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Sofortiger Einschlagstopp in alten Laubwäldern

Greenpeace-Waldexperte Oliver Salge fordert den konsequenten Schutz ökologisch besonders wertvoller Buchenwälder und ein Ende der übermäßigen Holznutzung.

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Was läuft falsch im deutschen Wald?

Viele Wälder werden derzeit regelrecht leer geräumt. Die Holznachfrage ist stark gestiegen, auch durch den Boom der Holzheizungen und -öfen. In den letzten 20 Jahren hat sich der jährliche Einschlag auf rund 80 Millionen Kubikmeter mehr als verdoppelt. Dadurch haben Deutschlands Wälder ihre Funktion als Klimaschützer verloren und drohen in Zukunft sogar mehr CO2 freizusetzen als aufzunehmen.

Ist es denn nicht gut, viel Holz zu nutzen?

Wälder sind weit mehr als nur Holzlieferanten. Sie dienen der Erholung, sie reinigen Luft und Wasser, sie stabilisieren das Klima und sind ein Garant der Artenvielfalt. Es gibt riesige Unterschiede zwischen intensiv genutzten Wirtschaftswäldern und solchen, in denen eine natürliche Entwicklung stattfinden kann. Holz ist ein ökologischer Werkstoff - aber nur, wenn es aus schonender Waldwirtschaft stammt.

Was fordert Greenpeace?

Notwendig ist zunächst ein Einschlagstopp in Laubwaldbeständen, die mehr als 140 Jahre alt sind. Von diesen Wäldern, in denen hunderte Jahre alte Baumriesen stehen, gibt es nur noch sehr wenige. Sie haben das Potenzial, zum "Urwald von morgen" zu werden.

Was heißt das?

Ein Wald, der sich selbst überlassen bleibt, ist eine ökologische Schatzkammer. In natürlich alternden Bäumen bilden sich Höhlen und Risse, in denen Vögel und Fledermäuse siedeln. Unzählige Pilze und Insekten zersetzen das Totholz. Vor allem alte Buchenwälder beherbergen eine enorme Artenvielfalt - sie sind "unser Amazonas".

Ist das nicht etwas weit hergeholt?

Deutschland ist das Kernland der Buchen-wälder, wir tragen für sie ebenso Verantwortung wie Brasilien für den Regenwald. Natürlicherweise würden sie zwei Drittel des Landes bedecken. Aber sie wurden jahrhundertelang abgeholzt und die Reste großenteils in Fichten- und Kiefernforste umgewandelt. Heute pflanzt man verstärkt Buchen, weil sie gut mit dem Klima-wandel klarkommen. Aber junge Wälder sind mit Altbeständen nicht vergleichbar.

Was muss also passieren?

Der Einschlagstopp ist nur der erste Schritt. Mittelfristig müssen wir zehn neue Großschutzgebiete mit mindestens 5000 Hektar schaffen - zum Beispiel im Spessart, Steigerwald und in der Rhön. So ermöglichen wir Tieren wie Luchs, Wildkatze, Wolf oder Bär die Rückkehr und werden unseren internationalen Verpflichtungen gerecht. Derzeit stehen in Deutschland kümmerliche 0,5 Prozent der Buchenwälder unter striktem Schutz - wir zählen weltweit zu den Schlusslichtern.

Immerhin sind seit 2011 fünf Buchenwälder Unesco-Weltnaturerbe.

Das ist ein toller Erfolg, auch für Greenpeace. Eins dieser Gebiete liegt im Keller-wald am Edersee, der 2004 National-park wurde, nachdem wir einige Jahre zuvor einen Einschlagstopp durchgesetzt haben. Die Unesco erkennt nun die herausragende Bedeutung der alten Buchenwälder an.

Gibt es für die Greenpeace-Forderungen politischen Rückhalt?

Der Bundestag hat mit den Stimmen aller Parteien die Biodiversitätsstrategie beschlossen. Bis 2020 sollen zehn Prozent des Staatswaldes und fünf Prozent des gesamten Waldes unter Schutz stehen. Wir fordern die Umsetzung dieses Ziels. Außerdem müssen wir im gesamten Wald auf eine ökologische Bewirtschaftung umsteigen.

Wie sähe das aus?

Wir dürfen flächendeckend nicht mehr so viel Holz einschlagen. Einige Stadtwälder machen längst vor, dass schonende Forst-wirtschaft ökonomisch machbar ist. Davon profitieren Arten und Klima. Deutschlands Wälder würden in den nächsten Jahrzehnten mehrere Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich binden, wenn man sie ließe. Das entspricht den Gesamtemissionen mehrerer Jahre.

(Quelle: Greenpeace Nachrichten 1/2012)

Publikationen

Rotbuchenwälder im Verbund schützen

Schutz der Buchenwälder: Greenpeace und andere Umwelt- und Naturschutzverbände fordern mindestens zehn Prozent der Waldfläche Deutschlands dauerhaft aus der Nutzung zu nehmen.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Stellungnahme zum Hessischen Waldgesetz

Greenpeace ist vor dem hessischen Landtag zur Novellierung des hessischen Landeswaldgesetzes gehört worden. Greenpeace kritisiert, dass die Landesregierung in Hessen ihrer besonderen Verantwortung für Umwelt und Erholung im Staatswald nicht gerecht wird.

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Stoppt die Säge!

Urtümliche Buchenwälder sind in Deutschland rar geworden. Umso wichtiger ist es, diese Naturparadiese zu bewahren.

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