Naturnahe Wälder

Ein neuer Umgang mit Natur

Wälder sind kostbar. Da jeder Holzeinschlag einen Eingriff in ihr Ökosystem bedeutet, müssen wir mit Holz und anderen entsprechenden Ressourcen wie Papier sorgsam umgehen.

Ein Wald ist kein Baumarkt

Wie Wälder wieder wilder werden

  • /

Die Klimakrise und das massive Artensterben gehören zu den drängendsten Problemen unserer Zeit. Um sie aufzuhalten, müssen wir unsere Lebensweise ändern. Dies bedeutet auch einen anderen Umgang mit Natur und natürlichen Ressourcen: Wir müssen mehr Natur schützen, um uns zu schützen. Und bei allen Entscheidungen, die die Nutzung von Naturräumen betreffen, müssen wir Auswirkungen auf die dort lebenden Menschen, die Artenvielfalt und das Klima mitdenken.

Davon ist die Menschheit derzeit weit entfernt. In den Tropen werden nach wie vor riesige Waldflächen gerodet, um sie in Nutzflächen für die industrielle Landwirtschaft umzuwandeln. Beispielsweise im Amazonasgebiet für Fleischproduktion, in Indonesien für Palmöl, das in unseren Tanks, unserer Kosmetik und unseren Keksen steckt, im Kongobecken für Kautschuk oder Bodenschätze. 

Doch auch Jahrhunderte alte Wälder des Nordens enden noch immer als Klopapier, Papier oder Kartons - und damit nach kürzester Zeit im Abfall oder Klo. Und: Immer mehr Holz verbrennen wir. Deutschland hat seine Brennholz-Gewinnung zwischen 2000 und 2018 mehr als vervierfacht, nicht nur klimapolitisch ein völliger Irrsinn.

Waldzerstörung damals und heute

Nach der letzten Eiszeit war Europa zu etwa 90 Prozent von Wäldern bedeckt. Doch in der Jungsteinzeit (ab 5500 v. Chr.) wurden aus Nomaden sesshafte Bauern - und es begann die Abholzung: Bäume fielen zum Bau von Siedlungen und mussten für Ackerbau und Viehzucht weichen.

Das Mittelalter gilt als das Zeitalter der Waldzerstörung auf unserem Kontinent. Die Bevölkerung wuchs; und die Menschen bauten vom Gebäude bis zu ihren Waffen fast alles aus Holz. Es diente als Brennholz zum Kochen und Heizen ebenso wie zur Verarbeitung von Metall oder zur Herstellung von Glas. Schon im 14. Jahrhundert waren zwei Drittel der einstigen Wälder vernichtet, Europa drohte zur Steppe zu werden. 

Ab dem 18. Jahrhundert entstanden daher - aus der Holznot - der Gedanke der Wiederaufforstung und der Begriff der “Nachhaltigkeit”. Gemeint war, dass nicht mehr Holz eingeschlagen werden sollte, als nachwächst. Doch dabei stand nicht Naturschutz, sondern Ressourcenmanagement im Vordergrund. Entsprechend setzte die Forstwirtschaft auf schnell wachsende Nadelbäume wie Fichten und Kiefern, die noch heute, meist in Monokultur, viele Landschaften Europas prägen. Da Fichte und Kiefer dort, wo sie heute oft stehen, von Natur aus nicht vorkommen würden, sind sie nicht optimal an die dortigen Bedingungen angepasst- und wenig widerstandsfähig.  

Bis heute heute ist der Begriff Nachhaltigkeit nicht eindeutig definiert. Zwar schlägt die Forstwirtschaft in unseren heimischen Wäldern nicht mehr Holz ein, als rechnerisch nachwächst. Doch die Bewirtschaftung ist noch immer nicht in dem Sinne nachhaltig, dass sie die vielfältigen Funktionen als Lebensraum und Wasserspeicher für zukünftige Generationen erhält. De facto sind lediglich 15 Prozent der deutschen Wälder sehr naturnah. Urwälder gibt es hierzulande gar nicht mehr. Fast ein Drittel der untersuchten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten ist laut Bundesamt für Naturschutz in ihrem Bestand gefährdet. Darunter viele, deren Lebensraum der Wald ist. 

Die Forstpolitik in Deutschland befindet sich also nach wie vor auf dem Holzweg: So war es seit 2004 erklärtes Ziel der Bundesregierung, den Holzverbrauch in Deutschland pro Kopf innerhalb von zehn Jahren pauschal um 20 Prozent zu steigern. Dieses Ziel war bereits vorzeitig erreicht. 

Nun gibt es aufgrund der starken Waldschäden beispielsweise “Pflanzoffensiven”, doch das bekämpft Symptome und nicht die Ursachen. Stattdessen braucht es eine weitreichende Reform, die den Wald als Lebensraum und die Bedeutung des Waldes für das Klima in den Fokus rückt. Die Wirtschaft muss sich dem Wald anpassen – nicht andersherum. 

Naturnahe Wälder schützen und wiederherstellen

Um Klima und Artenvielfalt zu schützen, muss die Politik umdenken: Sie muss mehr Wälder schützen. Zerstörte Wälder müssen, wenn sie sich nicht mehr allein erholen können, wiederaufgebaut werden und Wälder, die stark unter intensiver Bewirtschaftung leiden, brauchen mehr Ruhe zur Regeneration.

Dementsprechend müssen Politik und Forstwirtschaft die Nutzung unserer Wälder umstellen. Sie darf nicht mehr auf maximalen Gewinn ausgerichtet sein. Hierzu ist es wichtig, in intensiv bewirtschafteten Wäldern weniger Holz einzuschlagen und mehr mit der Natur nicht gegen sie zu arbeiten. 

Das heißt beispielsweise, dass in naturnah bewirtschafteten Wäldern die Baumarten wachsen können, die dort von Natur aus vorkommen. Sie verjüngen sich in der Regel selbst und sind an die dortigen Standortbedingungen angepasst. In naturnahen Wäldern können Bäume deutlich dicker und älter werden. So entwickeln sich Waldstrukturen, die der Natur immer ähnlicher sind. Naturnahe Wälder sind widerstandsfähiger gegen Dürren, Stürme und andere Wetterextreme, wie sie in der Klimakrise häufiger werden.

Neben der überfälligen Reform zur Waldnutzung ist es essentiell, große Waldflächen sich selbst zu überlassen, damit die Natur sich regenerieren kann. Dann entscheidet sich durch den jeweiligen Standort, welche Bäume dort am besten zurecht kommen: Sie wachsen, passen sich den Umweltveränderung an, werden widerstandsfähig und bieten Tieren und Pflanzen einen Lebensraum. Dies passiert ohne Eingriff durch den Menschen – ganz von selbst und kostenlos. So entwickelt sich ein naturnaher Wald, der deutlich mehr CO2 speichert als eine Holzplantage. 

In Deutschland gibt es keine Urwälder mehr und nur 2,8 Prozent der Fläche sind vor der Säge geschützt. Deutlich mehr sind nötig: Mindestens 10 Prozent der Waldfläche müssen sich schnellstmöglich und rechtlich abgesichert natürlich zu echten und damit widerstandsfähigen Wäldern zurückentwickeln können. Insbesondere seltene Waldökosysteme, wie beispielsweise Bruch-, Schlucht-, und Auenwälder sowie bodensaure Eichenmischwälder, brauchen Schutz. 

Wenn beide Maßnahmen zusammen kommen - ein Viertel weniger Holzeinschlag durch effizientere Holznutzung, gleichzeitig mehr Schutzgebiete - kann der deutsche Wald jedes Jahr bis zu doppelt so viel CO2 binden wie bisher - und gleichzeitig wieder viel artenreicher werden.

Holz effizienter nutzen

Um Wäldern die Chance zu geben, sich zu erholen und widerstandsfähiger zu werden, muss sich unser aller Konsum ändern: Wir müssen aufhören, den wertvollen Rohstoff Holz zu verschwenden: Papier, auch Hygienepapiere wie Taschentücher und Küchenrolle gibt es aus recyceltem Material und sollten nicht aus frischem Holz hergestellt werden. 

Kurzlebige Produkte aus Holz und Papier sollten wir weiter verwerten. Internetbestellungen verbrauchen oft mehr Verpackung, als im Laden einkaufen zu gehen, wobei es auch hier Unterschiede gibt. Daher: Bewusster einkaufen, und falls es doch online sein muss - auch im Internet gibt es ökologische Shops, die auf die Verpackungsmenge achten.

Theoretisch langlebige Holzprodukte sollten auch in der Praxis wieder ein langes Leben bekommen. Auch Möbel lassen sich gebraucht kaufen oder aus upgecyceltem Altholz herstellen. 

Letztendlich sollten wir uns alle bei jedem Holzprodukt fragen, ob es sinnvoll und langfristig genutzt wird, oder ob es besser als Baum im Wald hätte weiter wachsen können. (Weitere Tipps dazu hier).

Weiterlesen
schließen

Nachrichten

Häufig gestellte Fragen

  • Wie kann eine Wende hin zu naturnäheren Wäldern aussehen?

    Entscheidend ist, Wälder stärker zu schonen: z.B., weniger Bäume zu fällen, Alt- und Totholz im Wald zu belassen, keine Gifte und Dünger einzubringen. Greenpeace hat schon vor langer Zeit an einem Konzept zur ökologischen Waldnutzung mitgewirkt, das u.a. in den Wäldern Lübecks und Göttingens umgesetzt wird. Um die Wälder zu schonen, müssen wir die wertvolle Ressource Holz aber auch effizienter nutzen und nicht verschwenden.

  • Gibt es bei uns Produkte aus Waldzerstörung?

    Ja. Und das sind nicht nur Holz- oder Papierprodukte. Auch für die Produktion von Palmöl, Soja, Tierfutter, Fleisch oder Kakao werden riesige Waldflächen zerstört. 

  • Wie können wir weltweitem Raubbau entgegenwirken?

    Die Menschheit muss lernen, mit den von der Natur bereitgestellten Ressourcen auszukommen und weniger wertvolle Rohstoffe zu verschwenden. Als Verbrauchende können wir bei unserem Konsum darauf achten, aber insbesondere müssen hiesige Unternehmen und die Politik mehr tun. Produkte, die mit Waldzerstörung in Verbindung stehen, müssen raus aus den Supermärkten! Firmen, die aus Waldabholzung, Zerstörung von Ökosystemen und Menschenrechtsverletzungen Profit schlagen, sollen ihre Produkte in Europa nicht mehr verkaufen dürfen. Hierzu brauchen wir ein neues EU-Gesetz. Und es bedarf einer neuen Handelspolitik, die Menschen und die Umwelt in den Vordergrund stellt statt kurzfristiger Profite.

  • Wie können wir Holz- und Papierprodukte effizienter nutzen?

    Letztendlich sollten wir uns alle bei jedem Holzprodukt fragen, ob es sinnvoll und langfristig genutzt wird, oder ob es besser als Baum im Wald hätte weiter wachsen können. Zu allererst sollten aus Holz langlebige Produkte, wie Möbel oder Gebäude entstehen. Beim Kauf von Holz kann man auf das Naturland Siegel achten. Erst im zweiten Lebenszyklus-Schritt sollte es zu kurzlebigen Produkten wie Spanplatten weiterverarbeitet werden. Produkte, die wir nur einmal verwenden können, sollten wir sparsamer und aus Recyclingmaterial nutzen.

  • Forderungen

    • Mindestens 10 Prozent der deutschen Waldfläche dauerhaft schützen!
    • Ein Viertel weniger Holzeinschlag in Deutschland, zum Beispiel durch weniger Einsatz von Brennholz und andere kurzlebige Holz- und Papierprodukte
    • Firmen, die aus Waldzerstörung und Menschenrechtsverletzungen Profit schlagen, dürfen ihre Produkte in Europa nicht mehr verkaufen.

    Veröffentlichungen zu diesem Thema