesstermin: 2. April 2007) weil als bewiesen gilt, dass er außerhalb Liberias andere Rebellengruppen, wie zum Beispiel die Revolutionary United Front (RUF) in Sierra Leone, finanziell, mit Waffen und mit Soldaten unterstützt hat.

Seit dem 16. Januar 2006 ist Ellen Johnson-Sirleaf gewählte Präsidentin Liberias. Seither herrscht dort eine optimistische Aufbruchstimmung, da es die neue Regierung mit dem Wiederaufbau des Landes ernst zu meinen scheint. Allerdings werden die Sicherheit und Stabilität des Landes derzeit noch von der UNMIL, der UN-Friedensmission gewährleistet, da die Armee durch ein amerikanisches Privatunternehmen im Aufbau und zahlenmäßig den immer noch vorhandenen Milizen weit unterlegen ist. Gegenwärtig leben die meisten Liberianer nach wie vor in extremer Armut. Die Arbeitslosigkeit betrifft 80 Prozent der Bevölkerung, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, sanitären Einrichtungen, Wasser oder Elektrizität hat. Eine zukünftig nachhaltig betriebene Holzwirtschaft ist einer der Hoffnungsträger für das Land. Das UN-Holzembargo wurde im Juni 2006 aufgehoben. Da noch keine verbindlichen Regelungen zum Holzeinschlag bestehen, steht Greenpeace dieser Entscheidung kritisch gegenüber.

Holz gegen Waffen

Da Taylor und seine engsten Vertrauten als entscheidender Destabilisierungs-Faktor der Region galten, verhängte die UN 1992 zunächst ein Waffenembargo, im März 2001 ein Embargo auf den Handel mit Diamanten aus Liberia und im Dezember 2003 ein Embargo auf den Handel mit Holz. Aus Sierra Leone nach Liberia geschmuggelte Diamanten wurden als Lebensader des Taylor-Regimes angesehen.

Im gleichen Zuge verhängte die UN Reiseverbote für die Drahtzieher der Waffenlieferungen an die RUF. Darunter war auch der Holländer Gus Kouwenhoven. Der Unternehmer und enge Vertraute des ehemaligen Präsidenten Charles Taylor ist inzwischen von einem holländischen Gericht wegen illegalen Waffenhandels zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er besitzt in Liberia 3,5 Millionen Hektar Wald und zwei Holzexportfirmen, die Milizen während des Bürgerkriegs mit Waffen belieferten. Kouwenhouven kontrollierte über seine Firmen Oriental Timber Corporation (OTC), Royal Timber Corporation (RTC) und andere weit über 50 Prozent der gesamten Abholzungen in Liberia. Aber auch andere liberianische Firmen werden von der UN angeklagt in den illegalen Waffenhandel verstrickt zu sein:

ULC - die United Logging Company wurde von Mr. Fawaz und von Charles Taylor Jr. geführt. Dem Sohn des Präsidenten, der im April 2006 in Miami verhaftet worden ist, wird Teilhabe an illegalen Munitionslieferungen über die Elfenbeinküste an Liberia vorgeworfen.

MGC - Mohammed Salamé, der mittlerweile flüchtig ist, war Eigner der Mohammed Group of Companies und gleichzeitig Botschafter Liberias in der Elfenbeinküste. Auch er soll das UN-Waffenembargo gegen Liberia mit Munitionslieferungen gebrochen haben. Salamé gehört zudem die Schnittholz produzierende Firma Bureaux Ivorian Ngorian (BIN).

Menschenrechte: Opfer der Kettensägen

Als Folge bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen in Liberia und den umliegenden Ländern kam es zu massiven Menschenrechtsverletzungen. Taylors Anti-Terror-Einheit (ATU) sowie der Polizei werden Mord, Folter und Vergewaltigung im großen Umfang zugeschrieben. Nicht selten tauchten dabei para-militärische Einheiten als Komplizen auf, die von fast allen großen Holzunternehmen (OTC, RTC, LWMC, ULC, FAPCO, SMI und ILC) unterhalten werden. Diese Paramilitärs bestehen in der Regel aus Ex-Soldaten und arbeiteten oft eng mit den Armed Forces of Liberia (AFL) zusammen, Sie sind teilweise nach wie vor, wie im Falle ULC, in Holzfäller-Camps, Gummi-Plantagen oder Diamantenminen stationiert.

Diamanten und Holzmonopol

Um den Geldfluss in diese Krisenregion zu mindern, verhängte die UN zwar ein Embargo gegen den Handel mit Diamanten, ließ den Holzhandel jedoch bis 2003 unberührt. Durch den im Jahre 2000 erlassenen Liberian Strategic Commodities Act übte Taylor die alleinige Macht über die Verteilung von Abholzungsrechten sowie die daraus resultierenden Einnahmen aus.

Als Folge verloren etliche spanische und französische Konzessionäre ihre Nutzungsrechte an die ULC. Wie in den Anfangsjahren der NPFL-Rebellen stellte daher die Abholzung der Urwälder erneut das wichtigste Standbein Taylors dar, wie die UN jüngst bestätigten. Frankreich und China verhinderten zunächst die Durchsetzung eines Holz-Embargos gegen Liberia mit ihrem Veto im Sicherheitsrat der UN. Beide Länder waren wichtige Abnehmer liberianischen Holzes.

Importländer Liberia-Holz 2000

Importland Volumen in 1000 m³ Rundholzäquivalent
China 290
Frankreich 168
Italien 79
Griechenland 24
Niederlande 22
Spanien 15
Indonesien 13
Portugal 13
Deutschland 12
Türkei 4
England 3
Belgien 2
Total 666

Quelle: World Trade Atlas, n. Global Witness

Fatale Entscheidung

Im Oktober 2001 hatte der Bericht der Expertenkommission eingesetzt zur Verfolgung der Resolution 1343 (2001) dem UN-Sicherheitsrat empfohlen, lediglich den Export von Rundholz aus Liberia ab Juli 2002 unter ein Embargo zu setzen. Diese Empfehlung hatte aus zwei Gründen fatale Auswirkungen auf die Menschen und Wälder Liberias: Zum einen hat sie die Exporte nur von Rundholz hin zu weiter verarbeiteten Produkten wie Schnitt- und Sperrholz verlagert und damit nichts an der Finanzierung des Taylor-Regimes geändert. Zum anderen hat die mehr als halbjährige Frist bis zum Beginn des Embargos mit dem Einsetzen der Holzfäll-Saison Anfang November (Trockenzeit) zu einer enormen Steigerung der Waldplünderung und damit zur beschleunigten Zerstörung der Wälder geführt.

Am 6. Mai 2003 hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen endlich den Zusammenhang zwischen illegalen Waffenschiebereien der Regierung Liberias und der Holzwirtschaft des Landes anerkannt und das bereits genannte umfassende Holzembargo beschlossen. Seit dem 7. Juli 2003 durften die UN-Mitgliedsstaaten kein liberianisches Holz mehr einführen.

Offensichtlich ist die internationale Holzwirtschaft unfähig, selbst von zwielichtigen Lieferanten Abstand zu halten. Es ist daher notwendig, dass der Import von und Handel mit Holz aus illegalen Quellen und aus Urwaldzerstörung auf gesetzlicher Ebene verboten wird.

Fortschritt durch Raubbau?

In einem Bericht des Generalsekretärs der UN hatte es geheißen, dass durch ein Holz-Exportverbot vor allem die Bevölkerung Liberias getroffen würde, da 10.000 Arbeitsplätze verloren gingen. Diese Argumentation ist wenig überraschend, da der entsprechende Absatz des Berichts von dem damaligen Geschäftsführer der französischen Niederlassung der dänischen Firma DLH/Nordisk verfasst wurde. DLH/Nordisk war einer der größten Importeure von liberianischem Holz und hatte daher kein Interesse an einem Exportverbot.

Nach offiziellen Angaben arbeiteten zwar bis zu 10.000 Menschen direkt in der Holzwirtschaft. Doch Recherchen der in Liberia tätigen Menschenrechts- und Umweltorganisation Global Witness ergaben, dass in der Realität nur knapp über 4.000 Saisonarbeiter beschäftigt wurden. Sie waren in der Regenzeit arbeitslos und verdienten zumeist unter 85 US-Dollar im Monat. Bei einem Holz-Exportverbot waren folglich nur 4000 Teilzeit-Arbeitsplätze gefährdet.

Habgierige Urwaldvernichtung

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam der kanadische Regierungs-Abgesandte David Pratt, der in seinem Bericht an das kanadische Außenministerium anmerkt: Diese Kurzzeit-Arbeitsplätze müssen abgewogen werden gegen den langfristigen Verlust an Arbeitsplätzen und dem Schaden an der Umwelt, der aus der habgierigen Waldvernichtung resultiert. Auch müssen die Schäden berücksichtigt werden, die Taylors Regierung seinem eigenen Volk und anderen durch die mit Holzeinnahmen gekauften Waffen zufügt.

Der internationale Handel

Die einzigen Nutznießer des Raubbaus der liberianischen Urwälder waren die Regierung von Charles Taylor, sowie der internationale Holzhandel, der sich hier eine billige Holzquelle sicherte.

Liberia exportierte im Jahre 2000 über 640.000 Kubikmeter Rundholz, die Taylor Einnahmen von bis zu 25 Millionen US-Dollar bescherte - bei einem offiziellen Staats-Etat von gerade 90,5 Millionen US-Dollar.

Die Holzstämme aus Liberia verschwanden nicht in irgendwelchen dunklen Kanälen, sondern wurden seit etlichen Jahren von fast allen großen Holzhändlern Europas aufgekauft. Gerade jene, die immer wieder die Nachhaltigkeit ihrer Forstwirtschaft oder die ihrer Holzlieferanten in Afrika betonten, gehörten dabei zu den Hauptabnehmern.

Dazu gehören zum Beispiel die Firmen DLH/Nordisk aus Dänemark, Wijma aus Holland, aber auch deutsche Firmen wie Danzer/Interholco und die zur Feldmeyer-Gruppe gehörende tt International mit Sitz in der Schweiz.

Der Inhaber der Feldmeyer-Gruppe, Dr. Hinrich Lüder-Stoll, ist Vorsitzender der Tropenholzvereinigung ATIBT und lies sich für den freiwilligen Verzicht aus Naturschutzgründen auf einen sehr kleinen Teil seiner Konzessionen im Kongo öffentlich feiern.

Interholco ist in Liberia sogar eine enge Kooperation mit der ILC eingegangen, die im Süden Liberias einschlug. Interholco hatte für ILC exklusiv und weltweit den Vertrieb übernommen.

Geschäfte mit der liberianischen Holzwirtschaft machten fast alle Großen unter den deutschen Importeuren: Fritz Offermann, Willi Otto Bührich, Treemex, HBT Holzhandel.

Steuergelder nach Liberia

Ein Großteil des von Liberia nach Deutschland gelieferten Holzes war Bongossi (Azobé/Ekki), das wegen seiner enormen Härte verstärkt im Außenbereich eingesetzt wird. Vor allem für Küstenschutzmaßnahmen, Hafenausbauten und Fußgängerbrücken wird Bongossi verwendet. Zum Teil kamen die Holzprodukte direkt von der Wijma-Zentrale im holländischen Kampen. Über Dutzende von kommunalen Projekten landete somit deutsches Steuergeld in den Händen der Taylor-Regierung und trug damit zum Morden in Westafrika bei.

Greenpeace fordert:

Deutsche Importeure sollen auf nicht zertifiziertes Holz aus Afrika verzichten und auf unabhängig zertifiziertes Holz nach den Kriterien des FSC (Forest Stewardship Council, Weltforstrat) umsteigen.

Für die letzten Urwälder der Erde ruft Greenpeace die Regierungen der Welt dazu auf, die Zukunft der letzten Urwälder der Erde zu sichern. Das heißt:

  • Motorsägen anhalten: keine industriellen Abholzungen oder andere industrielle Vorhaben in den verbliebenen Urwäldern, bis Schutz- und Nutzungskonzepte für die letzten Urwälder vorliegen.
  • Maßnahmen: Für alle Urwälder müssen langfristige Schutzkonzepte entwickelt werden. Das bedeutet, weite Teile der Urwälder unter Schutz zu stellen, andere Gebiete ökologisch zu bewirtschaften und gegen illegale Abholzungen vorzugehen.
  • Moneten: Da dieser Nutzungsverzicht für die betroffenen Länder zunächst zu finanziellen Einbußen führt, müssen die reichen Länder durch einen internationalen Fonds für Ausgleich sorgen.

 

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