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Gespräch zur illegalen Abholzung in Liberia

Als Greenpeace und CIFOR (Center for International Forestry Research) am vergangenen Dienstag im Rahmen der Konferenz Rural Livelihoods, Forests and Biodiversity zum Streitgespräch baten, war unter den Gästen auch der Westafrikaner Silas Kpanan' Ayoung Siakor. Der 32-Jährige zählt in seiner Heimat Liberia zu denen, die etwas ändern wollen. Ändern zum Vorteil der Menschen und der Natur. Als Koordinator der NGO Save My Future Foundation (SAMFU, gegründet 1987) macht sich Siakor vor allem im Projekt Liberian Forest and Human Rights Campaign stark.

Die Fakten sind gleichwohl erdrückend: Von ursprünglich 727,900 Quadratkilometern wurde der liberianische Regenwald (Upper Guinean Forest Ecosystem) in den vergangenen Jahrzehnten auf 92,797 Quadratkilometer reduziert - auf 12,7 Prozent seiner ursprünglichen Größe. Menschenrechtsverletzungen sind in dem von Bürgerkriegen zerrütteten Land an der Tagesordnung. Die Nutznießer: große Holzunternehmen wie die Oriental Timber Corporation (OTC), die durch ihr Geschäft vor allem eines fördern - den Waffenhandel innerhalb Liberias und mit den Nachbarländern. Greenpeace sprach mit Silas, der im vergangenen Jahr als liberianischer Umweltschützer des Jahres ausgezeichnet wurde.

Greenpeace Online: Wie ist die derzeitige Situation in Liberia und wie arbeitet SAMFU?

Silas: Die Lage ist ausgesprochen unsicher. Die Rebellen von 'Liberians United for Reconciliation and Democracy' und vom 'Movement for Democracy in Liberia' rücken immer näher an die Hauptstadt Monrovia heran; die Regierungstruppen Charles Taylors kontrollieren nur noch wenige Landesteile. Eine Situation, die natürlich auch unsere Arbeit erschwert. Grundsätzlich jedoch stützen wir uns auf zwei verschiedene Arten der Dokumentation und bemühen uns einerseits die illegalen Machenschaften der Holzfäller zu belegen sowie andererseits auch die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen, die mit der Vorherrschaft der Holzfirmen zusammenhängen, aufzuzeigen.

Greenpeace Online: Was bedeutet das im Detail?

Silas: Wir arbeiten mit professionellen Förstern zusammen, die teils sogar im Dienste der verschiedener Holzunternehmen stehen. Sie liefern uns die Informationen, die wir brauchen, um vor Ort die Aktivitäten zu filmen oder zu fotografieren.

Greenpeace Online: Was ist mit der Bevölkerung 

Silas: Auch in den einzelnen Gemeinden, den Dörfern werben wir für uns und versuchen den Menschen klar zu machen, wie wichtig es für sie selbst ist, uns mit Informationen zu versorgen. Sei es hinsichtlich gefällter Bäume oder hinsichtlich gewaltsamer Übergriffe. Natürlich ist das nicht einfach. Die Menschen haben Angst vor Repressalien und manchmal profitieren sie natürlich auch von den Waldarbeitern. Das ist unsere vorrangigste Aufgabe: Ihnen klar zu machen, dass es um ihre Zukunft geht, wenn sie uns unterstützen.

Greenpeace Online: Welche Gefahren sind mit der Recherche verbunden?

Silas: Man darf nicht vergessen, dass wir in einer sehr feindlich gesinnten Sicherheitswelt leben. Die Holzunternehmen haben ihre eigene Security und das macht die Sache natürlich nicht einfacher. Es gehört zur Strategie von SAMFU, Konflikte möglichst zu vermeiden. Wenn wir also erfahren, dass in einem bestimmten Gebiet eingeschlagen wird, bemüht sich oft nur ein einzelner von uns, an den Sicherheitskräften vorbeizukommen, um den Hinweis zu überprüfen. Dabei sind wir oft auf simple Ausreden angewiesen, geben uns als Minenarbeiter oder Touristen aus. Das klappt nicht immer und oft werden wir verjagt. Doch dann probiert es ein anderer an anderer Stelle. Wir müssen vorsichtig sein, denn wir können uns - sollte es zu Übergriffen kommen - auch nicht bei den lokalen Sicherheitskräften beschweren. Dann hätten wir gleich zwei Probleme im Nacken.

Greenpeace Online: Wie viele Leute kümmern sich innerhalb der Kampagne um die Recherche?

Silas: Wir sind generell eine sehr kleine Gruppe, in der jeder alles machen muss. Wir beschäftigen fünf Voll- und fünf Teilzeitkräfte. Wichtig ist, dass wir so viele Details wie möglich bereits im Vorfeld sammeln, um dann schnell und sicher reagieren zu können. Erst, wenn wir alles belegen können, gehen wir an die Öffentlichkeit und informieren Zeitungen oder Fernsehsender. Da diese oft nicht die Möglichkeit haben, selbst vor Ort zu recherchieren - manchmal fehlt es einfach an Geld - sorgen wir auch für die Logistik. Bringen die Journalisten in die Dörfer, arrangieren Interviews mit den Betroffenen, aber auch mit den Holzunternehmen. Eine Strategie, die sich bewährt hat.

Greenpeace Online: SAMFU prangert nicht nur die Zerstörung der letzten Urwälder in Liberia an, sondern beklagt auch die zunehmende Zahl an Menschenrechtsverletzungen. Was passiert mit den Bewohnern der Waldregionen?

Silas: Das ist eine traurige und skandalöse Sache, die in die Welt getragen werden muss. Tatsache ist, dass die großen Holzunternehmen ganze Regionen kontrollieren. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Fall aus dem Jahr 2000. Zwei Arbeiter hatten Benzin gestohlen und die Security-Leute von OTC haben die beiden verhaftet und in ihr eigenes Gefängnis gesteckt. Benzin zählt zu den wichtigsten Ressourcen überhaupt, denn die Maschinen und Fahrzeuge der Holzfäller können ohne nicht arbeiten. Privatleute müssen daher immer eine Art Berechtigungsschein mit sich führen, wenn sie Öl gekauft haben. Falls sie überhaupt welches bekommen, denn viele Tankstellen-Besitzer haben einfach Angst, Benzin an Leute zu verkaufen, die nichts mit den Unternehmen zu tun haben. Diese zwei also wurden verhaftet - und dann exekutiert. Für den Diebstahl von Benzin. Sie arbeiteten für eine Firma, die dem Sicherheitsberater des Präsidenten gehört. Er hat sich für seine Leute stark gemacht und konnte nichts erreichen. Kannst Du Dir vorstellen, wie es dann ganz normalen Leuten ergeht, die versuchen aufzubegehren?

Greenpeace Online: Welche Folgen hat der Einschlag in den Urwaldregionen für die Bevölkerung?

Silas: Als beispielsweise OTC erstmals in Liberia auftauchte, gab es keinerlei Absprachen mit den lokalen Gemeinden. Es gab keine Konzessionen für den Einschlag, keinerlei Übersicht über Orte und Zahlen. Sie haben einfach mit ihrer Arbeit begonnen und dabei keinerlei Rücksicht auf die Kokosnuss- oder Kaffee-Plantagen der Bauern genommen. Sie wurden zerstört - und auf eine Entschädigung warten die Leute heute noch. Ereignisse, die sich überall in Liberia wiederholen, Tag für Tag. Immer auf Kosten der Landbevölkerung.

Am Montag können Sie den 2. Teil des Interviews mit Silas Kpanan' Ayoung Siakor bei uns lesen. Dort nimmt er u. a. zu dem Anfang Mai von der UN beschlossenen Embargo für liberianisches Urwaldholz Stellung.

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