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Bergwälder Chiles

Die temperierten Regenwälder Südamerikas sind die letzten zusammenhängenden ihrer Art. Sie befinden sich im Süden Chiles und im Norden Argentiniens. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, wie der seltene Huemul-Hirsch, leben ausschließlich in diesem Gebiet. Sie sind bedroht von der fortschreitenden Zerstörung ihres Lebensraums.
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Der Huemul war früher in Südamerika von den flachen Küstenregionen Chiles und Patagoniens bis in die Anden verbreitet. Mit der Zerstörung eines Großteils der Regenwälder verschwand der Hirsch fast überall. Heute lebt er nur noch in einem Bruchteil seines ursprünglichen Verbreitungsgebietes. Ein Gesetz in Chile verbietet die Jagd auf das seltene Tier. Seine Rettung ist jedoch nur möglich, wenn sein Lebensraum, der letzte noch intakte Regenwald in Chile, erhalten bleibt. In den 90er Jahren hat Chile kaum etwas unternommen, um die Urwälder zu schützen. Im Gegenteil: Die Produktion von industriellem Rundholz ist von 1996 bis 1998 um 83 Prozent im Vergleich zum vorigen Jahrzehnt gestiegen.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt: Chile liegt tatsächlich - wie Reiseveranstalter behaupten - am Ende der Welt. Mit dem Pazifischen Ozean auf der einen und den schneebedeckten 6000-Meter-Gipfeln der Anden auf der anderen Seite stellt es eine biogeografische Insel dar. Diese Abgeschiedenheit von anderen biogeografischen Zonen verhinderte die Einwanderung von Pflanzen und Tieren.

Einheimisches Leben

In Chile und den angrenzenden argentinischen Gebieten entwickelte sich so ein einzigartiges Artenspektrum mit einer für die gemäßigte Klimazone ungewöhnlich hohen Vielfalt. Von den 50 Baum- und 700 höheren Pflanzenarten ist die Hälfte ausschließlich in der Region heimisch, so zum Beispiel die in deutsche Vorgärten importierte und mit ihren dachziegelartigen Blattschuppen an vorzeitliche Wälder erinnernde Tanne oder Chilenische Araukarie.

Auch die Tierwelt hat viele solcher Arten zu bieten, beispielsweise den kleinsten Hirsch der Welt, den nur 65 Zentimeter hohen Pudu oder den Darwin-Nasenfrosch mit seiner erstaunlichen Fortpflanzungsstrategie: Der Nachwuchs dieser Froschart entwickelt sich in der Schallblase der männlichen Tiere, die erst die Eier auflecken und die entwickelten Jungfrösche wieder ausspucken.

Bedroht am Ende der Welt

Trotz seiner Isolation liegt der Dschungel Chiles nicht weit genug vom Rest der Welt entfernt, um vor Zerstörung sicher zu sein. Der größte Teil ist bereits abgeholzt oder beschädigt, die letzten intakten Reste sind durch Holzwirtschaft bedroht. Seit dem Umweltgipfel von Rio im Jahre 1992 hat die chilenische Regierung kaum Anstrengungen unternommen, um den schwindenden Wald zu schützen. Im Gegenteil: Während die Holzproduktion zwischen 1996 und 1998 im Vergleich zum vorigen Jahrzehnt um 83 Prozent gesteigert wurde, wuchs der Anteil der zum Schutz ausgewiesenen Wälder nur um 0,4 Prozent.

Regenwälder außerhalb der Tropen sind weltweit eine Seltenheit: Außer in Chile gibt es sie nur in Kanada, Australien und Neuseeland. Der chilenische Valdivian-Urwald ist der zweitgrößte temperierte Regenwald der Erde. Insgesamt wächst in Chile über ein Drittel der temperierten Regenwälder. 1995 hat die chilenische Zentralbank die völlige Zerstörung dieser Wälder innerhalb von 20 Jahren vorausgesagt, falls die Holzkonzerne in gewohntem Tempo weiter arbeiten.

Schwerwiegende Folgen

Besonders schwer wiegt, dass für die Produktion eines relativ billigen Produktes wie Zellulosechips für die Papierherstellung Jahrtausende alte Primärwälder gerodet werden, die bisher unangetastet die Zeit überdauert haben. Auf den kahlen Flächen forsten die Grundbesitzer häufig mit nicht-einheimischen Arten auf, die schnelleres Wachstum und schnellere Erträge versprechen. Diese Art von Aufforstung wird von der chilenischen Regierung finanziell unterstützt, während nachhaltiges Wirtschaften nicht honoriert wird.

Kaum besser ergeht es den menschlichen Bewohnern der Wälder: Die eineinhalb Millionen Mapuche-Indianer in Chile und Argentinien werden nicht als nationale Minderheit anerkannt, ihre Rechte auf eigene Sprache und Kultur ignoriert. Regelmäßig verkaufen Behörden ihr Land an Holzkonzerne, es werden Staudämme gebaut und Öl und Gas gefördert. Ohne ausreichende medizinische Versorgung sind die Menschen der daraus resultierenden Umweltverschmutzung hilflos ausgeliefert. 1997 bestätigte eine Untersuchung in der argentinischen Provinz Neuquen Blei- und Quecksilbervergiftungen bei Mapuche mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen.

Der Huemul

Außerhalb Chiles und Argentiniens fast unbekannt, ist der kleine Südandenhirsch eines der Tiere, das unter dem Verlust der ursprünglichen Wälder am meisten zu leiden hat. Mit einem geschätzten Bestand von wenigen tausend Exemplaren steht er auf der Liste der Tierarten, die in unmittelbarer Zukunft vom Aussterben bedroht sind.

Ursprünglich war der Huemul im ganzen Süden des Kontinents verbreitet. Zusammen mit dem ebenfalls landestypischen Kondor schmückt er das Wappen von Chile. Heute leben Huemule, die eigentlich für die Wintermonate in geschützte Täler absteigen, nur noch in Bergregionen über 3.000 Meter, einem letzten und harschen Rückzugsgebiet für die Pflanzenfresser. Seit den frühen 70er Jahren verschwanden Huemule aus ihrem Verbreitungsgebiet nördlich von Patagonien, seit 1997 wurden die Hirsche mit den Hasenohren nur noch in Naturschutzgebieten beobachtet.

Hauptgrund für den Bestandseinbruch des Huemul ist der Urwaldverlust durch Holzeinschlag. Aber auch die Konkurrenz mit ausgesetztem Rotwild, mangelnde Resistenz gegen eingeschleppte Krankheiten und Nachstellungen von Jägern und wildernden Hunden dezimieren die Anzahl des Huemul.

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