Trotz Klimawandel und Artensterben werden in Lappland die letzten größeren Urwälder gefällt

Finnlands Urwälder: Kahlschlag für deutsches Papier

Die Zerstörung der letzten Urwälder der Erde beschleunigt das dramatische Artensterben und den Klimawandel: Diese wissenschaftlichen Tatsachen sind inzwischen auf internationalen Konferenzen auch durch Politiker nicht mehr zu ignorieren. Trotzdem hat die Regierung Finnlands im Dezember 2006 erneut begonnen, die letzten größeren Urwälder Lapplands kahl zu schlagen. Holz aus finnischer Urwaldzerstörung ist erneut Rohstoff für die Papierproduktion – auch für den deutschen Markt.
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Im Norden Finnlands werden seit Dezember 2006 wieder großflächig Urwälder zerstört. Das staatliche finnische Forstamt schlägt in den letzten größeren ungeschützten Urwaldgebieten der Regionen Sodankylä, Savukoski, Salla und Kittilä in Lappland ein - per Kahlschlag. Gleich mehrere Holzfällmaschinen, so genannte Harvester, sind dabei große Teile der einst unberührten Urwälder für immer zu zerstören. Ein Beispiel: Im knapp 13 000 Hektar großen Painopää-Urwald in Savukoski wurde allein binnen vier Wochen eine Fläche von 1000 Hektar zerstört. In weiteren sechs Urwäldern wird ebenfalls eingeschlagen.

Der erneute Holzeinschlag in den Urwäldern in Lappland ist vollkommen inakzeptabel. Diese Wälder sind von großer Bedeutung, um ein Netzwerk von Schutzgebieten in Nordeuropa verwirklichen zu können. Sie dienen als natürliche Brücken zwischen anderen Urwäldern in einer Region, in der bereits zu viele Wälder zerstört wurden. Sie beherbergen tausende bedrohter und gefährdeter Arten und dienen ansässigen Rentierhaltern als natürliche Weideflächen für Ihre Tiere.

Seit über drei Jahren wurde in diesen Gebieten nicht mehr eingeschlagen - bis heute. Im Frühling 2003 hatte das finnische Forstamt nach Protesten von Greenpeace und anderen Umweltschutzgruppen so wie durch Intervention vieler europäischer Papierkunden erstmals ein Einschlag-Moratorium verkündet. Bis Ende 2005 diskutierte das Forstamt mit dem Finnischen Naturschutzbund (FANC) und dem WWF über eine Lösung der Urwaldschutzfrage. Doch bevor die Diskussionen ausreichende Ergebnisse für den Urwaldschutz ergaben, beendete das Forstamt die Gespräche und nahm kleine Waldflächen aus der forstwirtschaftlichen Nutzung. Die größten ungeschützten Urwälder Lapplands waren nach den Gesprächen genauso bedroht wie zuvor.

Mitverantwortlich – die Papierindustrie und ihre Kunden

Die Nachfrage der Papierindustrie ist ursächlich für die erneute Urwaldzerstörung. Das seit Dezember 2006 gefällte Holz wird zum überwiegenden Teil von den finnischen Zellstoff- und Papierherstellern Stora Enso, M-Real und Metsä-Botnia (UPM-Kymmene, Metsäliitto) verarbeitet. Für die Papierhersteller scheint die kurzfristige Profitmaximierung nach wie vor weit vor dem langfristigen Schutz der Natur oder des Klimas zu stehen. Als Wochenmagazin, Verpackungskarton, Kopierpapier, Jahresbericht oder Briefumschlag wird der Urwald nun wieder bei uns in Deutschland auf dem Wohnzimmertisch landen.

Das Holz aus Urwaldzerstörung wird vom Papierhersteller Stora Enso im Werk Kemijärvi und von Metsä-Botnia im Werk in Kemi zu Zellstoff verkocht. Von dort wird der Zellstoff an andere Stora Enso-Fabriken oder an die Papierhersteller M-Real und UPM-Kymmene geliefert – auch für deren Papierfabriken in Deutschland.

Deutsche Firmen sind Finnlands wichtigster Papierkunde und tragen damit eine besondere Verantwortung für die Urwälder Finnlands. Knapp 20 Prozent des Papiers und ein Drittel der Zellstoffexporte Finnlands sind für den deutschen Markt bestimmt. Jede Woche verlässt ein großer Papierfrachter voll beladen mit Papierrollen und -bögen den finnischen Ostsee-Hafen Oulu und läuft drei Tage später im Hafen von Lübeck-Travemünde ein. Abnehmer des Papiers aus Finnland sind vor allem:

Zeitschriften-Verlage wie Axel Springer Verlag, Bauer Verlag, Bertelsmann-Gruppe, Burda Verlag, Gruner + Jahr oder Spiegel-Verlag.

Papiergroßhändler wie Papier Union, Schneider + Söhne und die Deutsche Papier. Sie vertreiben über ihr regionales Vertriebsnetz das Papier an Druckereien in ganz Deutschland, wo es unter anderem in Werbematerialien Verwendung findet.

Briefumschlagshersteller wie Bong RCT oder Mayer-Kuvert. Die Urwälder Finnlands werden Woche für Woche verschickt. Allein jeder fünfte Briefumschlag kommt von Bong RCT, das Papier von Stora Enso kauft.

Verpackungsunternehmen kaufen spezielles Papier von M-Real zur Kartonherstellung. So sind z.B. die weißen Kartons des Computer- und Druckerherstellers Hewlett-Packardvon der M-Real Fabrik in Kemi hergestellt worden, die den Urwaldzellstoff zur Herstellung nutzt.

Finnlands Regierung ignoriert globale Schutzbemühungen

Urwälder sind weltweit akut gefährdet, obwohl sie essentiell für das Überleben der Mehrheit der Tiere und Pflanzen auf der Erde sind. Ihre Zerstörung ist ursächlich für das gegenwärtige dramatische Artensterben. Seit 65 Millionen Jahren, der Zeit als die Dinosaurier ausstarben, sind nicht mehr so viele Arten verschwunden wie heute: Jeden Tag sterben Schätzungen führender Wissenschaftler zufolge über 100 Arten aus. Der Verlust des Lebensraumes ist Hauptursache dafür. Der Schutz der Urwälder ist daher entscheidend, denn 2/3 der an Land lebenden Arten kommen in Urwäldern vor.

Mit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Biologische Vielfalt (CBD) hat sich Finnland dazu verpflichtet, die Artenvielfalt zu schützen. Jüngst hat Finnland zudem die globale Initiative Count Down 2010 der Weltnaturschutzunion (IUCN) unterschrieben, deren Ziel es ist, den gegenwärtigen dramatischen Artenverlust bis 2010 zu stoppen. Während Finnland im Rahmen solcher Initiativen darüber diskutiert, wie deren Ziele erreicht werden können, werden zu Hause weiter Fakten geschaffen und die letzten Urwälder Europas kahl geschlagen.

Greenpeace-Recherchen haben ergeben, dass die Urwälder Lapplands eine Fülle gefährdeter und bedrohter, teilweise sogar gesetzlich geschützter Arten beherbergen. Obwohl bestehende Gesetze diese Arten schützen sollen, werden die Urwälder vernichtet.

Urwaldzerstörung beschleunigt Klimawandel

Auch das globale Klima nimmt Schaden. Die Zerstörung der Urwälder heizt das Klima weiter an. Die Entwaldung durch den Menschen ist für sagenhafte 18 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich – weit mehr als beispielsweise der Transportsektor. Jede fortgesetzte Zerstörung der Urwälder in Finnland heizt das Klima weiter an. Die borealen Urwälder spielen als größter terrestrischer Kohlenstoffspeicher zudem eine besondere Rolle für das Klima. Werden sie zerstört, verändert sich das Mikroklima und der im Boden gebundene Kohlenstoff kann entweichen. Weit über 50 Prozent des erdgebundenen Kohlenstoffes sind in den borealen Urwäldern gespeichert.

Langfristig kann nur die offizielle Einrichtung eines Netzwerks von Schutzgebieten mit dauerhafter rechtlicher Bindung den Erhalt der letzten Urwälder in Finnland garantieren. Die finnische Regierung ist gefordert, ihre Verpflichtungen aus der Konvention über die Biologische Vielfalt (CBD) zu erfüllen und die Wälder unter rechtlich bindenden Schutz zu stellen.

Holznachfrage bleibt ungebremst

Finnland ist das waldreichste Land der Europäischen Union. Auf fast drei Vierteln der Landesfläche wächst mehr als doppelt so viel Wald wie in Deutschland. Von den ursprünglichen Urwäldern Finnlands sind jedoch weniger als eine Million Hektar erhalten. In den vergangenen 60 Jahren ist der Großteil der nordfinnischen Urwälder zerstört worden. Jahr für Jahr drangen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Holzfäller und Papierfirmen weiter nach Norden.

Die Kapazitäten der finnischen Papierindustrie stiegen stetig, obwohl diese schon lange nicht mehr durch heimischen Rohholznachschub zu befriedigen sind. Um die Papierfabriken in Finnland am Laufen zu halten werden deshalb jedes Jahr knapp 14 Millionen Kubikmeter Holz aus Russland importiert. Russische Rohholzlieferungen machen damit fast 20 Prozent der finnischen Holzversorgung aus. Diese stetig gestiegene Nachfrage nach Holz und Papier ist die Ursache für die fortschreitende Zerstörung der Urwälder – bis heute.

Ein Großteil der noch erhaltenen Urwälder wächst in Lappland. Hier bilden sie die nördlichsten Kiefern-Urwälder der Erde. Noch nördlich des 69. Breiten­grades trotzen die nicht selten über 700-jährigen Kiefern dem langen Winter. Die geographische Lage hoch im Norden, weit entfernt von Infrastruktur und Fabriken so wie die geringe Produktivität der Urwälder, gemessen am Holzvolumen pro Hektar, haben sie lange vor den Holzfällern bewahrt. Doch heute stuft das staatliche finnische Forstamt auch die aus forstlicher Sicht unproduktiveren Urwälder als Wirtschaftswald ein. Damit erscheint das Schicksal der Urwälder besiegelt.

Die verbliebenen Urwälder Finnlands sind sehr wichtig für das Überleben vieler Tier-, Pflanzen- und Pilzarten des Nordens. Wölfe und Bären sind hier heimisch. Anderswo bereits ausgestorbene Pilze, wie etwa der Skeletocutis jelicii, kommen hier noch vor. Auf Grund der enormen Zerstörung durch die Forstwirtschaft stehen heute über 500 waldspezifische Tier-, Pflanzen- und Pilzarten auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.

Viele der Tier-, Pflanzen- und Pilzarten können in den kommerziell genutzten Wäldern Finnlands aufgrund der Eintönigkeit und des veränderten Mikroklimas des Wirtschaftswaldes nicht überleben. Der Bestand an Totholz - stehende oder liegende tote Bäume - im kommerziell genutzten Wald, ist im Vergleich zum Urwald um über 90 Prozent reduziert. Doch ein Viertel aller Arten im Wald ist von Totholz abhängig.

Kultur der Sami bedroht

Urwälder wie auch Wälder mit hohem Schutzwert (HCVF) im Norden Finnlands bilden eine Grundlage für die traditionelle Lebensweise der Sami; der einzigen anerkannten indigenen Minderheit der EU in Nordwesteuropa. Die traditionelle Rentierzucht der Sami und die Urwälder sind eng miteinander verwoben. Diese Tatsache hat das finnische Forstamt nicht davon abgehalten, diese Wälder zu fällen.

Nur in den Urwäldern der Region Inari im Norden Lapplands, dem Gebiet der Sami, wird nicht eingeschlagen, werden bestehende Einschlagpläne bisher nicht umgesetzt. Denn im November 2005 empfahl das Menschenrechts-Komitee der Vereinten Nationen nach Anrufung durch finnische Sami der finnischen Regierung, den Einschlag im Urwald auszusetzen, bis eine Klage von Sami gegen die Rodungen im Urwald behandelt würde. Ende 2006 erneuerte der UN-Menschenrechtsrat diese Empfehlung.

Die Wälder der Region Inari im Norden Lapplands haben durch das so genannte Rentiergesetz einen besonderen Status. Das Gesetz verpflichtet das staatliche Forstamt, die Holzernte so durchzuführen, dass die Rentierhaltung mit frei umherziehenden Tieren keinen Schaden nimmt. Doch das Gegenteil ist der Fall. In den vergangenen dreißig Jahren wurde ein Großteil der für die Rentierhaltung wichtigen Urwälder zerstört. Die Rentierzucht, der kulturelle Mittelpunkt der Sami und eine wichtige Einkommensquelle, hat darunter gelitten, und viele Sami waren gezwungen, die Rentierhaltung nur noch nebenberuflich auszuüben.

Zum Ende des Winters, wenn die Rentiere unter dem verdichteten Schnee keine Nahrung mehr finden, sind die Urwälder mit ihren herabhängenden Flechten die einzige Futterquelle. Die Flechten wachsen sehr langsam und sind in ausreichender Menge nur in Urwäldern zu finden, in denen Kiefern weit über 500 Jahre alt werden können und später als Totholz im Wald verbleiben. Neben der Rentierzucht fischen einige Sami in den Seen und Flüssen. Der Wald liefert zudem Beeren und Pilze.

Die finnische Regierung rühmt sich, in Lappland viel Wald unter Schutz gestellt zu haben und meint, deshalb nicht noch mehr Wälder schützen zu müssen. Sie verschweigt jedoch, dass nicht wenige der ökologisch wertvollsten Urwälder bisher nicht dazu gehören. Auch viele der für die Sami wichtigen Urwälder liegen zudem außerhalb der bestehenden Schutzzonen.

Mogelzertifikate erlauben den Handel mit Urwaldholz

Fast 99 Prozent der finnischen Wälder sind nach dem Finnischen Zertifizierungssystem (FFCS) zertifiziert. Diese vom Industriezertifikat PEFC anerkannten Standards erlauben das Abholzen von Urwäldern und die Zerstörung von Lebensräumen gefährdeter Tier-, Pilz- und Pflanzenarten. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass auch die in Deutschland gehandelten Holz- und Papierprodukte mit dem PEFC-Zeichen aus Urwaldzerstörung stammen. Eine Alternative bietet Holz oder Papier mit dem Siegel des FSC (Forest Stewardship Council). Hiermit gekennzeichnete Ware stammt aus ökologisch nachhaltiger Waldwirtschaft, die auch soziale Kriterien der Waldbewirtschaftung fordert.

Greenpeace fordert:

  • den sofortigen Stopp des Einschlages in Urwäldern und Wäldern mit hohem Schutzwert (HCVF) in finnischen Staatsbesitz.
  • die Aufnahme von Verhandlungen des finnischen Staates zur Lösung des Urwaldkonfliktes unter voller Einbeziehung der Sami.
  • eine urwaldfreundliche Einkaufspolitik der finnischen Papierhersteller Stora Enso, UPM-Kymmene, Metsä-Botnia und M-Real.
  • die Einrichtung eines Netzwerks von Schutzgebieten, wie auf der 7. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention über die Biologische Vielfalt (CBD) beschlossen, um den Verlust der Artenvielfalt aufzuhalten.
  • Eine Waldnutzung, die ökologische und soziale Kriterien berücksichtigt. Die Zertifizierung gemäß den Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC) gilt bspw. dafür weltweit als glaubwürdiger Nachweis.

Das können Sie tun:

  • Reduzieren Sie im Büro und privat den Papierverbrauch. Verwenden Sie zum Schreiben, Drucken und Kopieren Recyclingpapier.
  • Verlangen Sie von den Verlegern der von Ihnen gelesenen Zeitschriften und Magazinen die Einhaltung der Selbstverpflichtung der Verlage zum Schutz der Urwälder.
  • Fragen Sie beim Kauf von Holzprodukten nach dem Öko-Siegel FSC. Damit können Sie sicher sein, kein Holz aus Urwaldzerstörung zu erwerben.

V.i.S.d.P. Oliver Salge

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