Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Update: Urwald im Ausnahmezustand

Sarayacu ist ein Dorf mitten im Amazonas-Regenwald Ecuadors. Rund 1100 Indigene leben dort noch auf traditionelle Weise: Sie jagen im Urwald, sie fischen in den Flüssen und sie heilen ihre Kinder mit Pflanzen, die sie im Regenwald finden. Diese Lebensweise ist derzeit massiv bedroht.

Die Heimat der indigenen Ecuadorianer befindet sich im so genannten Block 23. Ein Gebiet, für das die Regierung in Quito eine Ölförderkonzession an den argentinischen Konzern CGC verkauft hat. In Block 23 sollen nun Ölquellen erschlossen werden. Die seismischen Untersuchungen sollen am 25. Januar wieder aufgenommen werden. Um die Ölarbeiter vor der indigenen Bevölkerung zu schützen, wird jetzt voraussichtlich ein großes Militäraufgebot in die Region entsandt.

Sandra Pfotenhauer, Waldexpertin bei Greenpeace, hat die Einwohner Sarayacus bereits im April vergangenen Jahres besucht und kennen gelernt. Sie steht nach wie vor im Kontakt mit lokalen Organisationen in Ecuador. Wir sprachen mit ihr über die Situation in dem südamerikanischen Land.

Greenpeace Online: Wie sieht die Lage in dem Gebiet rund um Sarayacu aus?

Sandra: Die ganze Region befindet sich im Ausnahmezustand. Die Indianer haben angekündigt, dass sie ihr Territorium mit ihrem Leben verteidigen werden. Wenn dort nach Öl gebohrt wird, bedeutet das, dass ihr Lebensraum und ihre Kultur komplett zerstört werden. Sarayacu ist mit die stärkste Gemeinde in der Gegend und wenn Sarayacu den Ölfirmen in die Hände fällt, dann folgen die anderen Gemeinden auch.

Greenpeace Online: Welchen Plan verfolgt die CGC?

Sandra: Die Ölfirmen versuchen, die Leute zu kaufen. Sie wollen die Indigenen mit Geld bestechen. Und wenn du einer der Ärmsten der Armen bist und nicht viel hast, ist es natürlich sehr schwer, dem standzuhalten.

Greenpeace Online: Können die Menschen dem etwas entgegensetzen?

Sandra: Sarayacu ist eine Gemeinde, wo der Widerstand sehr stark ist und die sich dem widersetzt. Die Menschen wollen sich nicht von den Ölfirmen kaufen lassen. Sie sagen auch, dass man über Ölförderung reden muss, aber sie wollen bei den Diskussionen und Entscheidungen etwas zu sagen haben.

Wenn die Ölsuche losgeht, was passiert dann? Wird nur Schlimmes erwartet oder haben die Indianer schon Erfahrungen damit gesammelt?

Man darf sich das nicht so vorstellen, dass da auf einen Schlag eine Million Hektar Urwald abgeholzt werden. Aber es werden Schneisen geschlagen. So wird das Gebiet nach und nach erschlossen. Die Probleme fangen schon mit der Suche nach den Ölquellen an. Es werden Sprengungen vorgenommen, um zu gucken, wo eigentlich das Öl ist. Durch die Geräuschkulisse wird das Wild verscheucht. Die Indianer können dann nicht mehr jagen. Das hat weitreichende Folgen.

Im letzten Jahr liefen die seismischen Untersuchungen in einem Nachbarblock. Daraufhin ist das Wild dort abgewandert. Die Einwohner aus dem Nachbardorf drangen deswegen in das Gebiet um Sarayacu ein. So entstehen dann auch Konflikte zwischen den Völkern.

Aber auch die bekannten Gefahren im Zusammenhang mit Ölförderung drohen...

Die Indianer leben in dem Wald und brauchen frisches Wasser; wenn es da zu einem Ölunfall kommt - dann ist das für sie eine Katastrophe.

Das ist für die Indigenen, als würde bei uns jemand am Wochenende in die Wohnung kommen und sagen: Mach mal Platz! Ich bohr jetzt in deiner Küche nach Öl. - Hups, da ist ein bisschen Schweröl in die Spaghetti gefallen. Oh, das tut mir aber Leid!

Greenpeace Online: Warum will man denn ausgerechnet in Gebieten Öl fördern, wo Konflikte und Katastrophen drohen?

Sandra: In Ecuador wird eine zweite Pipeline gebaut, die so genannte OCP-Leitung. Zu großen Teilen wurde der Bau durch die Westdeutsche Landesbank aus Düsseldorf mitfinanziert. Ecuador hat aber momentan nicht genügend Öl, um diese Pipeline zu füllen. Deswegen suchen sie jetzt im Urwald nach weiteren Ölreserven.

Ohne diese zweite Pipeline wäre es wahrscheinlich auch nicht zu diesen Konflikten gekommen. Dann hätte es diese Dringlichkeit nicht gegeben, so schnell im Urwald neue Ölreserven zu erschließen. Und den Indianern die Lebensgrundlage unter den Füßen wegzuziehen.

Anfang Februar findet im malaysischen Kuala Lumpur die UN-Konferenz zum Schutz von Urwäldern und Meeren im Rahmen der Konvention über Biologische Vielfalt (CBD) statt. Wird Ecuador dort ein Thema sein?

Auch Ecuador hat die CBD unterzeichnet. Wir fordern in Kuala Lumpur prinzipiell die Einrichtung von Schutzgebieten und ein effektitives Management der Schutzgebiete. Indigene müssen in Entscheidungsprozesse einbezogen und beteiligt werden. Wir fordern, dass Gelder für den Urwaldschutz bereitgestellt werden. Alle drei Punkte treffen auch voll auf Ecuador zu und decken sich mit dem, was auch die Indigenen wollen.

Der erste Schritt muss ein Moratorium, ein Stopp sein. Solange der Diskussionsprozess läuft und sich die Indigenen widersetzen und man nicht untersucht hat, was man zerstört, darf nicht nach Öl gesucht werden. Viele Tiere und Pflanzenarten im Urwald sind noch unentdeckt. Man weiß gar nicht, was für Potenzial darin steckt oder wie Ecuador es anderweitig nutzen könnte.

Die Indigenen selbst haben schon mal versucht, Alternativen zu schaffen. Sie betreiben Kunsthandwerk. Ihnen fehlen aber die Mittel und Wege, um es zu vermarkten. Öko-Tourismus wäre auch eine Option. Ich kenne viele, die in solche Länder reisen, um den intakten Urwald zu erleben. Nicht um Ölunfälle zu sehen.

 

Update Zehn Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen haben sich am Freitag in einem gemeinsamen Brief an Bundesaußenminister Joschka Fischer gewandt, um ein drohendes Blutvergießen im Amazonasgebiet Ecuadors zu verhindern. Mit Hilfe der ecuadorianischen Armee will der argentinischen Konzern CGC in der Gemeinde Sarayacu gegen den erbitterten Widerstand der dort lebenden Kichwa-Indianer Ende Januar die Ölsuche fortsetzen.

Sehr geehrter Herr Minister Fischer, wir bitten Sie dringend, das ganze Gewicht Ihres politischen Amtes und alle denkbaren diplomatischen Kanäle einzusetzen, damit ein Blutbad in der Region Sarayacu verhindert wird. Bitte wenden Sie sich so schnell wie möglich an den ecuadorianischen Präsidenten und fordern Sie diesen auf, das Leben, die körperliche Unversehrtheit und den Lebensraum der Indigenen aus Sarayacu zu schützen. Bitte informieren Sie uns, welche Schritte Sie unternommen haben, heißt es in dem Brief.

In dem Schreiben weisen die Organisationen noch einmal auf die Mitverantwortung der Westdeutschen Landesbank aus Düsseldorf hin. Durch den von ihr genehmigten Milliardenkredit für den Bau einer neuen Pipeline, ist die prekäre Lage, dass jetzt vehement neue Ölquellen gesucht und ausgebeutet werden müssen, erst entstanden. Wegen des angekündigten Widerstandes der Indigenen in der Region, sei damit zu rechnen, dass die Regierung in Quito auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschrecken werde.  (mir)

Tags:

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Eye On The Taiga

Wie die angeblich "nachhaltige Forstwirtschaft" der Industrie in Russland die großen Wälder des Nordens zerstört. (Englischsprachiger Report.)

Mehr zum Thema

Alle Maschinen auf Stopp

Seit Jahren kämpft Greenpeace für den Schutz des Bialowieza-Urwalds in Polen, nun der Erfolg: Der Europäische Gerichtshof entschied, dass die Abholzungen in dem Wald illegal waren.

Macht der Einbildung

Ein Greenpeace-Report aus Brasilien zeigt, wie fiktive Baumbestände, von der Industrie ausgedacht, illegalen Holzhandel verdecken. Ein Systemfehler, der das Amazonasgebiet bedroht.

Mit dem Leben bezahlt

Holz aus dem Amazonas ist begehrt – so sehr, dass Firmen dafür buchstäblich über Leichen gehen. Ein aktueller Greenpeace-Report zeigt: Das blutige Holz landet sogar in Deutschland.