Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Ukraine: Spagat zwischen Ost und West

Im Zuge der Auflösung der Sowjetunion erklärte die Ukraine am 24. August 1991 ihre Unabhängigkeit. Die Außenpolitik des Landes war von Anfang an durch den Spagat zwischen zwei Machtblöcken geprägt. So setzt die Ukraine zum einen auf westliche finanzielle Hilfe, aber auch gleichzeitig auf russische Öl- und Gaslieferungen zu Vorzugspreisen. Die orangene Revolution, die den westlich orientierten Politiker Wiktor Juschtschenko zum Staatspräsidenten machte, verfolgte auch das Ziel, auf die Interessen Russlands keine Rücksicht mehr zu nehmen.

  • /

Nach der offiziellen Volkszählung von 2001 leben in der Ukraine Menschen mit 100 verschiedenen Nationalitäten. Über 77 Prozent bezeichnen sich allerdings als Ukrainer, weitere 17 Prozent als Russen und fast ein Prozent als Rumänen und Moldawier.

Wirtschaft

Die Ukraine war die Kornkammer der Sowjetunion. Bis 1990 wurden 70 Prozent der ukrainischen Landfläche für die Landwirtschaft genutzt, allein 55 Prozent dienten dem Ackerbau. Aufgrund umfangreicher Eisenerzvorkommen und anderer Bodenschätze wie Bauxit, Blei, Chrom, Nickel, Titan und Zink, war in der Ukraine auch eine starke Schwer- und eisenverarbeitende Industrie angesiedelt, vor allem im Donez-Becken.

Geographie, Politik und Fußball

  • Fläche: 603.700 Quadratkilometer
  • Einwohnerzahl: 46,9 Millionen
  • Hauptstadt: Kiew
  • Amtssprache: Ukrainisch
  • Staatsform: parlamentarische Demokratie
  • Unabhängigkeit: 24.August 1991
  • Fußball: Die ukrainische Nationalmannschaft nimmt zum ersten Mal an einer Fußballweltmeisterschaft teil. Das bedeutet aber nicht, dass Fußball in der Ukraine ein Schattendasein führte. Erfolgreiche Vereinsmannschaften wie Dynamo Kiew gewannen in der Vergangenheit immerhin zweimal den Europapokal der Pokalsieger. Außerdem wurde der aus Kiew stammende Andrij Schewtschenko 2004 zu Europas Fußballer des Jahres gewählt und gehört mit seinem Wechsel vom AC Milano zum FC Chelsea London für 65 Millionen Euro zu den drei teuersten Fußballspielern Europas.

Mit der Lösung von der Sowjetunion, der Öffnung nach Westen und der Integration in den Weltmarkt schrumpfte die Wirtschaft vorübergehend auf weniger als die Hälfte. Zulieferungen und die alten Absatzmärkte fielen aus, einheimische Produkte konnten nicht mit den Westimporten konkurrieren. Gleichzeitig stiegen die Verbraucherpreise rapide an. Lohn- und Rentenzahlungen erfolgten nur noch unzuverlässig und reichten längst nicht mehr aus, um sich davon ernähren zu können. Viele Bewohner auf dem Land nutzen auch heute noch brachliegende Ackerflächen, um Lebensmittel für den eigenen Bedarf anzubauen.

Das seit dem Ende der 90er Jahre ins Land fließende westliche Kapital nutzt vor allem das niedrige Lohnniveau und die gleichzeitig hohe Qualifikation der Belegschaften. Die dadurch wieder steigenden Einkommen werden gerne für Konsumgüter westlicher Herkunft ausgegeben. Deshalb investieren jetzt große Handelskonzerne, die auch die Märkte der EU-Länder beherrschen, verstärkt in der Ukraine.

Allerdings ist die ukrainische Energieversorgung nach wie vor abhängig von Öl- und Gaslieferungen aus Russland. 2004/2005, als es zum Streit zwischen der Ukraine und Russland um Vorzugs- oder Weltmarktpreise kam, empörten sich westliche Politiker und Journalisten vor allem darüber, dass Russland über wirtschaftliche Beziehungen politischen Druck ausüben wolle. Eine Vorgehensweise, die man den USA oder der EU nicht zutrauen würde ...

Natur und Umwelt

Im nördlichen Teil der Ukraine gab es früher ausgedehnte Waldgebiete. Da diese auf fruchtbarem Lössboden wuchsen, sind sie bis auf einen kleinen Restbestand in Ackerböden umgewandelt worden. Heute sind nur noch fünf Prozent der Landesfläche bewaldet. Die ukrainischen Produktionsgenossenschaften bewirtschafteten die riesigen Felder mit schwerem Ackergerät. Dadurch leidet das ukrainische Ackerland unter Versteppung infolge starker Bodenerosion. Bereits ein Achtel der Ackerflächen sind für die Landwirtschaft verloren gegangen.

Traurige Berühmtheit erlangte die Ukraine durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (ukrainisch Tschornobyl) 1986. Bei einer routinemäßigen Abschaltung des Atomreaktors, die mit einer Notfallübung gekoppelt war, kam es zu einer Explosion, bei der große Mengen radioaktiven Materials in die Luft geschleudert wurden. Die radioaktiven Niederschläge trafen nicht nur Regionen in der Umgebung des Reaktors, sondern auch weite Teile Europas. Die genaue Zahl der Opfer dieses Unfalls ist bis heute nicht bekannt. In Staaten, die selber die Atomtechnik zur Energiegewinnung nutzen wollen, werden die Opferzahlen gern kleingerechnet.

Menschenrechte und Korruption

Die ärmsten Opfer der wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Ukraine sind Kinder. 2005 zählte man in der Ukraine 150.000 Straßenkinder. Sie verbringen die meiste Zeit ihres Lebens auf der Straße. Nur die wenigsten dieser Kinder sind Waisen. Die meisten fliehen vor häuslicher Gewalt und vor dem Hunger. Ein Fünftel aller Straßenkinder sind unter sieben Jahre alt. Hilfsorganisationen werfen den Behörden Korruption und Desinteresse am Schicksal der Kinder vor.

Flüchtlinge, die an den europäischen Grenzen zurückgewiesen werden, landen in der Ukraine in Auffanglagern, in denen man sie unter unmenschlichen Bedingungen gefangen hält, schlägt, erpresst und ausraubt. Für die EU-Staaten sind die bekannten Zustände allerdings kein Grund, ihre Asylpolitik zu ändern.

Besonderheiten

Botschafter haben ja normalerweise die Aufgabe, die Interessen des eigenen Landes gegenüber einer fremden Regierung zu vertreten. Wiktor Juschtschenko ist da anscheinend anderer Ansicht. Er hat den Botschafter Deutschlands, Dietmar Stüdemann, zu seinem persönlichen Berater gemacht. Herr Stüdemann arbeitete für den ukrainischen Präsidenten allerdings freiberuflich.

(Autor: Harald Mörking)

Tags:

Weiterführende Publikationen zum Thema

Mehr zum Thema

Ausgehandelt?

Es ist ruhig geworden um TTIP und CETA. Interessieren Handelsabkommen in Zeiten von Schutzzöllen nicht mehr? Doch! Greenpeace-Sprecher Christoph von Lieven sagt, wie es weitergeht.

Unternehmen Verantwortung

Großkonzerne können ungestraft Steuern hinterziehen, die Umwelt vergiften und Menschenrechte verletzen, so ein Greenpeace-Report. Er zeigt auch, wie das geändert werden kann.

Kuhhandel

Auto gegen Rind – so der Deal eines Handelsabkommens zwischen EU und Lateinamerika. Schlecht für Verbraucher und Umwelt, das zeigen von Greenpeace Niederlande geleakte Dokumente.