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Amazonas-Reisetagebuch Teil 1

Der Amazonas-Urwald: eine geplünderte und zerstörte Schatzkammer. Das ist unser erster Eindruck am Anfang der Reise - und nach vier Wochen im brasilianischen Bundesstaat Pará auch unser Fazit. Holzkonzerne haben dem Amazonas bereits viel Schaden zugefügt in ihrer Gier nach wertvollem Holz, insbesondere nach dem grünen Gold Mahagoni. Eine Waldfläche so groß wie Frankreich ist bereits unwiederbringlich zerstört. Im Bundesstaat Pará hat sich ein Netzwerk aus Holzindustrie, korrupten Politikern und Mafia-Bossen gebildet. Rund 80 Prozent des brasilianischen Holzes werden illegal eingeschlagen.

Gesetzlosigkeit in Pará

Montag, 3. November, Belém: Pressekonferenz auf dem Greenpeace-Schiff MV Arctic Sunrise, Veröffentlichung des Pará-Reports, eines aktuellen Berichtes über die Machenschaften der Holzindustrie.

Die Veröffentlichung des Reports wird der Holzindustrie nicht gefallen. Deshalb liegt die Arctic Sunrise streng bewacht im Hafen von Belém. In die Hotelzimmer unserer brasilianischen Kollegen kommen wir nur mit Passwort. Wir, das sind Sandra Pfotenhauer, Waldexpertin von Greenpeace Deutschland, und Pressesprecherin Katja Kreutzer.

Als erstes müssen wir ein Sicherheitstraining durchlaufen, denn die Holzmafia ist gewaltbereit, und Greenpeace ist einer ihrer ärgsten Feinde. Paolo Adario, der Chef des brasilianischen Greenpeace-Büros, hat schon wiederholt Morddrohungen erhalten. Beängstigend, doch nach dem Training sind unsere Sinne geschärft. Wir fahren nur in Taxis mit vier Türen, damit wir jederzeit raus springen können, falls uns der Taxifahrer bedroht. Wir öffnen die Fenster höchstens einen Spalt breit, damit niemand hinein greifen kann, falls wir als Greenpeacer erkannt werden. Wir bewegen uns nur in Gruppen und schauen den Menschen nicht in die Augen, sondern auf die Hände - um einen möglichen Angriff sofort erkennen zu können.

Wo das Gesetz nichts wert ist und der Tod 30 Euro kostet. So überschreibt die brasilianische Tageszeitung O Estado de S. Paulo die Situation in Sao Felix do Xingu. Hier wurden in diesem Jahr bereits 30 Menschen ermordet. Es geht um Landbesitz und oft auch um Mahagoni.

Die illegale Landnahme der Holzfäller ist derartig an der Tagesordnung, dass es sogar ein Wort dafür gibt, Grilagem, abgeleitet von grilos, Grillen: Gefälschte Dokumente werden in eine Schachtel voller Grillen gesteckt. Die nagen an den Dokumenten, so dass sie hinterher aussehen wie echte, alte Zertifikate. Wenn die ursprünglichen Besitzer vertrieben sind, grenzt der neue Landherr das Gebiet ab und lässt es streng bewachen. Wer sich gegen die illegale Landnahme wehrt oder die Polizei über die Machenschaften der Holzfäller informiert, dem droht der Tod.

Methoden wie im Mittelalter

Um den schwer zugänglichen Wald auszubeuten, heuern die Holzhändler über Agenten Sklaven für die strapaziöse Arbeit an. Sie versprechen ihnen gut bezahlte Jobs. Verträge gibt es nicht. Viele Arbeiter verschulden sich, um Anreise und Arbeitskleidung zu bezahlen. Tief im Urwald sind sie dann den Holzhändlern ausgeliefert. Sie werden ständig bewacht und leben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Wer sich beschwert oder zu fliehen versucht, schwebt in Lebensgefahr.

Der britische Rundfunksender BBC berichtete 2002 von dem Sklaven Evandro Rodrigues. Rodrigues war beim Mahagoni-Fällen die Motorsäge abgerutscht und direkt ins Bein gefahren. Er war schwer verletzt und drohte zu verbluten. Der Aufseher sagte, Rodrigues solle die 30 Kilometer zur nächsten Farm laufen - oder halt sterben.

So band sich Rodrigues sein T-Shirt um das verletzte Bein und lief die ganze Nacht durch den Regenwald, den Stiefel voller Blut. Laut BBC erreichte er das Dorf. Dort wartete bereits ein Mann, der losgeschickt worden war, um ihn zu erschießen. Man hatte Angst, der Sklave würde das illegale Holzfällen den Behörden melden.

Mehr als 25.000 Menschen leben in Pará unter solchen sklavenähnlichen Bedingungen, schätzt die katholische "Pastoral Commission on Land". Allein im Jahr 2002 deckte die Kommission 147 Fälle mit insgesamt 5559 betroffenen Arbeitern auf.

Menschen in Angst vor Gewalt

Samstag, 8. November, im Schwemmland von Ipiranga: Seit zwei Nächten versuchen wir, uns mit den Hängematten, unseren Schlafplätzen, anzufreunden. Romantisch sehen sie aus, wenn der Wind sie bewegt. Aber diese Romantik würden wir schon jetzt lieber gegen einen ruhigen Schlaf eintauschen. Zumal wir mit etwa 15 Mann auf dem Deck des Flussschiffs Captao Dario schlafen und die Hängematten ständig gegeneinander rumsen. Warum sie nicht im Takt schaukeln, ist uns schleierhaft. Immer wieder schrecken wir auf; mehr als fünf Stunden am Stück schlafen ist nicht drin. Gegen sechs ist es eh aus mit Nachtruhe. Das Schiff erwacht. Es wird gefrühstückt, das Deck wird geschrubbt, die Satellitentelefone eingeschaltet. Ein weiterer Tag im heißen Amazonas-Regenwald.

An der Mündung zum Fluss Guajará hatten wir uns von der Arctic Sunrise getrennt. Sie hat zu viel Tiefgang, um die Seitenarme des Amazonas zu befahren. Hier in Ipiranga gibt es keinen Urwald mehr. Vor einer Generation haben die Menschen am Fluss das Land brandgerodet, um die Flächen für Wasserbüffel und Schweine zu nutzen. Das unterscheidet das Schwemmland in Ipiranga von anderen Gebieten, denn normalerweise kommen erst die Holzfäller - und dann die Siedler, die den Rest für ihre Viehweiden niederbrennen.

Um das Nutzland herum steht der üppig-dichte, in allen Grünschattierungen schillernde, artenreiche Wald noch und ist bei der Holzmafia beliebt. Dieses ganze Gebiet haben wir durch die Holzfäller verloren, sagt der 46-jährige Manuel de Jesus Flexe, Vater von acht Kindern. Er hat keine Landkarte, deshalb hat er eine gemalt. Er präsentiert sie den 16 Gemeinden, die an diesem Mittwoch im Versammlungshaus von Ipiranga zusammengekommen sind.

Rund 300 Menschen aller Altersklassen sind dem Aufruf gefolgt, darunter etwa 100 Kinder. Sie haben bis zu zehn Stunden gebraucht, um hierher zu kommen. Doch das nehmen sie in Kauf, weil sie alle auf ihre Weise unter den Holzfällern zu leiden haben. Viele erzählen ihre Geschichte und überschreiten die eine Minute Redezeit, die jeder hat. Eine junge Frau bricht in Tränen aus: Ich bin sauer, und ich habe Angst, sagt sie. Meine Mutter wird bedroht... Sie bricht ab, ringt um Worte.

Im Saal ist es still. Viele haben ein ähnliches Schicksal. Sie bereuen es, in der Vergangenheit gegenüber den Holzfällern zu gutmütig und naiv gewesen zu sein. Jetzt sind sie skeptisch. Sind Schutzgebiete, wie sie immer wieder im Gespräch sind, die Lösung? Ermöglichen sie ihnen ein friedlicheres Leben und lassen sie genug Freiraum? Dürfen sie dann noch Büffel halten und fischen gehen? Dürfen sie trotzdem Bauholz aus dem Urwald holen? Wird ein Schutzgebiet die Holzfirmen wirklich davon abhalten, auch noch die letzten Waldreste dieser Region abzuholzen?

Viele erzählen davon, dass ihr Nutzland von den Holzfällern regelrecht eingekreist wird. Die präsentieren Papiere und sagen, das sei ihr Land, Betreten verboten. Ich hab nicht viel zu sagen, weil ich nicht viel weiß, sagt Franzisko Nasera, Mitte 50, Was ich weiß: Wir haben Angst. Wir laufen nicht mit Waffen rum wie die. Wir haben keine Informationen. Unsere Gemeinde hat sich entschieden: Wir wollen sie loswerden, nicht für uns - für unsere Kinder.

Ungleicher Kampf

Samstag, 15. November, Carmelinho, Rio Jaurucu: IBAMA, die brasilianische Umweltbehörde, hat zugeschlagen. Sie untersucht Forest Management Plans, so genannte FMPs. Das sind Gebiete, in dem Holz in Maßen eingeschlagen werden darf - nachdem der Besitzer des Gebietes einen Bewirtschaftungsplan erstellt hat und die IBAMA ihr Okay gegeben hat.

Viele Holzfäller halten sich nicht an die Vorgaben. Deshalb kontrolliert IBAMA die FMPs, so oft es geht. Möglicherweise hat Josafa, der Verantwortliche des Gebietes, mehr eingeschlagen als er darf oder er hat das Holz außerhalb seines Gebietes gemopst. Dann wird der Fall vor Gericht gebracht.

Im Vergleich zur Holzmafia ist die Umweltbehörde schlecht ausgerüstet. Sie hat zu wenig Mitarbeiter, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, und sie hat zu wenig Geld für technische Ausrüstung. Somit kann IBAMA nur einzelne Fälle aufdecken. Wir geben ihnen Funkgeräte, Benzin und detaillierte Karten.

In CITES, dem Washingtoner Artenschutzabkommen, ist Mahagoni letztes Jahr in Anhang II hochgelistet worden. Dafür hat Greenpeace lange gekämpft. Diejenigen, die Mahagoni einschlagen, handeln oder exportieren, müssen jetzt strengere Auflagen erfüllen und belegen, dass sie Mahagoni als Art nicht gefährden. Ob das wirklich hilft, wird sich zeigen.

Brasilien hat jedenfalls Konsequenzen aus der Hochlistung gezogen und sogar das Gesetz geändert, um Mahagoni zu schützen. Die Kriterien sind so streng geworden, dass sie von keiner der Firmen, die bisher Mahagoni eingeschlagen haben, erfüllt werden. Es gibt momentan in Brasilien keinen legalen Handel mit Mahagoni.

Zum Reisebericht Teil 2

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Eye On The Taiga

Wie die angeblich "nachhaltige Forstwirtschaft" der Industrie in Russland die großen Wälder des Nordens zerstört. (Englischsprachiger Report.)

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