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"Wälder sind natürliche Staubsauger für CO2"

Peter Wohlleben ist Förster in der kleinen Eifelgemeinde Hümmel. Sein Revier ist heute eines der wenigen, die konsequent den Weg zurück zu urwaldähnlichen Laubwäldern beschreiten. Pferde statt Holzerntemaschinen, Buchen statt Fichten, völliger Verzicht auf Chemieeinsatz, keine Kahlschläge mehr: Die Natur rund um Hümmel atmet auf. Uns berichet der Förster und Autor, warum dieses Konzept so wichtig für die Artenvielfalt und den Klimaschutz ist.

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Redaktion: Herr Wohlleben, Ihr neues Buch heißt: "Der Wald. Ein Nachruf". Ist es denn so schlimm um unseren Wald bestellt?

Peter Wohlleben: Wald ist ein Ökosystem, welches sich auf den jeweiligen Standorten im Verlaufe der Jahrtausende perfekt angepasst hat. Solche Wälder gibt es in Deutschland bis auf Reste im Promillebereich nicht mehr; sie wurden vielerorts gegen Plantagen getauscht. Wo einst Buchenurwälder im Wind rauschten, stehen nun Fichten und Kiefern in Reih und Glied. Sie werden maschinell bearbeitet, und durch das tonnenschwere Gewicht der Erntefahrzeuge wird der Boden regelrecht zerquetscht - unumkehrbar. Wo, bitteschön, soll da der große Unterschied zu Brasilien sein, wo Regenwald gegen Eucalyptusplantagen getauscht wird?

Redaktion: Dennoch feiert die Forstwirtschaft in diesem Jahr die Erfindung der forstlichen Nachhaltigkeit. Wie bewerten Sie dies?

Peter Wohlleben: Das ist ein genialer PR-Coup. Auf die Holzmenge bezogen stimmt es vielleicht: Noch wird nicht mehr geerntet, als nachwächst. Doch wie sieht es mit der Funktionsfähigkeit des Ökosystems aus? Die billige Holzernte mit Maschinen verringert die Leistungsfähigkeit des Waldes deutlich, künftige Generationen werden weniger Holz ernten. Ein klarer Verstoß gegen das Nachhaltigkeitsgebot!

Redaktion: Schauen wir nach vorne: Was muss passieren, damit wir unseren Wald retten können? Und wer ist hier gefragt?

Peter Wohlleben: Angemessen wäre der Schutz von zehn Prozent der Waldfläche; die übrigen 90 Prozent könnten weiter bewirtschaftet werden. Allerdings sollte auch hier eine Umstellung zu heimischen Baumarten, vor allem der Buche, erfolgen. Wenn hier nur einzelne Bäume genutzt würden, dann hätten wir eine schöne Kombination aus schonend genutzten Flächen, in denen sich viele Tiere und Pflanzen wohl fühlen, und Reservaten, in denen all die Lebewesen zum Zuge kommen, die alte und absterbende Bäume brauchen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, denn viele Forstverwaltungen weigern sich, den politischen Konsens von fünf Prozent Schutzflächen umzusetzen. Gefragt sind die Hochschulen, Försterinnen und Förster mit ökologischem Weitblick und Wertesystem auszubilden, gefragt ist aber auch die Politik, ihren Forstverwaltungen endlich Zügel anzulegen.

Redaktion: Sie selbst sind Förster im Stadtwald der Gemeinde Hümmel in der Eifel und gehen mit gutem Beispiel voran: Was genau machen Sie dort anders?

Peter Wohlleben: Wir haben in Hümmel noch etwa 15 Prozent alte Buchenwälder. Diese wurden schon seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt, doch der Druck der staatlichen Aufsichtsbehörde, die bis zu 200-jährigen Bäume endlich zu ernten, wuchs. Da haben wir aus einem Teil einen Ruheforst gemacht, in dem wir dort die Altbuchen als lebende Grabsteine für Urnengräber verkaufen - für 100 Jahre. Andere Flächen verpachten wir langfristig als Naturschutzflächen an Firmen, die so etwas für ihr Image tun können. So bekommt die Gemeinde ihr Geld für das Holz, und die Bäume bleiben stehen.

Die übrige Waldfläche, oft noch Fichtenplantagen, versuchen wir wieder in Laubwälder zu verwandeln - Zeitziel 100 Jahre, damit es schonend und ohne Kahlschlag geht. Die Bewirtschaftung erfolgt mit Waldarbeitern und Pferden. Das klappt alles noch nicht ideal, aber wir sind ja auch erst seit 20 Jahren auf dem Weg - für den Wald nur ein Wimpernschlag.

Redaktion: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor wenigen Wochen das Ziel der Nationalen Biodiversitätsstrategie bekräftigt, zehn Prozent unserer öffentlichen Wälder einer natürlichen Entwicklung zu überlassen. Was können Schutzgebiete ohne Holznutzung leisten, was selbst ein Ökowald wie Hümmel nicht kann?

Peter Wohlleben: Schutzgebiete sind Rettungsinseln für Arten, die wir noch gar nicht kennen. Schwarzspecht, Uhu, Wolf - solche Tiere sind attraktiv. Wer aber kümmert sich beispielsweise um Hornmilben oder Springschwänze, von denen es jeweils mehr Spezies gibt als Vogelarten in Mitteleuropa? Es ist bis heute kaum ansatzweise erforscht, welche Rolle sie im Ökosystem spielen, was passiert, wenn dieses "Bodenplankton" ausfällt. Genau wie am Amazonas sollten wir also allein schon aus moralischen Gründen dafür sorgen, dass wir wenigstens einen Teil der Wälder aus der intensiven forstwirtschaftlichen Veränderung heraushalten.

Redaktion: Kalter langer Winter, jetzt die Überflutungen in Süd- und Ostdeutschland. Auch bei uns ändert sich das Klima. Das amerikanische ozeoanografische Institut meldete vor kurzem, dass dieses Jahr 400 ppm Kohlendioxid in der Atmosphäre überschritten wurden, ein dramatisches Signal. Welche Rolle kann der Wald spielen, dabei zu helfen den Klimawandel zu begrenzen?

Peter Wohlleben: Wälder sind natürliche Staubsauger für CO2, sie können pro Qudratkilometer und Jahr bis zu 1000 Tonnen davon einlagern, und zwar dauerhaft, denn tote Bäume verrotten entgegen landläufiger Meinung nicht vollständig. Werden solche Wälder dagegen genutzt, so entweicht dieses CO2 wieder in die Atmosphäre. Wenn wir etwas für das Klima tun möchten, so sollten wir unseren Energieverbrauch drosseln und Wälder aus der forstlichen Nutzung nehmen. Wälder als Ersatz für Öl oder Kohle sind der falsche Weg. Eine moderate Holznutzung, kombiniert mit Schutzgebieten, wäre der richtige Weg. Ich bin optimistisch, dass dies eines Tages so kommt, denn immer mehr Bürgerinnen und Bürger sind nicht mehr einverstanden mit dem, was ihre Dienstleister, die Forstverwaltungen, mit dem Bürgerwald machen.

Redaktion: Danke für das Interview!

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage von Peter Wohlleben.

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