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Amazonas Reisetagebuch Teil 2

Auf der Suche nach illegalem Holzeinschlag - Hubschrauber fliegen ist besser als Achterbahn fahren. Ohne Türen, nur mit einem Gurt um die Hüfte, halten wir uns bei den ersten Kurvenflügen am Haltegriff fest, bis wir uns daran gewöhnt haben. Wir fliegen direkt über den Baumwipfeln und folgen einer Holzfällerstraße.

Von ihr gehen Dutzende kleiner Straßen ab - illegaler Straßen. Erschreckend viel Verwüstung, die wertvollsten Bäume sind gefällt. In Hunderten von Jahren gewachsen, in Minuten umgesägt. Einst so hoch wie ein zehnstöckiges Hochhaus, liegen die Baumstämme wie Riesenstreichhölzer am Boden.

Einige Kilometer entfernt steigt dichter Rauch von einem riesigen Waldbrand in den Himmel. Mit dem Tropenwald, einem der artenreichsten Ökosysteme des Planeten, verbrennen Tausende von Tieren. Doch wir können nichts tun. Nach brasilianischem Recht darf jeder Grundbesitzer 20 Prozent seines Gebietes abfackeln - doch an diese Vorgaben hält sich kaum jemand. Auch hier müsste die IBAMA eigentlich überprüfen, ob eine Erlaubnis vorliegt. Doch jetzt ist es eh zu spät. Wird der Boden erst einmal landwirtschaftlich genutzt, hat der Wald keine Chance mehr.

Wir fliegen über das Flussschiff. Es ankert vor einem Einschlaggebiet. Bis vor kurzem wurde hier noch gearbeitet. Inzwischen haben sich die Holzfäller aus dem Staub gemacht. Nachts erspähen wir oft Schiffe voller Ausrüstung. Die Holzfirmen bringen ihre Bulldozer und Motorsägen in Sicherheit. Das Holz lassen sie zurück. Wenn die IBAMA, die brasilianische Umweltbehörde, sie beim Holzraub erwischt, beschlagnahmt sie die Maschinen. Den Maschinentransport selber kann die IBAMA nicht aufhalten, wenn die Werkzeuge registriert sind.

Von oben sehen wir, dass unsere Greenpeace-Kollegen schon zwei Buchstaben auf die Plattform vor dem Einschlaggebiet geschrieben haben. Auf der Plattform stapeln die Holzfäller normalerweise die Stämme und transportieren sie über den Fluss ab. C und R steht dort schon; I, M und E folgen noch: CRIME.

Verantwortlich für den Holzraub ist ein Mann namens Paolo Pombo. Rund 6000 Kubikmeter Tropenholz liegen hier herum. Macaranduba, Copiuba - Holzarten, die zu Bauholz weiterverarbeitet werden sollen. Auf dem europäischen Markt ist Tropenholz meist billig. Geklaute Ware lässt sich noch günstiger verkaufen. Die Händler machen trotzdem fette Gewinne.

Nachdem wir wieder gelandet sind, helfen wir den anderen. Wir markieren die Holzstämme als illegal, auf portugiesisch und auf englisch. Zusammen mit 20 anderen Greenpeacern halten wir ein riesiges Banner: "Amazon Crime - Greenpeace". Wir machen Fotos, teilen der Presse unseren Fund mit. Alle sollen wissen, was die Holzfäller anrichten. Und die Holzfäller sollen wissen, dass wir sie erwischt haben. Jetzt ist die IBAMA wieder am Zug. Sie wird das Holz vermessen und Pombo anzeigen. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf.

Die Holzmafia schlägt zurück

Mittwoch, 19. November, Carmelinho: Breaking News im Bundesstaat Pará. Rund 300 Holzfäller, teilweise bewaffnet, halten 20 Mitarbeiter der brasilianischen Umweltbehörde IBAMA in einem Hotel in Medicilândia fest. Es nervt die Holzfäller, dass Greenpeace und die IBAMA in der Region sind und ihre dreckigen Geschäfte aufdecken. Normalerweise ist die Chance, erwischt zu werden, gleich Null. Ein Nervenkrieg, bis die IBAMA-Mitarbeiter endlich wieder frei sind.

Sonntag, 23. November: Früh am Morgen, um halb sieben, kommen Verbündete aus Porto de Moz auf unser Flussschiff. Wir liegen direkt neben der Arctic Sunrise. Der Besuch hat Neuigkeiten. Holzfäller sind in Booten unterwegs und wollen gegen uns protestieren. Am späten Vormittag, gegen elf Uhr, kommen sie in Sicht. 15 kleine Boote und eine Holzbarke - diesmal voll mit Menschen statt mit Holz. Sie halten Transparente: Schutz ja, aber kein Reservat voller Lügen.

Es knallt. Sie feuern in die Luft. Sie schreien uns an. Ein paar kleinere Boote kommen nah heran. Aufgehetzte Holzfäller attackieren die Arctic Sunrise, die vor der Holzfällerstadt Porto de Moz im Rio Xingu manövriert: Am schlimmsten ist der Moment, als die Männer an unserer Reling hängen und versuchen, an Bord zu klettern. Einige sind angetrunken und aggressiv. Ein Mann bindet sich an unserem Schiff fest. Ein anderer schreit: Wenn ihm was passiert, bring ich euch um.

A bunch of gringos

Einer der Männer hält ein weißes T-Shirt hoch. Sie wollen, dass wir eine Delegation an Bord lassen. Schließlich begrüßen wir sieben Leute und zusätzliche Journalisten, die mit den Holzfällern kommen. Alle setzen sich im Kreis aufs Deck der Arctic Sunrise. Wir stehen daneben und versuchen herauszuhören, worum es geht. Die Diskussion ist hitzig. Sie wollen uns hier nicht, sagen sie - egal, welche Argumente wir haben, wir gehören hier nicht hin. Wir und die IBAMA seien nur a bunch of gringos. Einer der Holzfäller gibt sogar zu, dass er illegal einschlägt. Auch in Zukunft wolle er das ungestört tun, gibt er uns zu verstehen.

Plötzlich springen sie auf. Die anderen Schiffe kommen näher. Eines der größeren Schiffe macht sich mit einem Tau an der Arctic fest. Pikanterweise ist es der Tourismussekretär, der sich dann an unserer Reling festbindet. Wir hindern die Holzfäller nicht an ihrem Protest, solange alles friedlich bleibt. Das Problem ist nur, dass einige der Holzfäller angetrunken sind und die Stimmung jederzeit in Gewalttätigkeit umkippen kann - völlig anders als Greenpeace-Proteste, die grundsätzlich gewaltfrei und friedlich sind.

Der Bürgermeister von Porto de Moz

Inzwischen regnet es heftig. Die Bundespolizei ist eingetroffen, um uns zu schützen. Eine Bundespolizistin erkennt unter den Anführern der Angreifer den Bruder des Bürgermeisters von Porto de Moz. Campos, so heißt der Bürgermeister der Holzfällerstadt, ist bereits mehrfach wegen Korruption und illegalem Holzeinschlag aufgefallen. Letztes Jahr, als Greenpeace mit 400 Menschen den Transport von illegal eingeschlagenem Holz über den Jaurucu-Fluss blockiert hat, hat er eine Holzbarke mitten in die kleinen Fischerboote fahren lassen. Dabei wären fast Menschen gestorben.

Wir machen uns Sorgen um unsere Freunde in der Stadt. Deshalb lassen wir uns schließlich auf einen Deal ein: Wir entfernen uns von Porto de Moz, und sie tun unseren Verbündeten nichts. Wahrscheinlich ist es der starke Regen, der uns hilft: Sie lösen den Strick und hauen ab.

Donnerstag, 27. November, auf der Rückreise. Bilanz: 39 Moskitostiche allein an den Füßen. Verfassung: Schlafmangel, durch oberflächliche Bräune erholtes Erscheinungsbild. Die Amazonas-Tour ist vorbei, zumindest für uns beide. Die anderen machen noch bis Mitte Dezember Aktionen gegen illegalen Holzeinschlag und treffen Dorfgemeinschaften.

Viel gelernt haben wir in den vier Wochen Amazonien. Zum Beispiel, dass nicht in jeder Situation Aktionen angebracht sind. Die Holzfäller sind aufgebracht und gewaltbereit. Sie noch mehr zu reizen und Aktivisten und Dorfgemeinschaften in Gefahr zu bringen, ist zu riskant. Auf jeden Fall ist es wichtig, den Menschen vor Ort den Rücken zu stärken und ihnen Informationen zu geben, so dass sie gemeinsam gegen die Holzmafia vorgehen können.

Schutzgebiete machen nur dort Sinn, wo die Menschen sie wollen und Alternativen zum illegalen Holzeinschlag existieren. Die Holzmafia ist stark, ihr Netzwerk dicht geflochten, der Reiz des schnellen Geldes groß. Wenn man, wie viele hier, von der Hand in den Mund lebt, überlegt man sich zweimal, ob man sich und seiner Familie zu all den anderen Sorgen noch die Holzmafia aufhalst. Hier ist nicht nur Greenpeace gefragt. Auch die Behörden und die Regierung müssen ihren Teil dazu beitragen, dass der Amazonas-Urwald geschützt wird und als Lebensgrundlage für die Menschen in Pará erhalten bleibt.

Urwaldschutz kostet Geld. Wenn wir in Deutschland die Urwälder für kommende Generationen und für den Klimaschutz retten wollen, dann muss auch die deutsche Bundesregierung Geld für die Einrichtung von Schutzgebieten bereitstellen. Aber auch jeder Einzelne kann sich für den Urwald einsetzen, indem er beim Kaufen von Holz auf das Siegel des FSC achtet. Das steht für eine ökologisch und sozial gerechte Waldbewirtschaftung. Auch im Amazonas gibt es FSC-zertifizierte Firmen, wenn auch - mangels Nachfrage - noch viel zu wenige.

Nicht nur die Menschen in den Amazonas-Dörfern, auch das Greenpeace-Team aus aller Welt hat uns ermutigt, weiter für den Urwald zu kämpfen. An Bord eines Greenpeace-Schiffes ist ein Maschinist zugleich Aktivist und mit ganzem Herzen dabei. Jeder einzelne ist für das Gelingen einer solchen Expedition unverzichtbar. Eine inspirierende Erfahrung. Nach unserer Amazonas-Tour haben wir neue Hoffnung, dass die letzten Schatzkammern der Erde zumindest in Zukunft besser gehütet werden.

Zum Reisebericht Teil 1

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Eye On The Taiga

Wie die angeblich "nachhaltige Forstwirtschaft" der Industrie in Russland die großen Wälder des Nordens zerstört. (Englischsprachiger Report.)

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