Weitreichende Waldrodungen drohen im Weltnaturerbe Bialowieza

Kleiner Käfer, große Panik

Bialowieza ist einer der letzten Urwälder Europas: Ein Wald, wie er im Märchenbuch steht. Doch Polen will hier weiträumig abholzen – unter fragwürdigem Vorwand.

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Dass der Buchdrucker der Feind des Baumes ist, klingt wie eine altertümliche Binsenweisheit. Tatsächlich heißt eine bestimmte Art des Borkenkäfers so, der vorzugsweise Fichten befällt und sie absterben lässt – derzeit in Teilen des Bialowieza-Schutzgebiets in Polen.

Daran ist allerdings nichts ungewöhnlich: Der Käfer war schon immer Teil des Ökosystems, der Befall ist ein wiederkehrendes Phänomen. Doch die polnische Regierung nimmt den Schädling zum Anlass, große Flächen des einzigartigen Urwalds zur Rodung freizugeben – eine komplett unverhältnismäßige Überreaktion, sagen Umweltschützer, die wirtschaftliche Interessen hinter der Absicht vermuten.

40 Meter hohe Bäume, Jahrhunderte alt

Bialowieza gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe und ist Teil des europäischen Natura-2000-Netzwerks, das dem Schutz wildlebender heimischer Pflanzen- und Tierarten und ihrer natürlichen Lebensräume dient. Rund 20.000 Tierarten sind in diesem Wald zuhause, darunter etliche Vögel, Käfer und sogar Wisente, die europäischen Bisons. Die höchsten Bäume Europas sind hier zu finden, sie ragen 40 Meter und weiter in den Himmel, gewachsen über Hunderte von Jahren. Bialowieza ist ungezähmt und wunderschön – einer der letzten wilden Wälder Europas. Ein Märchenwald, der mit genau diesem Image jährlich Tausende von Touristen lockt.

Zwei Drittel des Waldes gehören zu Weißrussland, doch das Drittel, das in Polen liegt, bereitet derzeit Kopfzerbrechen. Lediglich ein Sechstel davon ist Teil eines Nationalparks: Hier ist die Abholzung verboten. Doch der Rest ist nicht minder schützenswert. Wenn es nach dem polnischen Umweltministerium geht, sollen hier in den kommenden zehn Jahren mehr als 180.000 Kubikmeter Holz gefällt werden – damit sich der Buchdrucker nicht weiter ausbreitet.

Bialowieza hält den Befall aus

Polnische und Internationale Umweltverbände, darunter WWF und Greenpeace, haben sich vehement gegen die Maßnahmen ausgesprochen. Der Borkenkäferbefall sei ein natürliches Vorkommnis und kein neues Phänomen, sagen auch Wissenschaftler. Das Ökosystem hält den Schädling aus – und hat ihn schon immer überlebt. Doch in Bialowieza geht es auch um Geld.

Denn wo der Wald konsequent einer natürlichen Entwicklung überlassen ist, darf selbstverständlich kein Holz geschlagen werden. Umweltschützer befürchten, dass das Problem des Borkenkäferbefalls von der Regierung künstlich eskaliert wird, damit das Schutzgebiet nicht für die Holzindustrie verloren ist.

Statt Bialowieza zu schützen und das einzigartige Gebiet auch für zukünftige Generationen zu bewahren, handelt das polnische Umweltministerium nach wirtschaftlichen Interessen und ignoriert die Einschätzungen namhafter Experten aus dem In- und Ausland. Kurz nach der Parlamentswahl im vergangenen Jahr wurde der Leiter des Nationalparks Bialowieza, Miroslaw Stepaniuk, entlassen: Er sprach sich dafür aus, den gesamten Wald zum Schutzgebiet zu erklären.

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