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Bitter erkauft: Lula weist Schutzgebiet aus

Die brasilianische Regierung hat fünf Millionen Hektar Amazonasregenwald, mehr als die gesamte Fläche der Niederlande, unter Schutz gestellt. Ein großer Erfolg, der bitter erkauft ist. Denn Lula reagierte damit auf den Mord an der US-amerikanischen Menschenrechtlerin und Urwaldschützerin, der Nonne Schwester Dorothy Stang durch Auftragskiller der Holzmafia. Hier ein Gespräch mit Sandra Pfotenhauer, Waldexpertin bei Greenpeace, zu den Schutzgebieten im Amazonas.

Greenpeace Online Sandra, was muss passieren, damit in einem so großen Urwaldgebiet, wie jetzt geschützt, kein Baum mehr illegal gefällt und kein Mensch mehr bedroht wird?

Sandra Das Wichtigste ist: Holzmafia raus, Schutz für die Menschen gewährleisten. Dazu gehört unter anderem, Bundesbehörden wie die Umweltbehörde Ibama zu stärken, Personal aufzubauen, Effektivitätsmaßnahmen zu ergreifen.

Greenpeace Online Wie müssen wir uns die Einrichtung eines Schutzgebietes vorstellen? Werden Hinweisschilder aufgestellt?

Sandra Das gehört natürlich dazu, aber im Amazonasregenwald überwachsen solche Schilder sehr schnell. Am besten helfen natürliche Grenzen wie Flüsse, um Schutzgebiete zu begrenzen. Wichtig ist aber, den Rechtsstatus zu ändern. Diejenigen, die sich das Land illegal angeeignet haben, müssen aus diesen Gebieten vertrieben werden, die lokale Bevölkerung muss ihre Rechte zurückerhalten, damit sie in diesen Gebieten ihrer traditionellen Wirtschaft wieder nachgehen kann.

Das heißt, es muss Zonen geben, die hundertprozentig geschützt sind und wo keine industriellen Eingriffe mehr möglich sind. Und es muss Zonen um diese Schutzzonen herum geben, in denen eine traditionelle Bewirtschaftung möglich ist. Der Wald ist die Existenzgrundlage der Menschen, die darin leben.

Greenpeace Online Was meinst du, wenn du von einer Stärkung der Ibama sprichst?

Sandra Bei der Ibama wurden in den letzten Jahren Stellen abgebaut statt aufgebaut. Die Umweltbehörde hat nicht einmal genug Benzin, um diese riesigen Gebiete mit Helikoptern nach illegalem Einschlag abzusuchen. Das heißt, die Ibama braucht Leute und sie braucht Ressourcen, um die Holzmafia, die sich in diesen Gebieten niedergelassen hat, zu vertreiben.

Greenpeace Online Etwa ein Drittel der Abholzung des Amazonasurwalds findet im brasilianischen Bundesstaat Pará statt. Auftragsmorde sind dort an der Tagesordnung. Warum ist das so?

Sandra Im Amazonas, aber vor allem im Bundesstaat Pará, hat sich eine richtige Holzmafia etabliert. Das ist ein verwobenes Netz aus Politikern und mächtigen Industriellen, die sich Land illegal aneignen und vor Gewalt nicht zurückschrecken. Die Menschen, die seit Jahrzehnten auf diesem Land leben und den Wald traditionell bewirtschaften, werden unter Gewaltandrohung vertrieben.

Es kann passieren, dass ein Anhänger der Holzmafia an deine Tür klopft und sagt: Wenn du noch einmal diesen Wald betrittst, dann bringe ich dich um. Und das ist keine leere Drohung. In Pará sind in der Woche, in der Schwester Dorothy von Auftragskillern erschossen wurde, noch fünf weitere Menschen ermordet worden.

Greenpeace Online Du hast die Politiker genannt. Gibt es handfeste Korruption?

Sandra Korruption ist wie in vielen anderen Entwicklungs- oder Schwellenländern ein großes Problem. Die Holzmafia ist vielfach mit der Politik verwoben. Das reicht bis in den Kongress hinein. Wir haben das erlebt, als wir 2003 per Schiff im Bundesstaat Pará unterwegs waren, um illegalen Holzeinschlag aufzudecken. Damals haben Industrielle, aber eben auch Politiker, regelrecht einen Protest gegen Greenpeace organisiert.

Greenpeace Online 37.000 Quadratkilometer des neuen Schutzgebiets befinden sich im Mittelland. Wo genau liegt das?

Sandra Mittelland ist ein Teil von Pará. Es liegt zwischen dem Xingu-Fluss und dem Tapajo. Es wird erst seit 1999 so genannt - seit Greenpeace dieses Land in Studien immer als Mittelland bezeichnet hat. Erstaunlicherweise hat Lula das neu eingerichtete Schutzgebiet jetzt auch nach dem Mittelland benannt.

Zwei der insgesamt fünf seit Ende 2004 eingerichteten Schutzgebiete liegen im Mittelland. Sie bilden einen großen Block an der Entwaldungsfront.

Greenpeace Online Die Moratoriumsgebiete sind erstmal für sechs Monate geschützt. Siehst du die Chance, dass sie ganz und gar geschützt werden?

Sandra Das wird ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit unseres Urwaldteams in Manaus sein. Sie werden einen Prozess in Gang bringen, in den die Bevölkerung komplett eingebunden ist.

Greenpeace Online Ohne einen Markt, der nach dem Holz schreit, gäbe es auch keinen Anreiz für die Mafia. Was also können Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland tun?

Sandra Das FSC-zertifizierte Holz, also das Holz mit dem Siegel des FSC, so ein Bäumchen mit einem Häkchen daran, können die Verbraucher hier auf dem deutschen Markt kaufen. Jeder, der Holzprodukte kauft, sollte darauf achten, dass er nur FSC-Holz kauft. Kein Holz aus Raubbau, Urwaldzerstörung oder eben solchen Bedingungen wie sie in Pará herrschen. Denn damit würde er indirekt die Holzmafia unterstützen. 

Zum Weiterlesen:

Die Amazonas-Tour von Greenpeace 2003, Teil 1 

Die Amazonas-Tour 2003, Teil 2

Sklaverei und Mord in Amazonien

Mord an Urwaldschützerin in Brasilien

Der Forest Stewardship Council

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