Staudamm-Projekt bedroht Amazonas – Siemens muss sich distanzieren

In Erklärungsnot

Malaysia, Slowenien, Mexiko, Deutschland: Weltweit fordern Greenpeace-Aktivisten Siemens auf,  sich nicht am Staudamm-Bau im brasilianischen Regenwald zu beteiligen.

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Die Botschaft sei in den Chefetagen angekommen, bestätigt unter anderem der Siemens-Chef in Australien. Sie sorge dort für Wirbel. Kein Wunder, denn in 19 Ländern weltweit zogen Greenpeace-Aktivisten vor die Regionalzentralen des deutschen Technologiekonzerns – heute stehen sie in München. Ihre Forderung:  Siemens  soll endlich öffentlich Stellung beziehen und eine Beteiligung am Bau des Sao-Luiz-do-Tapajós-Staudamms in Brasilien ausschließen.

Denn das Riesenprojekt bedeutet nicht nur einen massiven Eingriff in eine intakte Regenwaldregion, es würde auch die Heimat der indigenen Munduruku zerstören. „Siemens, zerstöre meine Heimat nicht" steht auf lebensgroßen Bildern von ihnen, die die Aktivisten vorm Siemens-Gebäude zeigen. Und auch in der virtuellen Welt formt sich Protest: Mehr als eine Million Menschen bilden bereits eine imaginäre Kette, um das den Munduruku zustehende Territorium zu schützen.

Klare Aussage fehlt

Was fehlt, ist eine eindeutige Aussage von Siemens. Zwar empfingen Pressesprecher und Nachhaltigkeitsbeauftragter heute die Greenpeace-Aktivisten in München – doch nur um ihnen mitzuteilen, dass eine Position erarbeitet werde. Konzernchef Joe Kaeser hatte Greenpeace dies schon während der ersten Münchener Protestaktion am 15. Juni versprochen. Doch weder das angekündigte Gesprächsangebot noch eine Entscheidung sind eingetroffen.

„Auf diese von Herrn Kaeser angekündigte Erklärung warten wir schon seit mehr als einem Monat“, sagt Jannes Stoppel, Greenpeace-Experte für Wälder. „Ein klares Nein zu einer Beteiligung sollte dem Konzern nicht schwer fallen.“ Denn die sozialen und ökologischen Folgen solcher Staudämme sind Siemens schließlich nicht neu: Der Konzern war in der Vergangenheit an vier großen Dammbau-Projekten im Amazonas beteiligt – alle hatten Urwaldzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und die Vertreibung indigener Stämme zur Folge. „Siemens sollte diesen Fehler im Tapajós nicht noch einmal machen“, warnt Stoppel. Deshalb werden auch morgen ehrenamtliche Greenpeace-Aktivisten unterwegs sein und Siemens in 20 deutschen Städten auffordern, den Amazonas nicht weiter zu zerstören.

Überflüssig und verantwortungslos

Unterstützung erhalten sie von ganz oben: Der UN-Menschenrechtsrat fordert in einem aktuellen Bericht transnationale Firmen auf, Verantwortung für die Einhaltung der Menschenrechte in Brasilien zu übernehmen. Zudem mahnt er eine rechtzeitige und umfassende Beteiligung der betroffenen Bevölkerung an. Was die Munduruku wollen, weiß auch Siemens.

Auch wirtschaftlich ist der geplante 7,6 Kilometer lange Staudamm sinnlos. Die brasilianische Regierung rechtfertigt das Bauvorhaben, dem noch mehr als 40 weitere Dämme folgen sollen, mit der Annahme, dass der Energiebedarf Brasiliens durch das Wirtschaftswachstum enorm steigen wird. Brasilianische Forscher hingegen erklärten, dass die Zahlen viel zu hoch angesetzt seien – 40 Prozent der beabsichtigten neuen Kapazitäten würden überhaupt nicht gebraucht.

Der bisher unberührte Tapajós soll durch die Dämme zudem für den internationalen Soja- und Maisexport befahrbar gemacht werden. Das erste Staubecken wäre mit 729 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie München. Es würde die Dörfer der Munduruku überfluten und langfristig zur Zerstörung der Tapajós-Region führen, die zu den artenreichsten der Erde zählt. Dort leben Jaguare, Flussdelfine und hunderte von Fisch- und Vogelarten; zudem hat der Amazonas-Regenwald große Bedeutung für das Weltklima.

In Wind- und Solarkraft investieren

Auch in der brasilianischen Regierung regt sich Skepsis: Der Umweltminister des Landes, Sarney Filhos, bezeichnete das Tapajós-Projekt als „unnötig“ und befürwortete stattdessen den Ausbau von dezentraler Wind- und Solarenergie. „Siemens muss sich von dem Projekt distanzieren“, fordert Jannes Stoppel. „Brasilien hat gewaltiges Potenzial für Wind- und Solarenergie. Dorthin müssen die Investitionen fließen statt wertvollen Lebensraum zu vernichten. Nach den gesetzten Klimazielen von Paris muss Urwaldschutz neben dem Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung als höchste Priorität verstanden werden.“ Das hat das ebenfalls am Staudamm-Bau beteiligte französische Energieunternehmen Engie SA bereits erkannt: Es distanzierte sich öffentlich von derartigen Projekten am Amazonas und erklärte, eher in den Ausbau von Wind- und Solarkraft investieren zu wollen. 

„Wir haben Siemens heute nochmals aufgefordert, sich für oder gegen diese gewaltige Urwaldzerstörung auszusprechen“ so Stoppel. „Doch das Unternehmen sagt, es brauche noch Zeit. Das reicht uns nicht. Wir werden auch weiterhin für den Erhalt der unberührten Tapajós-Region kämpfen und Siemens weiter unter Druck setzen.“

>>> Mehr über die Kampagne sowie die Folgen der Abholzung des Regenwaldes erfahren Sie hier. Reaktionen von Siemens finden Sie hier.

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