Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Amazonas-Reisetagebuch Teil 11

Samstag, 22. November: Hubschrauber fliegen ist besser als Achterbahn fahren. Ohne Türen, nur mit einem Gurt um die Hüfte, halten wir uns bei den ersten Wendungen am Haltegriff fest, bis wir uns daran gewöhnen. Wir fliegen direkt über den Baumgipfeln und folgen einer Holzfällerstraße. Von ihr gehen Dutzende kleiner Straßen ab, illegal. Erschreckend viel Verwüstung, die wertvollsten Bäume sind gefällt. In Hunderten von Jahren gewachsen, in Minuten umgesägt. Einst so hoch wie ein zehnstöckiges Hochhaus, liegen die Baumstämme wie Riesenstreichhölzer am Boden.

Wir fliegen über das Flussschiff. Es ankert vor einemEinschlaggebiet. Bis vor kurzem wurde hier noch gearbeitet. Inzwischenhaben sich die Holzfäller aus dem Staub gemacht. Nachts erspähen wiroft Schiffe voller Equipment. Die Holzfirmen bringen ihre Bulldozer undMotorsägen in Sicherheit. Das Holz lassen sie zurück. Wenn die IBAMA,die brasilianische Umweltbehörde, sie beim Holzraub erwischt,beschlagnahmt sie die Maschinen. Den Maschinentransport allein kann dieIBAMA nicht aufhalten, wenn die Werkzeuge registriert sind.

Von oben sehen wir, dass die anderen schon zwei Buchstaben auf die Plattform vor dem Einschlaggebiet geschrieben haben. Auf der Plattformstapeln die Holzfäller normalerweise die Stämme und transportieren sieüber den Fluss ab. C und R steht dort schon; I, M und E folgen noch:CRIME. Wir landen wieder im Einschlaggebiet.

Verantwortlich für den Holzraub ist ein Mann namens Paolo Pombo. Rund 6000 Kubikmeter Tropenholz liegt hier herum. Macaranduba, Copiuba- Holzarten, die zu Bauholz weiterverarbeitet werden sollen. Auf demeuropäischen Markt ist Tropenholz im Einkauf meistens billig. GeklauteWare lässt sich günstig verkaufen. Die Händler machen trotzdem fettenGewinn.

Wir schreiben illegal auf die Holzstämme, auf portugiesisch undauf englisch. Zusammen mit rund 20 anderen Greenpeacern halten wir einriesiges Banner: Amazon Crime - Greenpeace. Wir machen Fotos, teilender Presse unseren Fund mit. Alle sollen wissen, was die Holzfälleranrichten. Und die Holzfäller sollen wissen, dass wir sie erwischthaben.

Jetzt ist die IBAMA wieder am Zug. Sie wird das Holz vermessen undPombo anzeigen. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber wir geben dieHoffnung nicht auf. Die Regierung scheint über die Einrichtung einesSchutzgebietes nachzudenken. Gute Neuigkeit.

Heute Nacht sind Gomes und Ribamar in Alarmbereitschaft. Sie sindfür unsere Sicherheit zuständig. Nachdem die Holzfäller bereits dieIBAMA festgesetzt haben (siehe Tagebuch Nr. 9), wissen wir nicht, obsie unsere Aktion stillschweigend hinnehmen werden.

Wenn Sie mehr über die Greenpeace Amazonastour wissen wollen, lesen Sie auch: Amazonas-Reisetagebuch Teil 10.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Mehr zum Thema

Die Mischung macht‘s

Zu jung, zu eintönig, zu wenig naturnah – der deutsche Wald ist buchstäblich nicht mehr er selbst. Mit Folgen für die biologische Vielfalt und das Klima, so eine aktuelle Studie.

Mängelexemplar Qualitätssiegel

Greenpeace beendet seine Mitgliedschaft im FSC, der mit seinem Siegel nachhaltige Forstwirtschaft kennzeichnen will. Waldexperte Christoph Thies erklärt den Schritt.

Grünes Licht für den Wald

Kann der deutsche Wald das Klima wirkungsvoller schützen als bisher? Wenn ja, wie? Greenpeace-Waldexpertin Sandra Hieke erklärt, wie Forstwirtschaft dafür künftig aussehen müsste.