Waldbrände und Dürre: Interview mit dem Waldbrandschutzbeauftragten Raimund Engel

Höchste Warnstufe

Vielerorts in Deutschlands besteht große Trockenheit und damit eine erhöhte Gefahr für Waldbrände. Brandenburgs Waldbrandschutzbeauftragter Raimund Engel bewertet die Lage.

  • /

Raimund Engel ist Waldbrandschutzbeauftragter des Landes Brandenburg, dem einzigen Bundesland, welches diese Funktion auf Landesebene eingesetzt hat. Er berät das Innen- sowie das Landwirtschaftsministerium. Im Interview mit Greenpeace erklärt er, wie sich die Situation in den vergangenen Jahren verändert hat, was er für das Jahr 2020 erwartet und was wir alle tun sollten, wenn wir einen Waldbrand bemerken.

Greenpeace: Gab es in den vergangenen Jahren besonders viele Waldbrände?

Raimund Engel: Es gab immer wieder extrem warme Sommer und damit auch viele Waldbrände, 2003 war zum Beispiel so ein Jahrhundertsommer. Auch 1992 brannten 1295 Hektar Wald, aber 2018 brannte mit insgesamt 1663 Hektar die größte Fläche in Brandenburg. 

Was heißt das für Ihre Arbeit?

2018 und 2019 hatten wir ein neues Phänomen. Wir hatten sehr viele Großschadenslagen, also Brände ab zehn Hektar. Und auch viele, die als sogenannte Langzeitlagen geführt wurden. Das heißt: Die Brände konnten nicht innerhalb eines Tages gelöscht werden, sondern brannten teilweise bis zu zwei Wochen. 

Nach diesen langen und großen Waldbränden erholt sich der Wald bestimmt nur langsam.

Ja, genau. Bei Großschadenslagen hat das Feuer eine ganz eigene Dynamik und auch eine ganz andere Hitzeentwicklung. Da bleibt einfach nichts mehr übrig. Bei diesen Feuern verbrennt von der Wurzel bis in die Baumkrone alles. Es dauert dann natürlich auch viel länger, bis sich der Wald erholt hat. 

Warum brannte der Wald länger und häufiger in den vergangenen Jahren?

Der Wald ist er durch die extreme Trockenheit und höhere Temperaturen besonders anfällig dafür, dass sich Brände sehr schnell und stark ausbreiten. Zusätzlich haben wir in Brandenburg einige Flächen in denen Kampfmittel vermutet werden. Die Feuerwehr kann in diese Fläche nicht rein, sondern das Feuer nur von außen bekämpfen. 

Aber Kampfmittel gab es ja auch schon vor 2018. 

Natürlich, die gibt es seit dem Ende des zweiten Weltkriegs, teilweise sogar seit dem ersten Weltkrieg. Wir haben allerdings jetzt ein Problem mit der Munition, weil sie nach und nach aus dem Boden kommt und sich dann entzünden kann. Das ist wie bei Steinen auf dem Kartoffelacker, durch die Erosion tragen Wind und Regen die Steine langsam an die Oberfläche. 

Und wie entzündet sich diese alte Munition?

Geschosse werden häufig mit einer Leuchtspur versehen und diese Leuchtspur bestand früher aus Phosphor. Wenn Phosphor wieder nach oben kommt, kann es sich durch Wärme und Wind entzünden. Das explodiert dann nicht, aber ist in etwa so, als ob man ein oder zwei Streichhölzer anmacht. Und bei einem Wald mit hoher Brandlast, also mit viel trockener Biomasse am Boden und bei höheren Temperaturen, reicht das völlig aus. 

Wie viele Brände entstehen denn durch diese Phosphormunition?

Im vergangenen Jahr sind so etwa fünf Prozent der Brände entstanden. Wobei wir bei den meisten Waldbränden die Ursache nicht genau klären können, etwa 45 Prozent bleiben ungeklärt. Und dann gibt es natürlich noch die vorsätzliche Brandstiftung und die berühmte Zigarette – das heißt in der Statistik dann “nicht aufgeklärte Zündungen”.

Was ist zu tun, wenn man einen Waldbrand bemerkt?

Immer sofort die Feuerwehr anrufen, selbst zu löschen, bringt gar nichts. Und vor allem – präventiv – kein Feuer, keine Zigarette und auch kein Feuerwerk in der Nähe des Waldes. All das ist strengstens verboten, weil es Waldbrände auslösen kann. Es herrscht das gesamte Jahr absolutes Rauchverbot im Wald. 

Wie versuchen Sie, Bränden entgegenzuwirken?

Die Strategie ist immer, so früh wie möglich das Feuer zu erkennen, die Feuerwehr zu alarmieren – und zwar alle Ortsfeuerwehren rundherum. Nur dann hat man die Chance, das Feuer schnell unter Kontrolle zu bringen. Wenn ich an den Brand aber gar nicht herankomme, weil es in einer Kampfmittelfläche liegt, dann kann man im schlimmsten Fall nur zusehen, wie es brennt und versuchen, die angrenzenden Waldbestände dieser Flächen zu schützen. 

Wenn es mehr Niederschlag gäbe und weniger heiße Sommer, gäbe es also auch weniger Waldbrände?

Auf jeden Fall. Denn die Bestände sind durch die immer wiederkehrende Trockenheit unter Stress. Der Boden ist total ausgetrocknet. Das sehen wir in diesem Frühjahr ganz besonders. Die Feuchtigkeit aus dem Oberboden ist schon wieder raus - die Wälder sind einfach knochentrocken. Dadurch tut sich frisches Grün extrem schwer durchzukommen. Die Brandlast ist also bereits jetzt im April unglaublich hoch, deshalb haben wir auch schon jetzt so viele Brände. 

Wenn das im April schon so ist, wie wird dann der Sommer?

Wir werden, wenn es so weitergehen sollte, im April vermutlich nur fünf bis zehn Prozent des Niederschlags bekommen, der für diesen Monat eigentlich üblich und notwendig wäre. Es wird, allein durch das Defizit, das wir jetzt schon haben, wieder ein Waldbrandjahr werden. Ich befürchte 2020 wird sich in die Jahre 2018 und 2019 einreihen – genauso schlimm. 

Weiterführende Publikationen zum Thema

Mehr zum Thema

Bayerische Wildnis

„Es war bitterkalt“, erinnert Oppermann die Aktion im Spessart. Für den Waldschutz arbeitet er ehrenamtlich. Was bedeutet ihm der Beschluss Bayerns, 58.000 Hektar zu schützen?

Potenzial der Wälder annehmen

Die Wälder der Europäischen Union bergen laut Naturwald Akademie Potenzial für Klima- und Naturschutz. Ein Gespräch dazu, wie Europa das Potenzial heben kann.

Eiche statt Asphalt

Greenpeace-Aktive demonstrieren mit einer acht Meter hohen Eiche im Endstück der A49 gegen eine klimaschädliche Verkehrsplanung.