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Amazonas-Reisetagebuch - letzter Teil

Zwischen Amazonas und Zuhause, 27. November 2003. Bilanz: 39 Moskitostiche allein an den Füßen. Verfassung: Schlafmangel, durch oberflächliche Bräune erholtes Erscheinungsbild. Die Amazonas-Tour ist vorbei, zumindest für uns beide. Die anderen werden noch bis Mitte Dezember weiter fahren, Aktionen gegen illegalen Holzeinschlag machen, Dorfgemeinschaften treffen.

Die letzten Tage sind angespannt. Nach dem Protest der Holzfäller aus Porto de Moz fühlt sich auf der Arctic Sunrise keiner mehr so richtig sicher. Gerüchte gehen um. Angeblich wollen die Holzfäller zurückkommen und uns dieses Mal mit Gewalt vertreiben. Sollen wir aufgeben und uns aus der Region zurückziehen? Wie viel Risiko können wir eingehen? Es gibt nur noch eine Gruppe außer uns, die gegen illegalen Holzeinschlag vorgeht, und das ist eine Einheit der brasilianischen Umweltbehörde IBAMA.

Unsere Verbündeten, die 20 Befürworter des Schutzgebietes, sind wohlauf. Sie hatten sich wegen Drohungen der Holzmafia in eine Kirche in Porto de Moz geflüchtet. Nachdem Greenpeace die Polizei um Schutz gebeten hat, wagen sie sich wieder auf die Straße. Wir sind erleichtert, dass ihnen nichts passiert ist. Einige von ihnen kommen sogar wieder an Bord der Arctic Sunrise und wollen weiter kämpfen. Mutig! Die Arctic Sunrise wird schon in wenigen Wochen nicht mehr in der Region sein. Dann sind unsere Freunde wieder auf sich allein gestellt.

Viel gelernt haben wir in den vier Wochen Amazonien. Zum Beispiel, dass nicht in jeder Situation Aktionen angebracht sind. Die Holzfäller sind eh aufgebracht und gewaltbereit. Es bringt nichts, sie noch mehr zu reizen und Aktivisten und Dorfgemeinschaften in Gefahr zu bringen. Auf jeden Fall ist es wichtig, die Menschen vor Ort stark zu machen und ihnen Informationen zu geben, so dass sie gemeinsam gegen die Holzmafia vorgehen können.

Schutzgebiete machen nur dort Sinn, wo die Menschen sie wollen und Alternativen zum illegalen Holzeinschlag haben. Die Holzmafia ist stark, ihr Netzwerk verflochten, die Macht des schnellen Geldes groß. Wenn man, wie viele hier, von der Hand in den Mund lebt, überlegt man es sich zweimal, ob man sich und seiner Familie zusätzlich noch die Holzmafia aufhalst.

Hier ist nicht nur Greenpeace gefragt. Auch die Regierungen müssen ihren Teil dazu beitragen, dass der Amazonas-Urwald geschützt wird und als Lebensgrundlage für die Menschen in Pará erhalten bleibt. Urwaldschutz kostet Geld. Wenn wir in Deutschland wollen, dass der Urwald gerettet wird, dann muss auch unsere Regierung Geld für die Einrichtung von Schutzgebieten bereitstellen.

Nicht nur die Menschen in den Gemeinden, auch Greenpeacer aus aller Welt haben uns motiviert, weiter für den Urwald zu kämpfen. An Bord eines Greenpeace-Schiffes ist ein Maschinist nicht allein Maschinist. Er ist gleichzeitig Greenpeace-Aktivist und mit dem Herzen dabei. Jeder einzelne ist für das Gelingen einer solchen Expedition unabdingbar.

Gerade sind wir in Belém. Von der Arctic Sunrise sind wir per Helikopter nach Almarin geflogen. Von dort ging es mit der Cessna nach Santarem, gemeinsam mit Journalisten von N24. Eng war es. Wir hatten zusammen so viel Gepäck, dass sich Fernando, unser Pilot, nach dem Start bekreuzigte und erleichtert nach hinten grinste. Runter kommt man immer, irgendwie.

In Belém hat unsere Reise vor vier Wochen begonnen. Hin- und hergerissen sind wir. Wir freuen uns auf zu Hause, sind aber auch ein bisschen traurig. Ein Abenteuer geht zu Ende. Wer weiß, ob wir die anderen jemals wieder sehen. Auch die Wärme wird uns fehlen und die Geräusche des Amazonas bei Nacht. Auf eine heiße Dusche freuen wir uns zugegebenermaßen, und auf selbstgekochtes Essen, vielleicht Kohlrouladen, auf unsere Freunde, auf unser eigenes Bett, die Kollegen im Büro. Auf einiges können wir allerdings gut verzichten, vor allem auf die Moskitos.

Machen Sie mit bei unserer Cyber-Aktion zum Schutz der Amazonas-Urwaldschützer. Schreiben Sie an den brasilianischen Botschafter in Berlin. (http://act.greenpeace.org/ams/de?a=1088&s=wald)

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