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Amazonas-Reisetagebuch Teil 7

Samstag, 15. November 2003: IBAMA, die brasilianische Umweltbehörde, hat zugeschlagen. Sie untersucht Forest Management Plans, so genannte FMPs. Das sind Gebiete, in dem Holz in Maßen eingeschlagen werden darf - nachdem der Besitzer des Gebietes einen Bewirtschaftungsplan erstellt hat und die IBAMA ihr Okay gegeben hat. In dem Hafen am Fluss liegen 2200 Stämme, insgesamt 4300 Kubikmeter Holz, hat der Holzfäller angegeben. Jetzt misst die IBAMA, ob das stimmt.

Josafa, so heißt der Verantwortliche in diesem Gebiet, darf in diesem Jahr 22.000 Kubikmeter einschlagen. Aber viele Holzfäller halten sich nicht an die Vorgaben. Deshalb kontrolliert IBAMA die FMPs, so oft es geht. Möglicherweise hat Josafa mehr eingeschlagen als er darf oder er hat das Holz außerhalb seines Gebietes gemopst. Dann wird der Fall vor Gericht gebracht.

Gestern Abend sind wir in Carmelinho am Fluss Jaurucu angekommen, eine kleine Gemeinde. Vom Flussschiff aus sehen wir nur sieben Holzhütten. Die Menschen hier kennen Greenpeace vom letzten Jahr. Damals haben wir zusammen mit 400 Menschen den Jaurucu blockiert und verhindert, dass illegal eingeschlagenes Holz aus ihrem Wald über den Fluss abtransportiert wird. Seitdem hat sich das Problem noch nicht gelöst. Die Dorfbewohner überlegen deshalb, ein Schutzgebiet einzurichten. Morgen gibt es eine Versammlung.

Freitag, 15 Uhr: Der IBAMA-Hubschrauber landet in einem anderen FMP. Der Wind der Rotorblätter fegt alles aus dem Weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Holzstückchen fliegen durch die Luft. Auf den Kufen des Helikopters steht ein Mann mit Maschinengewehr. Für die IBAMA sind solche Aktionen kein Kinderspiel.

Die Umweltbehörde ist schlecht ausgerüstet, im Vergleich zur Holzmafia. Sie hat zu wenig Mitarbeiter, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, und sie hat zu wenig Geld für technische Ausrüstung. Somit kann IBAMA nur einzelne Fälle aufdecken. Wir geben ihnen Funkgeräte, Benzin und detaillierte Karten.

Wir und unsere Kameralinsen sind von Staub bedeckt, als der Hubschrauber gelandet ist. Wir haben alles abgelegt, was nach Greenpeace aussieht: Westen, T-Shirts, Schirmmützen. Wir wollen nicht provozieren. Gerne würden wir in den Wald und uns persönlich ein Bild machen. Liegen hier Baumstämme zum Abtransport, wie viele, welche Baumarten, und vor allem: Haben die Holzfäller die Vorgaben der IBAMA eingehalten?

Die Journalisten, die uns begleiten, sind scharf auf spannende Geschichten. Sie wollen Beweise und am liebsten selbst mit den Holzfällern sprechen. Wir haben stets Sicherheitsbedenken. Hier ist ein Menschenleben nur 30 Dollar wert, so viel, wie ein Holzfäller für einen Mahagonibaum bekommt.

Gestern ist CITES, das Washingtoner Artenschutzabkommen, in Kraft getreten. Mahagoni ist letztes Jahr in Anhang II hochgelistet worden; dafür hat Greenpeace lange gekämpft. Diejenigen, die Mahagoni einschlagen, handeln oder exportieren, müssen jetzt strengere Auflagen erfüllen und belegen, dass sie Mahagoni als Art nicht gefährden. Ob das wirklich hilft, den Amazonas besser vor Abholzung zu schützen, wird sich in Zukunft zeigen.

Brasilien hat jedenfalls Konsequenzen aus der Hochlistung gezogen und sogar das Gesetz geändert, um Mahagoni zu schützen. Die Kriterien sind so streng geworden, dass sie von keiner der Firmen, die bisher Mahagoni eingeschlagen haben, erfüllt werden. Es gibt momentan in Brasilien keinen legalen Handel mit Mahagoni.

Wir fragen die IBAMA, ob es möglich ist, mit Ihnen mitzukommen. Sie gestatten uns, über die Holzfällerstraße in den Wald zu fahren, denn die ist öffentlich. Für unsere Sicherheit könne man allerdings nicht garantieren. Schließlich brettern drei Journalisten mit Dave, unserem Logistikkoordinator, auf Motorrädern los.

Das Camp der Holzfäller ist verlassen, berichten sie, als sie zurückkommen. Der Einschlag ist alt, das Holz längst abtransportiert. Die Journalisten sind enttäuscht. Wir hingegen sind froh, dass nichts passiert ist. Hier wird die IBAMA lange brauchen, um festzustellen, ob sich die Holzfäller korrekt verhalten haben. Wenn das Holz einmal weg ist, ist die Recherche schwierig.

Greenpeace tut alles, um der IBAMA zu helfen. Unser Hubschrauber fliegt täglich über den Wald und sucht nach illegalem Holzeinschlag und nach illegalen Flugplätzen, auf denen die Holzfäller ankommen und abreisen. Unter den Arbeitern sind oft Sklaven, die unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Gerade hören wir, dass wir noch mehr illegal eingeschlagenes Holz gefunden haben. Scheint ein dicker Fisch zu sein. Ob wir es schaffen, den Holzfällern das Handwerk zu legen?

Falls Sie wissen möchten, wo genau der brasilianische Bundesstaat Pará liegt, hilft unsere Übersichtskarte.

Wenn Sie mehr über die Greenpeace Amazonastour wissen wollen, lesen Sie auch: Amazonas-Reisetagebuch Teil 6

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