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Waldtagebuch vom 15.2 bis 20.2.04

Greenpeace arbeitet in vielen Ländern zum Schutz der Urwälder. Auch im Jahre 2004 waren Aktivisten aus Deutschland in verschiedenen Ecken der Welt aktiv.

20.Februar, Rainbow Warrior, Indonesien

Ich war schon häufiger in den Tropen, aber hier vor der Küste Kalimantans herrscht das komischste Wetter, das mir jemals untergekommen ist. Morgens regnet es in Strömen,

vormittags verbrennt mir die Sonne den Schädel, mittags kommt ein monsunartiger Wind auf - jetzt ist der Himmel wieder blau.

Tropen - das heißt normalerweise 28 Grad, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Schwitzen gehört dazu. Aber hier ist das Wetter völlig unberechenbar. Ich frage den Kapitän, was dahinter steckt - er muss es ja wissen. "Wir befinden uns in der innertropischen Konvergenzzone", antwortet er und

ich mache ein dummes Gesicht. Ich will aber wissen, was das heißt, inspiziere deshalb die Schiffsbibliothek: "Meteorologie für Seeleute", das hört sich gut an. Auf Seite 83 werde ich fündig.

"The Doldrums" ist der Name der Zone, in der Licht und Wind, oft in Kombination mit heftigem Regen und Gewittern, einen schmalen Gürtel zwischen dem Äquator und 12 Grad nördlicher Breite bilden - je nach Längengrad und Jahreszeit. Hier treffen die Windsysteme der nördlichen und südlichen Hemisphäre zusammen, erhitzen sich über dem äquatorialen Ozean und entladen sich vertikal." Aha. "Zu Zeiten der Seefahrer wurde diese Zone sehr gefürchtet, aus Angst, den Launen des Wetters nicht standhalten zu können."

Hm, wenn das Wetter hier schon im Normalfall verrückt spielt - wie wird sich dann wohl die rasante Abholzung des Regenwaldes hier auf das Klima auswirken? Ich frage die Indonesier an Bord, ob sich das Wetter aufgrund der Abholzungen bereits verändert hat.

Sie erzählen: Immer wieder gibt es dort, wo Wald eingeschlagen wird, riesige Überflutungen. Die Hänge werden abgeholzt, heftige Regenschauer spülen die bloßliegenden Erdmassen fort. Schlammlawinen begraben alles unter sich, was im Weg ist. Erst letztes Jahr sind bei einer

Flutkatastrophe im Leuser Nationalpark, Sumatra, über 200 Menschen ertrunken - darunter auch zwei deutsche Touristen. Eine Orang-Utan-Auffangstation wird überflutet, die meisten Tiere überleben.

Ich denke an das Elbehochwasser vor zwei Jahren in Deutschland und die große Hitze des letzten Sommers.

Mir sind die Bilder der Waldbrände in Indonesien 1997 bis 1998 noch lebhaft in Erinnerung - damals, als "El Nino"* zugeschlagen hat. Zwischen Juli 1997 und Mai 1998 fängt der Wald immer wieder an zu brennen. In Sumatra und Kalimantan gehen fast zehn Millionen Hektar Wald in Flammen auf - das entspricht der gesamten Waldfläche Deutschlands.

Es ist eine der größten Umweltkatastrophen der jüngsten Geschichte. Die Rauchschwaden ziehen bis nach Singapur und Malaysia. Die Krankenhäuser sind voll mit Menschen, die unter Atembeschwerden, Augenentzündungen und Hautkrankheiten leiden. Über 500 Menschen sterben. Die Regenzeit, die normalerweise sechs Monate dauert, schrumpft auf zwei Monate zusammen. Die Reisernte fällt in manchen Gebieten aus.

Durch den Holzeinschlag gelangt mehr Licht, Hitze und Wind auf den Waldboden, die Wälder trocknen aus. Die

nachwachsende, buschige Vegetation am Waldboden schürt selbst kleine Feuer. In der Trockenzeit breiten sie sich rasend schnell aus. Die Abholzung löst zwar nicht die Wetterveränderungen des "El Niño" aus. Aber sie erhöhen zusammen mit "El Niño" die Wahrscheinlichkeit für Waldbrände.

Der damalige Forstminister nennt 176 Firmen, die für die Abholzungen in der Region verantwortlich sind: Jedoch keine der beschuldigten Firmen wird belangt. Die Waldbrände kosten Indonesien und die benachbarten Staaten rund 9,3 Milliarden Dollar.

Rund ein Viertel aller Klima verändernden Emissionen, die 1998 in die Luft geblasen werden, gehen auf die Rechnung der Waldbrände in Indonesien.

Der Abendhimmel ist heute durchzogen von riesigen Wolkenbergen, die feuerrot leuchten. Es weht ein warmer Wind, am Horizont Wetterleuchten - schon komisch, das Wetter hier vor der Küste Kalimantans.

* "El Nino" ist ein Klimaphänomen, das alle zwei bis sieben Jahre auftritt. Dabei verändern sich Meeresströmungen, Temperatur, Windströmungen und Luftdruck im Pazifik zwischen Südamerika und Südostasien. Das führt vor allem in Südamerika und Australien beziehungsweise Indonesien zu extremen Dürren oder Unwetter mit Starkregen.

19.Februar, Kuala Lumpur, Malaysia

Was für ein Tag! Jetzt sind wir zwar total k.o., aber zufrieden. Uns war nicht so ganz klar, was uns heute erwartet. Außer dass es DIE Aktion der "Kids for Forests" auf der CBD in Malaysia sein würde: das Treffen mit den Ministern und dem Vorsitzenden der Konferenz.

Viele Minister waren eingeladen. Aber würden sie alle kommen? Wir wussten es nicht. In den letzten zwei Tagen haben wir wie die Wilden die heutige Aktion vorbereitet. Wir haben uns über die Positionen unserer Minister schlau gemacht, die Schatzkisten fertiggebaut, Petitionen ausgearbeitet und geschrieben und Banner gemalt. Außerdem haben wir versucht auf der "Treasure Island" (unser Infostand) die Delegierten im Konferenzgebäude von unseren Forderungen zu überzeugen.

Bis heute haben wir ungefähr 260 Delegierte zu "Guardians of the Earth Treasures" gemacht. Die Delegierten, die erklärt haben, dass sie sich für den Schutz der Ozeane und Urwälder einsetzen, bekommen einen waschechten Schatzhüterausweis mit Foto. Und wir kassieren die Visitenkarten ... um nachzuhaken. Allein acht Ausweise wurden an Delegierte der kanadischen Delegation ausgegeben - da kann man gespannt sein!

Jetzt ist die ganze Aufregung vorbei... Wir haben die Minister mit unserem "Kids for Forests"-Song empfangen. Laura aus dem Würzburger Greenteam hat zusammen mit Frankline aus Kamerun die Rede an den Vorsitzenden der Konferenz und die Minister gehalten! Anschließend haben wir sage und schreibe 23 Ministern und Delegationsleitern unsere Botschaft überbracht...

.... und gaaaaaaanz oft in die Kamera gelächelt. Als alles vorbei war und wir gerade am Zusammenpacken waren, kam die Überraschung: Der malaysische Minister lud uns als Sahnetüpfelchen zum Mittagessen mit den Ministern ein! Wo Justus mit den Umweltministern von Bangladesh, Pakistan und Ungarn geredet hat. Danach haben wir uns einen schönen Tag gemacht. Die Arbeitswütigen unter uns haben die Schatzinsel ("Treasure Island") betreut und die anderen waren entweder auf Sightseeing in Chinatown oder entspannten sich im Hotel und im Pool.

Die Stimmung hier ist super. Wir kennen uns zwar erst seit vier Tagen, doch alle sind total nett, und die gute Laune wird durch das bunte Sprachengewirr nur noch erhöht.

Jetzt noch einmal kurz zu dem Gespräch mit Trittin. Generell setzt sich Deutschland gut für das weltweite Netzwerk von Schutzgebieten ein. Bislang war aber kein Geld auf dem Tisch, um die Schutzgebiete auch wirklich umzusetzen. Diesmal hat Bundesumweltminister Trittin aber gesagt, dass er bereit ist, mehr Geld für die Artenvielfalt zu geben, wenn dies gefordert wird!

Viele Grüße

Justus, Laura und Clara

18. Februar, Kuala Lumpur, Malaysia

Hallo "Kids for Forests" überall auf der Welt! Es sind nur noch wenige Konferenztage, aber das werden die aufregendsten. Denn morgen werden die "Kids for Forests" ihre Minister treffen!

Aber fang ich doch von vorne an und erzähl von heute. Denn nicht alle Minister lassen sich den Termin festschreiben, wie zum Beispiel der neuseeländische Minister aus dem Department of Conservation. Der Papua Omanie, mit dem ich die Eröffnungsrede gehalten habe, hatte Andrew Bignell bereits in Neuseeland getroffen. Denn Neuseeland importiert illegal eingeschlagenes Holz aus den Urwäldern Papua Neu-Guineas.

Anton, ein russischer "Kid for Forests", und ich begleiteten Omanie zu dem Treffen, denn alleine mit einem Minister zu sprechen ist sehr schwer. So konnten wir Mister Bignell für sein Engagement gegen illegalen Holzeinschlag bei dieser Konferenz danken, aber ihn auch daran erinnern, dass sein Land trotzdem weiterhin illegales Holz importiert. Außerdem betreiben viele neuseeländische Schiffsflotten Grundschleppnetzfischerei, welche die Korallenriffe zerstören. Er hat uns versprochen, morgen auch zu unseren Ministertreffen zu kommen, wo ich vielleicht die Gelegenheit habe, noch einmal mit ihm zu sprechen.

Bis morgen

Clara

16. Februar, Styx Valley, Tasmanien

schönen abend euch allen...

hier wird es gerade langsam dunkel... Sakyo und ich sitzen im Kommunikationszelt und Sakyo erzählt mir die spannende Geschichte von der Aktion am letzten Wochenende. Greenpeace hat den Verladekran einer Holzmühle in Tasmanien blockiert und so die Verladung der für Japan bestimmten Woodchips über sieben Stunden verzögert. Jepp, das ist es!

Gestern war Bob Brown bei uns und auf dem Baum. Er brachte einen Journalisten vom Bulletin Magazin aus Australien mit. Der will eine Story über die Menschen hier bringen. Ich erzählte ich ihm, warum ich auf diesem baum bin und was ich von den Kahlschlägenn und der ganzen Politik halte.

Ein wichtiger Punkt ist, dass ich meinen Kindern diesen Wald gerne zeigen möchte - später einmal. Ich möchte sie zwischen diesen magischen Bäumen umherlaufen, zu den Wipfeln aufschauen sehen. Mit einem Lächeln im Gesicht - wie ich hier habe. Das hoffe ich ... aber wenn die Menschen bis dahin alle diese Wälder vernichtet und zu Papier verarbeitet haben... Dann möchte ich ihnen in die Augen schauen und mit aller Ehrlichkeit sagen können, dass ich alles versucht habe, um diese Wälder zu schützen!

Es sind einfach schöne Momente, wie heute morgen zum Beispiel, als ich diesen Goose Hawk auf der Spitze eines Baumes sitzen sah. Wartend, ganz ruhig, eins mit dem wald - sein Lebensraum, sein Zuhause. Vielleicht aber nicht mehr lange, wenn der Kahlschlag wirklich losgeht.

Lasst uns also nicht länger warten. Wir müssen dafür sorgen, dass die Verantwortlichen ihre Meinung ändern. Wir haben schon zu lange gewartet - lets go for it!

Schlaft gut und schöne Träume...

Jannik

16. Februar, Ku ala Lumpur, Malaysia

Los geht’s! Alle sind angekommen, auch die Kids aus Kamerun. Nachdem wir alle registriert sind, habe ich den anderen das Konferenzzentrum gezeigt. Am Mittag hatten wir dann unser erstes gemeinsames Auftreten vor den Delegierten: Der "Lunch of Life". Was ist das? In kreativen und schlagfertigen Rezepten für Cocktails und traditionelle Gerichte haben wir unsere Forderungen zum Ausdruck gebracht.

Zwei Hauptrezepte für Cocktais zeigen die Gefahr und Perspektive für die Vielfalt des Lebens auf unserem Planenten. Wir haben die Rezepte in mehreren Sprachen präsentiert. Worauf den Delegierten die harte Realität der kreativen Cocktails und Snacks fast "im Hals steckengeblieben" ist. Doch am Ende waren sie ziemlich beeindruckt.

Hier ein Beispiel:

Spirit of the Forests

Man nehme:

  • eine gehörige Portion Durchsetzungskraft
  • in gleichen Teilen Vernunft und Weitblick

Dies alles wird zusammen gemixt nach dem Prinzip der Gerechtigkeit zwischen den Generationen.

Wichtig: Dieser Drink ist nur bekömmlich, wenn

  • die Zubereitung nach den Regeln geschieht und ausreichend kontrolliert wird
  • er ausreichend finanzielle Unterstützung beinhaltet
  • ein Mitspracherecht der indigenen Völker garantiert
  • und ein Ende zerstörerischer Praktiken bedeutet

So erhält man den "Spirit of the Forests" - ein weltweites Netzwerk von Schutzgebieten, die nicht nur auf dem Papier existieren. Nun sind die letzten Urwälder - Schatzkammern der Erde - gerettet.

Ausreichend bedeutet: weitere 25 Milliarden USD pro Jahr, wovon unsere deutsche Regierung eine Milliarde Euro beitragen soll.

Okay, aber das war nicht das Ende des Tages. Nach kurzem Durchatmen haben wir gleich die Treasure Island auf der Ausstellungsfläche im Konferenzgebäude eröffnet. Von dort aus starten die "Kids for Forests" als fliegende Botschafter für die Schatztruhen der Erde durch das Konferenzgebäude.

Heute Nachmittag waren die Ersten für nur eine dreiviertel Stunde unterwegs und haben bereits 30 durch die Länderdelegierten unterschriebenen Botschafterausweise ausgestellt. Laura war bei der Gruppe dabei und hatte ein interessantes Gespräche mit Delegierten aus Saudi-Arabien, die tatsächlich noch die "Kids for Forests"-Anstecknadel von der CBD-Konferenz 2002 hatten und sich sehr wohl an die "Kids for Forests" erinnern konnten.

Eine der Delegierten hat sich für unser Anliegen ganz und gar nicht interessiert und behauptet, dass wir mit dem Infomaterial ausschließlich Müll produzieren würden. Nun denn, das ist ihre Auffassung. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir hier in Kuala Lumpur an der richtigen Stelle sind, um die Politiker daran zu erinnern, dass im Namen der zukünftigen Generationan - also auch uns - entscheiden.

Wir melden uns bald wieder. Bis dann,

Clara

15. Februar, Kuala Lumpur, Indonesien

Wow, wir sind jetzt auch in Kuala Lumpur angekommen! Hier findet die UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt statt und wir wollen den Politikern und Delegierten hier deutlich machen, was wir als "Kids for Forests" zum Schutz der Urwälder und Meere fordern. Wir sind 27 Kinder und Jugendliche aus zwölf Ländern und sprechen acht Sprachen. Die Kids aus Kamerun werden erst morgen kommen - Stromausfall auf dem Flughafen in Kamerun.

Trotz der vielen Sprachen: es klappt wirklich gut! Nachdem wir erst einmal richtig ausgeschlafen haben, legten wir gleich mit den Vorbereitungen für unsere erste Aktivität der Konferenz los. Was wir morgen vor haben? Davon werden wir Euch morgen ein ausfürlicheres Update geben.

Justus und Laura

15. Februar, Rainbow Warrior, Indonesien

Fünf Uhr morgens, ich werde vom Geräusch des Krans an Deck geweckt. Ich ziehe mich schnell an, gehe auf die Brücke, um zu sehen, was los ist. Das Schlauchboot wird ins Wasser gelassen. Über nacht sind drei weitere große Schiffe auf dem Radar aufgetaucht, ein kleines Team zieht los, um zu sehen, ob es Holzfrachter sind. Wir holen uns ein Tasse Kaffee, warten ab.

Nach einer Weile kommt das Boot zurück. Keine neuen Erkenntnisse.

Der Rest des Samstags verläuft ruhig. Das Highlight des Tages: Der Kapitän erlaubt uns, schwimmen zu gehen. Die Rainbow Warrior liegt auf offener See. Bevor wir ins Wasser springen, wird darüber gewitzelt, ob die Haie schon gefrühstückt haben oder nicht. Wir beschließen, dass das

Wasser für Haie, die dem Menschen gefährlich werden könnten, hier viel zu warm ist und springen von der Reling ins Meer.

Mich zwickt etwas: Das sind Seeläuse, sagt Pete, ganz normal in dieser Region - hm. Wir lassen uns von den kleinen Quälgeistern nicht abhalten und genießen dass tiefe Blau des Ozeans in vollen Zügen. Das Wasser ist sicher 28 Grad warm. Trotzdem erfrischend - im Vergleich zur Lufttemperatur.

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