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Amazoniens Urwald zwischen den Behördenstühlen

In Amazonien schwindet der Urwald dahin - langsamer zwar als noch vor einigen Jahren, doch immer noch zu schnell. Dabei scheint auch die Nationale Behörde für Besiedlung und Landreform (INCRA) ihre Finger im Spiel zu haben. Greenpeacer recherchierten acht Monate lang in Santarém im Bundesstaat Pará. Was sie in Siedlungsverträgen und Protokollen fanden, deutet auf enge Verbindungen der Behörde mit der Holzindustrie hin.

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Das Rezept ist so einfach wie erfolgversprechend: Die INCRA weist ein bestimmtes Areal als Besiedlungsgebiet aus. Ganz zufällig handelt es sich um ein Stück Land im Urwald, auf dem wertvolle Tropenbäume stehen. Dann vermittelt sie Kontakte zwischen den neuen Siedlergemeinschaften und Holzfällerfirmen. Die Firmen verpflichten sich, die nötige Infrastruktur zu schaffen. Das heißt zum Beispiel, Straßen und Schulen zu bauen, was eigentlich Aufgabe der INCRA wäre. Das heiß begehrte Holz fällt den Unternehmen dabei regelrecht in den Schoß - außerhalb jeglicher Konzession.

Das Ganze findet unter dem Deckmäntelchen der Landreform statt, einem Schlüsselprojekt der brasilianischen Sozialpolitik. Als Lula da Silva Präsident wurde, erhob er es zur Chefsache. Das Programm soll helfen, Armut und Landlosigkeit zu bekämpfen. In Brasilien besitzt auch heute noch ein einziges Prozent der Bevölkerung rund 40 Prozent des fruchtbaren Bodens.

Inzwischen ist klar, dass die Landreform sich zu einem Motor der Entwaldung entwickelt hat. Bis 2004 wurden 106.000 Quadratkilometer Urwald für das Projekt kahlgeschlagen. Das entspricht 49 Prozent der gesamten zur Besiedelung ausgewiesenen und 15 Prozent der gesamten entwaldeten Fläche.

Im Jahr 2006 wies die INCRA 97 Besiedlungsareale für 33.700 Familien aus der Gegend um Santarém aus - 2,2 Millionen Hektar. Viele dieser Areale liegen in Gebieten von hohem Holzwert, stellten die Greenpeace-Rechercheure fest. Fünf der Flächen befinden sich sogar im vollständig geschützten Amazonien-Nationalpark.

Hinzu kommt, dass sich viele Siedlergemeinschaften aus Leuten zusammensetzen, die nicht aus der Region stammen. Sie sind in weit entfernten Städten und Gemeinden gemeldet. Ihnen fehlt die Erfahrung im nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressorcen, wie sie im Urwald gefordert ist.

Während sich die brasilianische Umweltbehörde freut, weil die jährliche Entwaldungsrate zurückgegangen ist, spielen andere Behörden den Holzfällern in die Hände, kommentiert Greenpeace-Urwaldexperte Andre Muggiati die unerfreuliche Entdeckung. Das öffnet weiterer Waldzerstörung Tür und Tor und fördert damit auch den Klimawandel. Brandrodung und Kahlschlag haben dazu geführt, dass Brasilien auf der Liste der CO2-Sünder weltweit an vierter Stelle steht.

Verlierer sind auch die Gemeinden, die eigentlich durch die Landreform gewinnen sollten. Greenpeace fordert die INCRA auf, Besiedlungsflächen nicht mehr in entlegenen, oftmals sehr isolierten Urwaldgebieten auszuweisen. Es gibt genügend bereits entwaldete Gebiete oder solche, die durch lokale Gemeinden besser und nachhaltig bewirtschaftet werden können.

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