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Waldtagebuch vom 10. 2. bis zum 15.2.04

Greenpeace arbeitet in vielen Ländern zum Schutz der Urwälder. Auch im Jahre 2004 waren Aktivisten aus Deutschland in verschiedenen Ecken der Welt aktiv.

 

14. Februar, Rainbow Warrior, Indonesien

Sonntag Morgen: kein Weckruf! Alle schlafen ein bisschen länger,frühstücken in Ruhe. Die Stimmung ist ausgelassen- die meisten habenheute frei.

Anruf von der Brücke: wir kommen in die Nähe des Hafenbeckens. Ichgehe an Deck und sehe mehrere Schiffe, die darauf warten, beladen zuwerden. Auch einige Barken, voll beladen mit mehreren hundert Stämmen,sind zu sehen. Wieder lassen wir das Schlauchboot ins Wasser - diesmalbin ich mit dabei. Keine zehn Minuten brauchen wir, um zu einer dervoll beladenen Barken zu kommen. Vier Greenpeace-Aktivisten kletternauf Plattform. Wir entfalten ein Banner: Stop Forest Crime - Stoppt Urwaldzerstörung!

Die Nachricht richtet sich an die 187 Regierungen, die auf derUN-Gipfel zum Schutz der Biologischen Vielfalt in Kuala Lumpur,Malaysia, über die Zukunft der Wälder und Meere diskutieren. Heute istHalbzeit auf dem UN-Artenschutzgipfel und noch immer sind keinekonkreten Maßnahmen gegen

die fortschreitende Urwaldzerstörung getroffen worden. Vor allem istnoch immer unklar, wie die Schutzgebiete, die wir so dringend brauchen,um selten gewordene Tierarten wie den Orang-Utan am Leben zu halten,finanziert werden sollen. Nicht einmal die reichsten Regierungen - wieDeutschland - haben bisher das nötige Kleingeld dafür auf den Tischgepackt.

Das Holz auf der Barke ist Meranti-Holz: Genau das Holz, aus demrund 850 Fenster für das neue Gefängnis in Niedersachsen gebaut werdensollen. Es kommt aus einer Region, in der auch der Tajung-PutingNationalpark liegt. Der Park ist eines der letzten Rückzugsgebiete derOrang-Utans, deren Population sich in den letzten zehn Jahren um 50Prozent reduziert hat.

Illegaler Holzeinschlag ist im Tajung-Puting Nationalpark ein gutorganisiertes, verbrecherisches Geschäft. Das Militär, die Polizei undVertreter der Forstbehörden hängen oft mit drin. Sie werden bestochen,um ab und an illegal eingeschlagenes Holz zu "konfiszieren". Nachindonesischem Gesetz muss konfisziertes Holz versteigert werden. Durch

Agenten kauft die Firma, die selbst illegal eingeschlagen hat, dasHolz billig zurück - und erhält alle für den Export benötigten Papieregratis dazu. Das Holz wird regelrecht gewaschen.

Sandra

13. Februar, Styx Valley, Tasmanien

hej, die letzte Nacht war wieder eine dieser Sturmnächte. Der Baumschwankte wie ein Schiff in hoher Dünung. Alles - von den Zelten bis zuden Seilen, die die Plattformen halten - machten Geräusche, wie Segelund Tauwerk auf einem Segelschiff. Was für mich, der im Nordenaufgewachsen ist, keine große Umstellung war. Nachdem ich in solchenNächten alles vorm wegfliegen gesichert habe, kann ich deshalb ruhigeinschlafen.

Das Faszinierenste an diesen Nächten ist aber der klare Himmel mitHunderten von Sternen und dem Mond, die wie stille Beobachter dieserWinde erscheinen. Im Morgengrauen, kurz vorm Sonnenaufgang ist dannalles wieder ruhig...

Heute sind es zwei Wochen her, dass ich das erste Mal auf die"Global Rescue Station" geklettert bin. Zwei Wochen, die sich anfühlen,wie Monate. Es ist so viel passiert! Dieser Wald, der Baum, mein neuesZuhause, neue Freunde und dieses ganze politische Thema. Was bisherpassiert ist, seit die Menschen angefangen haben gegen die Ausbeutungihrer Wälder zu kämpfen. Für ein intaktes, einzigartiges Ökosystem!

In Malaysia startet die CBD (Convention on Biological Diversity) inihren fünften Tag und alle hier unten in Tasmanien (und überall auf derWelt!) hoffen auf Veränderungen zum Schutz unserer Natur, ihrer Wälder,Ozeane und ihrer einzigartigen Lebewesen!

Jannik

13. Februar, Rainbow Warrior, Indonesien

Die See hat sich ein wenig beruhigt, auch unsere indonesische Aktivistin ist wieder wohl auf.

Wir nehmen Kurs auf Kalimantan. In dieser Region Kalimantans gibt esnur zwei Gebiete, für die vom Staat Einschlagsgenehmigungen vergebenwurden. Beide "Konzessionen" sind jedoch bereits geplündert, so dasshier zur Zeit kein Holzeinschlag stattfinden dürfte.

In der Praxis sieht das anders aus. Ein Schiff nach dem anderen wirdin den Häfen Kalimantans mit Holz beladen - von hier aus wird esmanchmal über Umwege - in alle Teil dieser Welt geliefert. Ein Großteildes Sperrholzes aus Indonesien geht nach Japan, in die USA, nach Chinaund in europäische Länder. Die Regierungen all dieser Länder sitzen imMoment in Kuala Lumpur zusammen und reden über Artenschutz, währendhier der Holzschmuggel weiter geht.

Auch nach Deutschland wird immer noch täglich Holz ausUrwaldzerstörung geliefert. Ein großer Teil davon wird illegaleingeschlagen und aus Indonesien heraus geschmuggelt. Letztes Jahrwurden Holzwaren aus Indonesien im Wert von 294 Millionen Euroimportiert.

Ein Teil dieses Holzes landet in unseren Gärten: Teakmöbel werden inletzter Zeit wieder modern. "Garantiert aus Plantagenholz" oderÄhnliches steht dann auf den Verkaufschildern. Absolut keine Garantiefür eine ökologisch und sozial verträgliche Waldwirtschaft. Oft werdenUrwälder zunächst abgeholzt, um schnellwachsende Plantagen an zu legen.Die Folge: der Boden laugt aus, die eingesetzten Pestizide verseuchendas Trinkwasser.

Wir nähern uns der Küste: auf dem Radar sehen wir drei großeSchiffe. Mit der Rainbow Warrior wollen wir nicht zu nah an sieheranfahren, sie nicht provozieren. Wir beratschlagen uns kurz,entscheiden uns, eines der Schlauchboote ins Wasser zu lassen. StrikteOrder: Sicherheitsabstand zu den Schiffen einhalten.

Nach zwei Stunden kommt das Schlauchboot zurück. Es handelt sich umzwei indonesische und ein Schiff aus Panama, das Sperrholz geladen hat.Einer der beiden indonesischen Frachter ist voll mit Stämmen. Wirwollen wissen, wo er hinfährt - der Export von Rundholz in Indonesienist verboten.

Während Greenpeace in Deutschland dagegen protestiert, dass in derneuen Justizvollzugsanstalt Niedersachsens 850 Merantiholz-Fenstereingebaut werden sollen, gehen wir hier dem Schmuggel von Merantiholznach. Wir machen den Job, den eigentlich die Regierung erledigensollte. Doch Korruption und Gewalt sind ein großes Problem und haltendie Regierung bisher davon ab, gegen den illegalen Holzeinschlag undden Schmuggel von Holz vorzugehen.

Schließlich funken wir den Frachter an, sind neugierig, wohin dieStämme geliefert werden sollen. Das Holz bleibt in Indonesien, sagt derKapitän. Wir sind misstrauisch: Zu viel Holz wird hier illegaleingeschlagen und dann geschmuggelt. Wird rufen die Behörden an, bittensie, die Papiere des Schiffs und seine Ladung zu überprüfen. Ob sieunseren Hinweisen nachgehen werden, wissen wir nicht - aber wir werdennachhaken.

Sandra

12. Februar, Kuala Lumpur, Malaysia

Hallo, heute war der große Tag der Vorbereitungen - morgen kommendie ersten Kids for Forests Delegationen aus Brasilien, Kanada undChile an! Ein paar der Jugendlichen kenne ich schon, zum BeispielCaroline und Stephanie aus Vancouver in Kanada. Die beiden waren, genauwie ich, vor zwei Jahren bei der letzten CBD-Konferenz in Den Haag. Undgenau wie ich, kommen sie jetzt zum zweiten Mal, um die Politiker zufragen: Vor zwei Jahren habt ihr uns viel versprochen. Was habt ihrgemacht?

Wir wollen den Kids for Forests einen schönen Empfang bereiten unddeshalb haben wir in die Hände gespuckt und die Ärmel hochgekrempelt:Gemeinschaftsraum dekorieren, Schatzkisten stapeln ... Ach ja, dieSchatzkisten - einige sind schon da: ihr solltet sie sehen! Sie sindwunderschön und keine gleicht der Anderen! Jede Schatzkiste ist fürsich eine Botschaft der Kids for Forests. Außerdem waren wir nocheinkaufen...

Warum ich das erzähle? Weil es, ehrlich gesagt, das erste Mal war,dass ich tatsächlich mal etwas anderes gesehen habe, als fensterloseKonferenzräume und den Weg von unserer Unterkunft zum Putra World TradeCentre.

Ich hatte es ja gestern schon angedeutet: Jetzt geht es hier langsamrichtig los! Grob gesagt, hat sich die Konferenz in zwei großeArbeitsgruppen geteilt, in denen es jetzt um‘s Eingemachte geht. Dieeine Arbeitsgruppe beschäftigt sich vor allem mit dem Thema"Schutzgebiete". Die andere diskutiert unter anderem über Fragen desletzten "Weltgipfels" in Johannesburg.

In der zweiten Arbeitsgruppe wurde zum Beispiel über die Fragediskutiert, welche Mitspracherechte die indigenen Völker haben sollen.Sollen sie nur informiert werden - also nicht mitentscheiden dürfen?Oder soll ihr Rat eingeholt werden vor der Entscheidung? Oder sollensie mit diskutieren dürfen als eine Interessengruppe neben anderen, wiezum Beispiel der Wirtschaft? Oder erkennt man an, dass es "ihr Land"ist, sie also Entscheidungsrecht haben?

Ihr könnt euch vorstellen, dass es bei diesen Debatten heiß hergeht.Und vor allem die Urwaldländer haben da natürlich teilweise ganzharrsträubende Vorstellungen. Damit ihr euch vorstellen könnt, wiemühsam diese Debatten sind.

Eine kleine Anekdote aus dieser Arbeitsgruppe von Steve Sawyer, demLeiter des Politikbereiches bei Greenpeace International: Es wurde einPapier vorgelegt, das aus sehr vielen Sätzen in Klammern bestand. EinSatz in Klammern bedeutet: Die Länder konnten sich bei vorangegangenenKonferenzen nicht einigen - bis zum Schluss. Deshalb bleibt der Satzbis zur nächsten Konferenz in Klammern. So weit so gut. Ziel derArbeitsgruppe war also, die Klammern loszuwerden. Es wurde diskutiertund diskutiert, den ganzen lieben langen Tag - und am Ende waren imText mehr Klammern als zuvor.

Die andere Arbeitsgruppe hat sich, wie gesagt, mit Schutzgebietenfür Meere und Wälder beschäftigt. DAS Kids for Forests Leib- undMagenthema. Bei den Greenpeace Wald- und Meeresexperten entstand großeAufregung, als klar wurde: Es liegt ein neues Diskussionspapier vor!

Fieberhaft wurden die Änderungen identifiziert, schriftlichkommentiert und an die Delegierten verteilt. In der Hoffnung, dass soviele Länder wie möglich unsere Vorschläge und Kritik übernehmen. Denn:der bisher vorliegende Vorschlag wurde an einigen Stellen entscheidendverändert - leider nicht zum Guten.

Ein Beispiel: Wir ihr wisst, ist das Thema "Geld für Schutzgebiete"hier eines der ganz großen Streitpunkte. Im alten Diskussionspapiersteht, dass Entwicklungs-, Schwellenländer und Inselstaaten finanziellunterstützt werden sollen, damit sie Schutzgebiete einrichten können.Australien hat vorgeschlagen, diese Finanzierung erst bis zum Jahr 2010(statt bisher 2008) auf die Beine zu stellen. Wie soll denn sobitteschön das Artensterben bis 2010 drastisch reduziert werden?Australien hat sogar gesagt, dass der Vorschlag, auf internationalerEbene Fonds einzurichten, ganz gestrichen werden soll.

Unsere Greenpeacer haben gekämpft wie die Löwen, sind von Meeting zuMeeting gerannt. Sie haben mit Delegierten diskutiert, Papieregeschrieben, ein Informationsveranstaltung für die Presse abgehalten...Und während ich das hier schreibe (es ist immerhin 20.30 Uhr) sitzensie schon wieder in der nächsten Sitzung.

Jetzt wird in sogenannten Kontaktgruppen weiter gearbeitet und dawird es erst so richtig hoch hergehen. Drückt unseren Leuten dieDaumen! Tschüß, bis morgen

Eure Clara

12. Februar, Rainbow Warrior, Indonesien

Einen ganzen Tag haben wir ein paar Meilen vor Jakarta gelegen,mussten auf Öl, warten, das hier nicht ganz einfach zu besorgen ist.Außerdem hatte sich eine Aktivistin eine böse Infektion am Fußzugezogen und musste an Land gebracht werden, um sich behandeln zulassen. Nachdem sie in eine

Glasscherbe getreten war, hatte sich der Schnitt entzündet. Zuvielbarfuss an Deck rumgelaufen. Hier in den Tropen, entzünden sich Wundenschnell, werden zu schlimmen Abzessen.

Nachmittags gegen vier kommt endlich das erste Boot in Sicht, Faithund unsere Ärztin sind zurück. Faith humpelt noch ein wenig, aber derFuß ist gut versorgt. Auch der Hafenarzt hatte sich die Behandlungnicht zugetraut, so dass die Beiden ein Krankenhaus in Jakartaaufsuchen mussten.

Rund eine Stunde später wird das Öl endlich geliefert. Insgesamtdrei Tage hat es gedauert, das Öl zu beschaffen. Ein Lotse kommt anBord, lenkt uns aus dem Hafenbecken. Wir legen an Geschwindigkeit zu,jetzt geht's los.

In der Nacht bekommt Faith Fieber - hoffentlich schlagen dieAntibiotika bald an. Auch ich habe eine unruhige Nacht, über mir knarztes heftig im Holz. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere, kannnicht schlafen. Um halb acht Uhr werden wir gnadenlos geweckt.Frühstücken, Putzen, den Tag planen. Ich kann meine Augen kaumoffenhalten, auf der Brücke ist es stickig, draußen regnet es heftig.

Die See ist rauh, das Arbeiten am Computer im Kampagnenbüro machteinen ganz schön schwindlig. Als es aufklart, setze ich mich vor dieBrücke, schreibe dort weiter. Solange man ab und zu den Horizontfokussieren kann, geht's. Zwei Aktivisten sind richtig seekrank, fühlensich miserabel. Ronny kocht zum Mittag Ingwersuppe - soll gegenSeekrankheit

helfen. Dummerweise ist der schaukeligste Platz auf dem Schiff derEssensbereich. Auch mir wird ganz anders, als ich mich zum Essenhinsetze. Schnell wieder an Deck.

Ich schreibe gerade ein paar E-Mails an die Kollegen. Plötzlichfallen die Maschinen aus. Alle sind zunächst ratlos, wissen noch nicht,wo das Problem liegt, bewahren aber die Ruhe. Also lehne auch ich michwieder zurück, schreibe weiter. Schon ein komisches Gefühl, mitten aufSee zu sein, um einen herum weit und breit nichts als Wasser und nichtsgeht mehr.

Geschäftigkeit bricht aus, wir hissen die Segel. Schön sieht sieaus, die Rainbow Warrior, fast schon ein bisschen majestätisch. Klingtaltmodisch, ist aber so. Nach einer halben Stunde ist das Problembehoben, die Maschinen laufen wieder.

Nachmittags bietet sich uns ein fantastisches Naturschauspiel -einige Meilen weit entfernt schießt eine Wassersäule in den Himmel, alswürde sie von den Wolken aufgesaugt. Tornadoähnlich wird das Wasser zurSeite

und in die Höhe gepeitscht - wie dieses Phänomen zu Stande kommt,kann mir keiner so genau erklären. Ein bisschen "äugeln" wir, ob der"Tornado" näher kommt. Doch so schnell, wie er gekommen istverschwindet er auch wieder. Spannung liegt in der Luft.

Sieben Uhr, die meisten versammeln sich an Deck. Die Arbeit istgetan, jetzt ist Zeit, sich zu unterhalten, Geschichten auszutauschen.Der Sternenhimmel ist unglaublich. Orion steht zwar auf dem Kopf, dafürsieht man hier weit mehr Sternenbilder als bei uns. Die Warnleuchten anden Masten der Rainbow Warrior sind die einzige Lichtquelle meilenweit,

fast könnten sie ein Teil des hellen Sternenhimmels sein. Die Mastenheben sich dunkel gegen den Sternenhimmel ab, bewegen sich mit demSchiff auf und ab - eine fast unwirkliche Kulisse.

Wir werden noch einige Zeit segeln müssen, um wieder in Küstennähezu kommen und unsere Recherchen zum illegalen Holzschmuggel fortsetzenzu können

Sandra

12. Februar, Kuala Lumpur, Malaysia

Langsam geht der öffentliche Teil des vierten Tages derCBD-Verhandlungen seinem Ende entgegen. Die Beiträge der ersten Tagewaren eher formell und es reihte sich eine nichtssagende Begrüßunsgredean die andere. Seit gestern geht es aber um die Errichtung vonSchutzgebieten an Land und im Meer.

Die ersten Meinungsverschiedenheiten werden deutlich: Nationen mitIndustrieinteressen der Holz- und Fischereiindustrie versuchen denvorgeschlagenen Text aufzuweichen und machen entsprechende Vorschläge.Länder die den Schutz der Artenvielfalt fordern - dazu macht auchDeutschland immer wieder gute Vorstöße - versuchen dagegen zu halten.

Vor dem Plenumssaal drücken wir den ankommenden Delegierten unsereWackelkarten in die Hand, das sind die Karten die aus dem einen Winkelbetrachtet früher vorhandene Urwaldflächen und Fischbestände und ausdem anderen die heute noch vorhandenen Flächen und Fischbeständezeigen. Es ist schön, viele Delegierte während der zum Teilstinklangweiligen Verhandlungen mit den Karten spielen zu sehen.

Alle Delegationen berichten stolz über Schutzgebiete undNationalparks in ihren Ländern. Dabei vergessen sie jedoch zu erwähnen,dass viele dieser gepriesenen Parks und Schutzgebiete nur auf demPapier existieren und die Umweltzerstörung dort voranschreitet.

Im Plenum haben sich die Leute mittlerweile mit Pullovern,Strickjacken oder dicken Sakkos ausgerüstet - es ist einfach kalt hierdrin. Überhaupt kann man sagen, dass die Durchschnittstemperaturzwischen drinnen und draußen wohl das Angenehmste wäre. Draußen ist es35 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit, drinnen 18 Grad bei nullLuftfeuchtigkeit.

Kann gar nicht verstehen, wie die hier lebenden Menschen das machen.Sobald man aus dem eiskalten Plenumssaal auf die Straße kommt, legtsich ein heißes, feuchtes Bettlaken auf den Körper und innerhalb vonfünf Minuten ist man durchgeschwitzt und möchte duschen. Kann man sichdaran gewöhnen?

Das Hotel in dem wir untergebracht sind ist riesig. Auf dem Weg inunser Appartement muss man sogar den Fahrstuhl wechseln. Die erstenneun Stockwerke sind Parkhaus, Küche, Waschsalon und so weiter. Wirsind im 32 Stockwerk untergebracht. Wenn es nicht wie üblich diesigist, hat man einen wunderschönen Ausblick.

Am Endes des Horizonts gibt es grüne Hügel, die erahnen lassen, wieschön die Wälder in der Umgebung sein müssen. In den Straßen KualaLumpurs allerdings sind die lebendigen Palmen durch blinkende Neonbäumeersetzt worden.

Dafür ist das Essen sehr, sehr gut! Wenn man die glitzernden Lichterund lauten Restaurants der Shopping malls mit livrierten Kellnern undklimatisierten Räumen verlässt, sich um zwei drei Ecken bemüht und sichin eine der kleinen Straßenküchen traut, wird man mit himmlischgewürzten Speisen belohnt.

Uns bleibt allerdings wenig Zeit, die bunt zusammengestellten Tellerzu genießen - gestern Abend war es halb elf als wir endlich waszwischen die Zähne bekommen haben. Wie auch immer, die Stimmung in derGruppe ist gut und es macht einen Höllenspaß mit so vieleninternationalen Freunden und Kollegen zusammen zu arbeiten.

Thilo

11. Februar, Rainbow Warrior, Jakarta, Indonesien

Peter, der erste Matrose an Bord der Rainbow Warrior, zeigt mirmeine Kajüte. Ich schlafe ganz unten im Schiffsbauch, teile mir diehinterste Kajüte mit drei anderen Frauen. Ich muss leise sein, dennKaterina, eine der Matrosinnen, hatte Nachtwache und holt gerade einbißchen Schlaf nach.

Die Pressekonferenz gestern war ein voller Erfolg. Fast 30Journalist/innen waren da, auch einige von der deutschen Presse. DasThema "illegaler Holzeinschlag" findet hier in Indonesien zurzeit vielBeachtung. Immerhin gehen dem Staat Indonesien laut Aussagen derWeltbank jede Minute 6.700 Dollar durch den Raubbau am Wald verloren.Über das Jahr gerechnet, ist das mehr, als acht Millionen Familien inIndonesien in einem Jahr durchschnittlich verdienen. Außerdem findetgerade in Kuala Lumpur die Konferenz zum Schutz der Meere und Wälderstatt. Hier ziehen die Regierungen der Welt Bilanz und müssen Maßnahmengegen das Artensterben ergreifen.

Der Indonesische Forstminister hat die EU bereits letztes Jahr dazuaufgerufen, kein Holz aus Malaysia zu kaufen. Der Grund: Ein Großteildes Holzes, das von Malaysia aus nach Europa transportiert wird, stammtaus Indonesien. Hier wird das Holz größtenteils illegal geschlagen undüber die Grenze geschmuggelt. Die indonesische Regierung hat dieKontrolle über die Holzindustrie verloren und ist sich dessen bewusst.

Vor zwei Wochen, zu Beginn der Rainbow Warrior Tour hat dieindonesische Regierung das Greenpeace Schiff besuch und den Kampf gegendie Urwaldzerstörung willkommen geheißen. Der Umweltminister Nabil undder Sprecher des Senats Mr. Amien und haben uns aufgefordert unsereArbeit hier fortzusetzen.

Peter führt uns Neuankömmlinge über das Schiff, zeigt uns, wogegessen wird, wie der Abfall recycelt wird, wo der Maschinenraum ist.Außer mir ist noch Mare, eine holländische Aktivistin und einJournalist aus Jakarta an Bord gegangen.

Er führt uns über die Brücke, macht uns auf dieSicherheitsvorschriften aufmerksam und erklärt uns den Tageablauf:Gegessen wird um 7.30 Uhr, 12.00 Uhr und 18.00 Uhr. Geputzt wird von8.00 Uhr bis 8.30 Uhr, dann gibt es ein kurzes Teammeeting, danachbeginnt jeder mit seiner täglichen Arbeit. Dreimal am Tag werden überdas Satellitensystem e-mails abgerufen, damit wir den Kontakt zurAußenwelt nicht verlieren.

Wenn ich in der schmalen Koje liege, höre ich die Wellen gegen dieBordwand klatschen. Ich habe mich noch nicht ganz an dieZeitverschiebung, immerhin 6 Stunden, gewöhnt und liege noch langewach. Noch habe ich kein Vorstellung davon, was auf uns zu kommen wird.Ich bin gespannt, auf das was kommt und hoffe, dass diese Tour dazubeiträgt, wenigstens ein bisschen Urwald zu retten.

11. Februar, Kuala Lumpur, Malaysia

Hallo, langsam wird die Konferenz interessant: die Länder fangen aunüber Schutzgebiete zu reden. Damit die Politiker wissen, wie dringendes ist, endlich zu handeln, haben Omanie, ich und die GreenpeaceUrwald- und Meeres-Postkarten verteilt. Die Karte zeigen die Abholzungder Urwälder und die Überfischung der Meere weltweit.

Kennt ihr Wackelkarten? Wenn man sie bewegt, kann man zweiverschiedene Bilder sehen. Auf den ersten Blick denkt man, dass es eineganz normale Weltkarte ist. Aber das eine Bild zeigt, wo überall aufder Erde vor 8000 Jahren Urwald war und viele, kleine Fische stehen fürdie verschiedensten Tiere in den Weltmeeren. Das andere Bild zeigt dieSituation von heute: 80 Prozent der Urwälder sind verschwunden und dieMeere sind nahezu leergefischt. Ziemlich beeindruckend!

Könnt ihr Euch vorstellen, dass es in Europa vor 8.000 Jahren fastüberall Urwälder gab? Ich kann es nicht wirklich, denn der typischedeutsche Wald mit ordentlich gerade stehenden Bäumen, ist nichts imVergleich mit einem Urwald, indem Bäume stehen, die Jahrhunderte altsind.

Fast alle Delegierten, denen wir eine solche Postkarte gegebenhaben, waren sofort fasziniert - und im gleichen Moment schockiert überdie heutige Situation. Das war eine super Sache, weil sie kurz daraufin ihr Treffen gegangen sind, in dem es um Schutzgebiete ging.

Während die Politiker in diesem Treffen alle brav erzählten, was sievielleicht, unter Umständen und eventuell machen wollen, habe ichüberlegt, dass ich noch einmal zu den Vertretern aller Länder sprechenmöchte. Besonders weil ich, als Deutsche, die reichen Länder daranerinnern will, dass Geld benötigt wird, um Schutzgebiete aufzubauen undzu erhalten.

Die Politiker müssen sich entscheiden, wie viel Ihnen die Zukunftihrer Kinder wert ist. Und was für ein Leben sie uns, Kindern undJugendlichen, ermöglichen wollen. Mit oder ohne die einzigartigenUrwälder der Erde und die Vielfalt der Meere?

Ich hatte nicht mehr erwartet, dass ich noch einmal sprechen dürfte- immerhin sind die Rednerlisten ellenlang. Aber es hat geklappt! DerLeiter des Treffens war daran interessiert, die "Stimme der jungenGeneration" zu hören. Also konnte ich den Delegierten unsere Botschaftnochmal lautstark vortragen.

Das kam ziemlich klasse an! Die Politiker haben sich umgedreht, umzu sehen, wer da hinter ihnen spricht (die Umweltorganisationen sitzennämlich hinter den Politikern). Am Ende wurde sogar geklatscht. Ichhoffe, dass alle mich und die Kids for Forests wirklich ernst nehmenund jedes Land überdenkt, was sie für den Schutz der letzten Urwälderund Meere machen müssen.

Ich weiß, gestern habe ich versprochen, euch zu erzählen, worüberdie Länder genau streiten und was die Knackpunkte sind. Dafür ist esnoch ein wenig zu früh, denn es dauert lange, wenn ungefähr 180 Staatenihre Meinungen über Schutzgebiete austauschen. Aber versprochen, morgenkommt mehr! ;-)

Nur so viel, die Deutschen sind ziemlich engagiert, sagen abernicht, wie viel Geld sie bereit sind zu geben. Andere Länder sind nochunentschlossen. Chile meinte, dass es viel zu früh ist, heute schonüber Schutzgebiete zu reden.

Was ist das bloß für eine komische Meinung? Wenn die Urwälder undMeere heute nicht geschützt werden, dann ist es bald nicht mehrmöglich. Dann gibt es keine mehr. Aber lasst uns morgen abwarten, danngibt´s die neusten News.

Alles Gute, Clara

10. Februar, Rainbow Warrior, Jakarta, Indonesien

Samstagabend legt die Rainbow Warrior im Hafen von Jakarta an. Ichund die Greenpeacer aus Jakarta sind da, um die Crew zu begrüßen. Esgibt große Widersehensfreude, Berichte über das, was das Team in denletzten zwei Wochen erlebt und entdeckt hat.

Während einige Mitglieder des Teams sich auf einen Abend in derStadt freuen, bereitet sich die andere Hälfte des Teams auf diekommende Pressekonferenz vor. Pressemappen werden gepackt, Kartenausgedruckt, die Präsentationen ausgearbeitet. Ein Zwischenbilanz sollgezogen werden, war die Tour bisher ein Erfolg?

Die letzten zwei Tage habe ich in Jakarta verbracht und letzteVorbereitungen für die Reise getroffen. Agus und ich haben vor allemeinkauft - 50 Kilo Kartoffeln, 30 Kilo Tomaten und noch viel mehr. DieVorräte müssen die Leute an Bord der "Rainbow Warrior" mindestens zweiWochen lang über Wasser halten.

Abends trifft sich das Team im Hotel: Lagebesprechung. Steven, derCampaigner, erzählt, dass Greenpeace in den letzen Wochen viele Zeichendes illegalen Holzeinschlags gefunden hat. Aber die Holzfäller werdenvorsichtig. Sie wissen, dass Greenpeace in der Region ist, um illegalen

Holzeinschlag aufzudecken und die Verantwortlichen derUrwaldzerstörung zu benennen. Sie passen auf, dass sie nicht erwischtwerden, das Schmuggeln von Holz wird für Sie etwas komplizierter.

Morgen Abend werde auch ich an Bord der "Rainbow Warrior" gehen, dann geht die Reise richtig los.

Sandra

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