Deutsche Zusammenfassung der Studie The Last Intact Forest Landscapes of Northern European Russia

Russland: Die letzten Urwälder

Die Studie ist das Ergebnis eines vierjährigen Projektes mit dem Ziel, die genaue Lage der letzten großen noch intakten Urwälder Europäisch-Russlands zu ermitteln und zu kartographieren. Außerdem sollte eine Einschätzung über die Bedrohung der letzten intakten Urwälder und ihre wirtschaftliche Bedeutung für die Holzindustrie vorgenommen werden.
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Die erstellten Karten liefern den notwendigen wissenschaftlichen Hintergrund und die Basis für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft sowie der Zivilgesellschaft, um Maßnahmen zum Schutz der letzten Urwälder zu ergreifen.

Erstmalig wurden für eine solche Untersuchung neben geographischen Karten auch Satellitenbilder unterschiedlich hoher Auflösung eingesetzt (15 bis 150 Meter/Pixel). Mittels Felduntersuchungen wurden die Daten aus der Analyse der Satellitenbilder überprüft und die Analyse stetig verfeinert. Das Ergebnis ist die Darstellung der genauen Lage aller unberührten borealen Urwälder des europäischen Teils Russlands mit einer Größe von mehr als 50.000 Hektar. Sie zählen zu den letzten großen unberührten Urwäldern Europas.

Zusammenfassung

Die landläufige Vorstellung von Russland als einem Land mit unbegrenzter wilder Natur ist ein Mythos. In Wirklichkeit schrumpfen die unberührten Flächen rapide - insbesondere die letzten großen, intakten Urwälder. Holznutzung, Straßenbau, Bergbau, Pipelines und Eisenbahnen zerschneiden die Urwälder in kleinere Fragmente. Innerhalb dieser verstärkt sich die Ausbeutung von Holz oder Mineralien. Auch die vom Menschen verstärkte Feuerintensität bedroht zunehmend die unberührte Natur. Diese Entwicklung trifft auch für Europäisch-Russland zu.

Die Studie berücksichtigt die nördliche Region Europäisch-Russlands und des Urals (Murmansk, Karelien, Archangelsk, Komi, Perm, Vologda, Leningrad, Novogrod, Pskov). Dabei wurden alle borealen Waldgebiete größer als 50.000 Hektar ermittelt, die keinerlei Zeichen von Infrastruktur aufweisen.

Drei Gründe sprachen dafür, den Fokus auf entsprechend große Gebiete zu legen:

  • Erstens sind diese aufgrund geringerer Randeffekte weit besser in der Lage, die natürliche Entwicklung des Urwaldes zu ermöglichen und großen Tieren einen natürlichen und geeigneten Lebensraum zu bieten. Natürliche Prozesse wie etwa Feuer oder Windwurf können ohne großen Schaden für das Ökosystem Wald überstanden werden.
  • Zweitens sind große, unberührte Gebiete als Referenz für die große Mehrheit bereits zerstörter Wälder notwendig, um die natürlichen Prozesse der Waldentwicklung zu vergleichen und zu verstehen.
  • Drittens sind die Kosten für den Schutz großer Urwälder verhältnismäßig gering, da Größe und Abgeschiedenheit ein wichtiger Vorteil bei ihrem Schutz sind.

Mit der Studie liegen erstmals detaillierte Karten der letzten Urwälder Europas vor, die einen genauen Überblick über Größe, Beschaffenheit und Zustand einzigartiger borealer Wälder geben.

Intakte Urwälder

Als intakte Urwälder werden in der Studie Wälder bezeichnet, die frei von jeglicher Infrastruktur sind und eine Mindestgröße von 50.000 Hektar aufweisen, bei einer Mindestbreite von 10 Kilometern. Diese Größe entspricht einem Quadrat von 22 Kilometern Seitenlänge. Als intakt werden hier Urwälder verstanden, die bislang frei von jeglicher industrieller Nutzung sind und keine dauerhaften Siedlungen und Kommunikationsstrukturen aufweisen. Sie sind bisher weder durch Bergbau, Landerschließung oder andere gravierende menschliche Einwirkungen beeinflusst worden.

Dies bedeutet jedoch nicht das zwangsläufige vollständige Fehlen jeglichen menschlichen Einflusses. Vom Menschen gänzlich unberührte Naturräume gibt es nach Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden der Besiedelung borealer Waldgebiete, nicht mehr. Spuren geringer menschlicher Einflüsse, wie etwa die der Jagd oder die einzelne Entnahme von Bäumen sind typisch für die Wälder Europäisch-Russlands. Wälder mit diesen Charakteristika wurden als intakt eingestuft.

Eines der größten Probleme bei der Darstellung von intakten Urwaldgebieten liegt im Umgang mit Waldbränden. Feuer ist eine natürliche Erscheinung im borealen Wald-Ökosystem, wobei nicht jeder Waldbrand eine natürliche Ursache hat. Schwierig ist es, natürliche Waldbrände von solchen durch Menschen verursachte zu unterscheiden. In der vorliegenden Studie werden Waldbrände meist als ein natürliches Element in der Entwicklung des Ökosystems Wald verstanden. Eine Ausnahme stellen lediglich die Brände in unmittelbarer Umgebung von Siedlungen und Infrastruktur dar. Diese Brände werden als vom Menschen verursachte angesehen - der Wald daher als nicht intakt gewertet.

Methoden der Analyse

Die Untersuchung wurde in drei Phasen durchgeführt, mit dem Ziel, in den ersten beiden Phasen die per Satellitenbilder zu untersuchenden Regionen mittels kostengünstiger Verfahren auf die Wesentlichen zu beschränken. In der ersten Phase wurden auf der Basis topographischer Karten Gegenden mit dichter Infrastruktur und hohem Bevölkerungsaufkommen von der Untersuchung ausgeschlossen.

In der zweiten Phase wurden Satellitenbilder mittlerer Auflösung (150 Meter pro Pixel) aus zwei aufeinander folgenden Jahren verwendet, um Gebiete der Tundra und Gebiete mit sichtbaren Kahlschlägen oder anderer landwirtschaflicher Nutzung auszuschließen. In der dritten und letzten Phase wurden schließlich hochwertige Landsat-Satellitenbilder oder analoge Satellitenbilder verwendet (15 bis 35 Meter pro Pixel), um die genauen Grenzen der intakten Urwaldgebiete zu identifizieren und zu kartographieren.

Die gegenwärtige Bedrohung der großen intakten Urwälder wurde mittels eines Vergleiches von Satellitenbildern der Saison 1999 bis 2000 untersucht. Dabei wurde die fortschreitende Zerstörung des Urwaldes vom Jahre 1999 bis zum Jahre 2000 sichtbar. Während des gesamten Untersuchungszeitraumes wurden 67 Felduntersuchungen durchgeführt, um die Informationen aus der Analyse der Satellitenbilder im Wald zu überprüfen, die Analysemethode stetig zu verfeinern und den Grad der Urwaldzerstörung mit den Satellitenbildern zu vergleichen.

Das Ergebnis der Studie zeigt: Nur noch 14 Prozent (32 Millionen Hektar) der Waldfläche im europäischen Teil Russlands sind intakte, große, unberührte Urwälder. Der Großteil hiervon liegt im hohen Norden. In den anderen Gebieten des europäischen Teils Russlands kommen solche großen Urwälder nicht mehr vor. Die verbliebenen Urwälder sind häufig schwer zugänglich, forstlich wenig produktiv und gering im Baumbestand im Vergleich zu dem, was für Gewöhnlich als Mindestbestand für eine sich lohnende nachhaltige Waldwirtschaft angesehen wird.

Gemäß der offiziell vorliegenden Daten haben 87 Prozent der in dieser Studie erfassten Urwälder eine durchschnittliche Zuwachsrate von weniger als ein Kubikmeter pro Hektar und Jahr. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) der Urwälder haben einen Holzvorrat von weniger als 100 Kubiukmerter pro Hektar. So gut wie nie liegt der Holzvorrat höher als bei 150 Kubikmeter pro Hektar. Zum Vergleich: Das schwedische Forstgesetz schließt alle Wälder mit einer Zuwachsrate von weniger als ein Kubikmeter Stammholz pro Hektar und Jahr von der Waldbewirtschaftung aus.

Der Vergleich zeitlich aufeinander folgender Satellitenbilder der Jahre 1999 und 2000 sowie verschiedene Felduntersuchungen zeigen die schnell voranschreitende Urwaldzerstörung. Es wurde festgestellt, dass 95 Prozent der Holzernte in der Republik Karelien, in der Region Perm und in der Republik Komi in bereits beeinträchtigten Urwäldern oder in Sekundärwäldern stattfinden. Fünf Prozent der Holzernte finden im intakten Urwald statt. In der Region Archangelsk war die Intensität des Holzeinschlages im intakten Urwald höher. Hier stammen zehn Prozent des gefällten Holzes aus intakten Urwäldern und 90 Prozent aus bereits beeinträchtigten Urwäldern oder Sekundärwäldern. Wird dieser Urwaldvernichtung nicht Einhalt geboten, ist in naher Zukunft kein intakter großer Urwald mehr vorhanden.

Schatzkammern der Natur

Die verbliebenen intakten Urwälder im europäischen Teil Russlands sind einzigartige Ökosysteme mit einem hohen ökologischen Wert. Sie beherbergen mittlerweile selten gewordene Tiere wie Bär, Wolf, Uhu, die besonders empfindlich auf menschliche Einflüsse reagieren. Vom Urwald umsäumt liegen unberührte Seen und Flusslandschaften sowie Sümpfe und Moore. Zahlreiche Pflanzen gedeihen trotz der über fünf Monate anhaltenden Schneedecke und zeigen im Sommer ihre strahlende Blütenpracht. Im Wald wachsende Beeren und Pilze sind ein wichtiger Ernährungszusatz für die umliegende menschliche Bevölkerung.

Die Größe der Urwälder ist ausschlaggebend für den Erhalt dieser Naturschätze. Nur ausreichend große Gebiete können natürliche Ökosysteme gegen störende Einwirkungen von außen isolieren, die von angrenzenden bereits vom Menschen genutzten Gebieten ausgehen. Die Urwälder Russlands und ihre Permafrostböden bilden zudem einen wichtigen Kohlenstoffspeicher. Werden diese Urwälder vernichtet, hat die Freisetzung von klimawirksamen Treibhausgasen ernste Konsequenzen für das gesamte Weltklima.

Die Zerstückelung der Taiga und die Umwandlung von Urwäldern in Sekundärwälder und die damit einher gehenden Veränderungen des Ökosystems sind von seiten der Wissenschaft noch nicht ausreichend untersucht und verstanden worden. Die Bewahrung der letzten großen Urwälder ist daher nicht nur eine Vorsichtsmaßnahme, die es der Wissenschaft ermöglicht, mehr über das Ökosystem der borealen Urwälder zu lernen, sondern auch eine Investition in die Zukunft.

Der durch einen Schutz der verbliebenen intakten Urwaldgebiete entstehende Verlust an potentiell ausbeutbaren Wäldern dürfte gering sein. Die meisten noch existierenden Urwälder liegen weit ab jeglicher Infrastruktur und ihre Ausbeutung bedürfte der Überwindung vieler technischer Schwierigkeiten - ein wesentlicher Grund, warum sie bislang intakt sind. Die größte Gefahr für diese Urwälder ist die zu starke Ausbeutung der bisher genutzten Waldgebiete in Europäisch-Russland.

Die hausgemachte Übernutzung bildet nun den Anreiz für die kommerzielle Forstindustrie, ihre cut-and-run-Praxis (Abholzen und Verschwinden) auf die noch intakten Urwälder auszuweiten.

Verschiedene Pläne für die Einrichtung neuer Nationalparke wurden erstellt, um einige der wertvollsten Urwälder und Naturräume im Norden Europäisch-Russlands zu schützen. Unglücklicherweise liegen diese noch heute in den Schubladen der Regionalverwaltungen: Ob Kutsa in der Murmansk Region, Kalevalsky in der Republik Karelien oder Onezhskoye Pomorye in der Region Arkhangelsk - noch ist kein Schutzkonzept umgesetzt. Die Schutzpläne für diese Gebiete decken einige der wertvollsten Urwälder ab, die allesamt als große intakte Urwälder identifiziert wurden. Zur gleichen Zeit geht der kommerzielle Holzeinschlag in einigen der wertvollsten Gebiete weiter: im Dvinsky-Urwald (zwischen dem Fluss Dvina und dem Pinega Fluss), zwischen dem Pinega Fluss und dem Fluss Vashka oder in unmittelbarer Umgebung um die Nationalparke Vodlozersky oder Paanajarvi.

Die Abwertung des Rubels im Jahre 1998 hat die Ausbeutung von Rohstoffen für Exportzwecke noch profitabler werden lassen. Als Folge hat sich die Abholzung der intakten Urwaldgebiete stark beschleunigt und eine Höchstmarke in den vergangenen zehn Jahren erreicht. Die in dieser Studie identifizierten letzten großen Urwälder sind akut von Zerstörung bedroht. Um dieser Gefahr entgegen zu treten müssen dringend Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Hierzu müssen umgehend alle beteiligten Regierungsstellen wie auch die Forstverwaltung, die Holz- und Papierindustrie als auch die Zivilgesellschaft eine lösungsorientierte Diskussion beginnen. Andernfalls ist die wilde Taiga des europäischen Teils Russlands für die Menschheit und für zukünftige Generationen verloren. Dies wäre der endgültige Verlust der letzten großen Wildnis Europas.

Ergebnisse

Klägliche 14 Prozent der gesamten Waldfläche im europäischen Teil Russlands sind intakte große unberührte Urwälder. Die Mehrheit dieser Urwälder liegt im abgelegenen Norden. Im Süden oder im Zentrum Europäisch-Russlands existieren keine großen Urwälder mehr.

  • Die Mehrheit dieser Urwälder hat einen jährlichen Zuwachs an Holz von weniger als ein Kubikmeter pro Hektar und Jahr.
  • Die noch existierenden Urwälder sind gering im Holzvorrat. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) haben einen Holzvorrat von weniger als 100 Kubikmeter pro Hektar. So gut wie nie liegt der Vorrat höher als bei 150 Kubikmeter pro Hektar.
  • Zehn Prozent der Holzernte in der Region Archangelsk finden in den großen intakten Urwäldern statt. 90 Prozent der Holzernte werden in bereits beeinträchtigten Urwäldern oder in Sekundärwäldern durchgeführt. In der Republik Karelien, in der Region Perm und in der Republik Komi finden in intakten Urwäldern fünf Prozent, in bereits beeinträchtigten Urwäldern oder Sekundärwäldern 95 Prozent der Holzernte statt.
  • Wegen des geringen Baumbestandes und der niedrigen Zuwachsrate dieser Wälder sind diese für eine Ressourcen schonende, die Natur des Waldes erhaltende Waldwirtschaft ungeeignet. Die notwendigen Kosten für Straßenbau und Walderhaltungsmaßnahmen würden die Erträge bei weitem übersteigen, auch aufgrund der großen Entfernung der Absatzmärkte. Die dominierende Praxis in diesen Wäldern ist daher der Kahlschlag. Frühere Beispiele in vergleichbaren Gebieten zeigen, dass die dem Holzeinschlag folgenden Investitionen für Wiederaufforstung und Waldwirtschaft meist nicht ausreichend waren.
  • Eine Nutzungsaufgabe der vorratsarmen Urwälder würde äußerst geringe Auswirkungen auf den potentiellen Holzvorrat des europäischen Teils Russlands haben.

Der Schutz der großen unberührten Urwälder ist ein möglicher und effektiver Weg, die biologische Vielfalt dieser Wälder zu erhalten. Mit einem wirkungsvollen Schutzstatus bieten Abgelegenheit und Größe dieser Urwälder die beste Garantie für den Erhalt einer intakten und unberührten Natur.

Greenpeace und Global Forest Watch, Oktober 2001

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