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Interview Teil 2: Wenn ich wählen muss zwischen Aufgeben und Sterben ...

Maria Ivete Bastos dos Santos und Silvino Pimentel Vieira leben in der Gegend von Santarém in Amazonien. Sie haben persönlich erfahren, was es heißt, sich mit den großen Sojabauern anzulegen. In Amazonien werden die einheimischen Kleinbauern zum Verkauf ihres Landes gedrängt. Mit Geld oder Drohungen, auch Morddrohungen, werden sie gefügig gemacht. Hier der zweite Teil des Interviews mit Ivete und Silvino.

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Online-Redaktion: Schutzgebiete sind das beste Mittel gegen die Landnahme durch die Sojabauern. Darum kämpfen die mit allen Mitteln dagegen?

Ivete: Ja. Im Moment versuchen die Leute aus dem Süden, einen ideologischen Kampf gegen die Schutzgebiete zu führen. Sie sagen, das sei rückständig, eine Rückentwicklung. Die Leute lebten im Wald, die produzierten nichts, hätten keinen Strom, kein Fernsehen. Das müsse aufhören. Da müsse industrielle Landwirtschaft rein, damit die Leute sich entwickeln könnten.

Dafür sind natürlich viele Leute anfällig. Wir haben darum eine Kampagne gemacht: Unser Land erhält uns, verkauft es nicht. Wir haben die Leute nach Santarém gebracht und ihnen gezeigt, wie die Familien jetzt leben, die ihr Land verkauft haben. Schau her, du musst jetzt mieten. Was wenn du keine Miete mehr zahlen kannst? Dann wirst du rausgeschmissen. Solche Probleme kennen die Leute auf dem Land ja nicht. Da gibt es keine Miete, das funktioniert ohne Geld. Für den Kleinbauern, der in die Stadt gegangen ist, war es eine Überraschung, dass er plötzlich Miete zahlen musste. Und kaufst du dir ein Haus, dann hast du kein Geld mehr um Essen zu kaufen. In der Stadt musst du für jede Tomate Geld zahlen.

Diese Kampagne war sehr erfolgreich. Ich hoffe, dass das eine Barriere ist, wenn die nächste Welle an Landkäufen durch die Sojabauern kommt. Im Moment ist der Druck etwas geringer geworden. Durch den Dollarverfall ist der Real im letzten Jahr sehr teuer geworden, um 30 Prozent aufgewertet. Das verteuert auch den Sojaexport.

Den Sojabauern sind mit der neuen Sojasorte, die extra für Amazonien gezüchtet worden ist, drei Ernten pro Jahr versprochen worden. Jetzt hat sich herausgestellt, dass das nicht funktioniert. Sie haben maximal zwei Ernten. Ich vermute, das liegt daran, dass so viel und so schnell abgeholzt wurde. Jedenfalls beobachte ich, dass jetzt weniger Regen fällt. Die Kalkulationen gehen nicht mehr auf.

Die Sojabauern haben auch nicht mit diesem sozialen Widerstand gerechnet. Zuerst sind die Kleinbauern von der neuen Entwicklung regelrecht überrollt worden, das ist für sie wie vom Himmel gefallen. Aber jetzt, wo wir uns organisiert haben, ist es natürlich viel Stress auch für die Sojabauern. Das spricht sich auch nach Süden rum.

Online-Redaktion: Euer Widerstand bringt euch aber auch in eine gefährliche Situation. Ivete ist mit Morddrohungen konfrontiert. Wie schützt ihr euch persönlich?

Ivete: Es gibt keinen Schutz. Es sei denn, ich höre mit der Arbeit auf oder verschwinde. Aber ich glaube an diese Arbeit, darum mache ich weiter. Wenn sie mich umbringen wollen, werden sie mich umbringen. Ich könnt am Zeugenschutzprogramm des Staates teilnehmen, aber das ist der falsche Weg: Die Opfer müssen sich verstecken, der zu verfolgende Böse läuft frei herum. Wenn ich also wählen muss zwischen Zeugenschutzprogramm oder Sterben, dann wähle ich das Sterben. Dann kann ich meine Arbeit wenigstens so lange noch weitermachen.

Außerdem: Die Bevölkerung ist auf meiner Seite. Ich spüre den Rückhalt. Wenn jemand eine lokale Berühmtheit ist wie ich, dann überlegen sogar die sich zweimal, ob sie schießen. Vor allem nach den Erfahrungen mit Sister Dorothy. Aber andere Kleinbauern werden nach wie vor erschossen.

Mir ist zugetragen worden, dass ich auf einer der Todeslisten stehe. Einer meiner Söhne hat diese Liste gezeigt bekommen. Aber was mich mehr erschreckt als das Erschossenwerden ist, dass man mir androht, langsam und qualvoll zu sterben. Die Sojabauern machen so etwas. Sie sagen: Du wirst leiden. Davor habe ich am ehesten Angst. Unfrei bin ich auf jeden Fall. Ich kann mich nicht mehr bewegen, wie ich will.

Online-Redaktion: Wohnst du bei deiner Familie?

Ivete:Ja. Bis 2008 bin ich zur Präsidentin gewählt, das will ich auch durchziehen. Mein Sohn ist 18, meine Tochter 16. Sie wohnen bei mir, und ich mache mir natürlich auch Sorgen um ihr Wohl. Mein älterer Sohn ist in Manaus, er ist 20.

Online-Redaktion: Was sagen deine Kinder zu dieser Situation?

Einer meiner Söhne ist selber schon Opfer geworden. Er hat Hamburger an einem Straßenstand verkauft, zufälligerweise in der Nähe von Cargill. Als die mitbekommen haben, dass er mein Sohn ist, wurde er rausgemobbt. Er hat den Job verloren. Ich vesuche meine Kinder psychologisch vorzubereiten, damit sie, falls etwas passiert, stolz auf ihre Mutter sind. Damit sie sagen können, das war eine wichtige Arbeit, das war es wert. Ich glaube, sie sind stolz auf mich.

Mein Ältester in Manaus hat am meisten Angst. Jedesmal, wenn er mich sieht, wenn ich nach Manaus komme, holt er mich vom Flughafen ab.

Online-Redaktion: Wie reagieren die Medien auf eure Aktivitäten?

Silvino: Die lokalen Medien sind alle gegen uns. Wenn wir demonstrieren, wird das nicht publiziert. Aber hinterher wird berichtet, und zwar sehr negativ. Uns wird vorgeworfen, gegen Entwicklung zu sein. Wir schaffen keine Arbeitsplätze usw.

Dabei hat Cargill trotz anderslautender Versprechungen auch keine Arbeitsplätze geschaffen. Im Gegenteil: Die Arbeiter von Cargill sind alle aus dem Süden. Und die aus dem Süden bringen ihre eigenen Supermärkte und Geschäfte mit. Die Einheimischen müssen dann auch noch in die Geschäfte der Gauchos gehen. Vorher gab es ja keine Geschäfte, sie brauchten ja keine.

Die einzige Ausnahme unter den Medien ist das Radio Rural, das Bauernradio. Das wird von der katholischen Kirche betrieben. Das ist auf unserer Seite. Das ist ein sehr starkes Medium, die sind überall. Den Sender kann man überall auf dem Land empfangen und alle Betroffenen schalten den Sender auch ein. Über Radio Rural kommunizieren wir auch. Wir benachrichtigen uns über alles, was vorgefallen ist.

Ivete: Radio Rural ist ein politisches Radio. Ganz speziell für diesen Zweck gegründet. Die anderen Radio- und Fernsehsender sind alles 08/15-Sender zur Unterhaltung, aber ohne jeden Bildungsauftrag. Der interessiert die Redakteure nicht. Dadurch erfahren wir auf dem Land mehr als die Leute in der Stadt. Andererseits bekommen wir in der Stadt dadurch aber auch kaum Unterstützung.

Silvino: In der Stadt gibt es andere Vereinigungen wie die Frauenbewegung, aber die übrige Bevölkerung dort weiß gar nicht, was auf dem Land los ist. Die hören immer nur, aha, da kommen wieder irgendwelche Hinterwäldler und wollen uns Cargill wegnehmen, aber Cargill ist doch der Fortschritt.

Ivete: Es gibt einen massiven Exodus vom Land in die Stadt. Santarem wächst völlig unkontrolliert. Vor 15 Jahren haben 70 Prozent der Bevölkerung auf dem Land gewohnt, heute ist es umgekehrt. Der Großteil ist in den letzten fünf Jahren gekommen.

Die Landleute, die in die Stadt kommen, sind völlig ungebildet. Sie haben keinerlei Ausbildung. Können oft nicht lesen und schreiben. Haben kein Arbeitsbuch, können darum gar nicht angestellt werden. Viele dieser Leute existieren offiziell gar nicht, weil es keine Geburtsurkunden gibt. Dann kommen sie an den Stadtrand, da wird eine Favela [ein Slum] aufgemacht, es gibt keinen Strom. Sie versuchen, den Strom irgendwie abzuzapfen, kommen dabei um. Sie können keine Trinkwasserbrunnen bauen, weil sie kein Geld haben. Sie sitzen da wirklich im Elend.

Online-Redaktion:Silvino, du bist trotz des Drucks nicht in die Stadt gegangen. Warum nicht, wusstest Du über die Zustände Bescheid?

Silvino: Ich war auf das, was da passieren würde, vorbereitet. Ich gehörte ja zu einer Bildungsinitiative im Dorf, habe die anderen zu überzeugen versucht. Ohne Erfolg. Und ich wusste, dass ich schließlich auch würde verkaufen müssen. Also habe ich mich rechtzeitig woanders nach Land umgesehen. Weil ich nicht sofort verkauft habe, habe ich einen besseren Preis bekommen. Dadurch konnte ich auch ein besseres Haus bauen.

Ich habe selber schon jahrelang in der Stadt gelebt. Habe dort Wasserrohre verlegt. Dann war die Arbeit beendet und ich bin aufs Land zurückgegangen.

Online-Redaktion: Dort lebst du mit deiner Familie?

Silvino: Ja, mit meiner Frau und meinen Kindern. Ich habe sieben Kinder und zwei Enkel. Zwei wohnen in der Stadt und haben dort Arbeit. Die anderen wohnen zu Hause und arbeiten auf dem Feld.

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