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Schweiz: Neutral, besonnen und geschäftstüchtig

Die Schweizer haben ihren Staatshelden und Gründervater, Wilhelm Tell, zwar erst 1804 durch einen deutschen Dichter kennen gelernt, haben ihn und seine Geschichte dann aber zum Nationalmythos gemacht. Immerhin kommt darin ein sympathischer Wesenszug zum Ausdruck: Der gewaltsame Schöpfungsmythos der Schweiz beschränkt sich auf einen einzigen Schuss mit der Armbrust. Andere Länder, wie Deutschland, beziehen sich da auf Schlachten (im Teutoburger Wald), die wahre Massaker waren.

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Die Schweizer Bevölkerung setzt sich aus französisch-, italienisch-, rätoromanisch- und deutschsprachigen Menschen zusammen, die sich 1291 geschworen haben, gemeinsam ihre Rechte gegen adelige und kaiserliche Willkür zu verteidigen. Ihre nationale Identität leitet sich nicht aus vorgeschichtlichen Stammesverbänden ab. Vielleicht haben die Schweizer auch deshalb wenig Probleme mit der Tatsache, dass zu ihrer ständigen Wohnbevölkerung 20 Prozent Ausländer gehören.

Geographie, Politik und Fußball

  • Fläche: 41.285 Quadratkilometer
  • Einwohnerzahl: 7,3 Millionen
  • Hauptstadt: Bern
  • Amtssprache: Französisch, Italienisch, Deutsch, Rätoromanisch. Im Kanton Zürich ist auch die Gebärdensprache als Amtssprache verfassungsmäßig verankert.
  • Staatsform: Bundesstaat
  • Unabhängigkeit: 1. August 1291 (Legende); faktisch: 1499 (vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation); anerkannt: 1648 Westfälischer Friede
  • Fußball: Die Schweizer Nationalmannschaft hat bereits sieben Mal an Weltmeisterschaften teilgenommen, ist allerdings über die Teilnahme am Viertelfinale bislang nicht hinausgekommen.

Wirtschaft

Als rohstoffarmes und kleines Land hat sich die Schweiz mit der beginnenden Industrialisierung auf weiterverarbeitende Industrien konzentriert. Berühmt ist das Land für den Bau von Uhren, Apparaten und Präzisionsinstrumenten. Medizintechnik und die chemische bzw. pharmazeutische Industrie kamen hinzu und haben eine immer größere Bedeutung bekommen.

In der Landwirtschaft arbeiten heute nur noch fünf Prozent der Bevölkerung, trotzdem werden bäuerliche Betriebe durch erhebliche Subventionen erhalten und gefördert. Vergleichsweise groß ist mit etwa neun Prozent der biologische Anbau.

Die Schweiz hat das dichtete Eisenbahnnetz der Welt, und es wird auch genutzt. Im Durchschnitt fährt jeder Schweizer und jede Schweizerin 47-mal im Jahr mit der Bahn. Jede Fahrt hat eine Durchschnittslänge von 42 Kilometern. Damit ist die Schweiz nach Japan Bahnfahrernation Nummer 2 in der Welt. Da die Schweiz als Durchgangsland für den Güter- und Personenverkehr zwischen dem Süden und Norden Europas erheblich zu leiden hatte und hat, führte sie im Jahr 1985 als erstes Land in Europa eine Straßenbenutzungsgebühr (Maut) ein.

Neben Uhren, Käse und Schokolade rechnen viele Menschen aus dem europäischen Ausland das Schweizer Bankengeheimnis zu den größten Errungenschaften schweizerischen Gewerbefleißes. Es zählt auch heute noch - trotz einiger Aufweichungen - zu den Standortvorteilen Schweizer Banken. Zu allen Zeiten haben Diktatoren aus aller Welt die ihren Völkern abgepressten Milliarden von Dollar gern auf Schweizer Nummernkonten deponiert. Aber auch deutsche Parteien schätzen die Diskretion der Banken in Zürich und Bern, wenn sie es für zu 'aufwändig' halten, Spendeneinnahmen auszuweisen und womöglich zu versteuern.

Natur und Umwelt

Zur Schweiz gehören nicht nur die Alpen mit 74 Bergen über 4.000 Metern Höhe, sondern auch grüne Landschaften mit klaren Seen und Flüssen: Kein Wunder, dass die Schweiz zu den beliebtesten Touristengebieten in Europa gehört.

Hier wird der Widerspruch deutlich, der die Schweizer Umweltpolitik wie ein roter Faden durchzieht: Ist die Landschaft schön und deshalb erhaltenswert? Oder ist die Landschaft eine schöne Touristenattraktion und insoweit erhaltenswert? Um zu verdeutlichen, wer der Spielmacher ist und bei wem das Gestaltungsrecht in Sachen Natur und Umwelt liegt, plant die Schweizer Regierung ein Gesetz, das das Beschwerderecht von Umweltorganisationen einschränken soll.

Die Schweiz hat das Kyoto-Protokoll unterschrieben - schließlich hat man die abschmelzenden Alpengletscher direkt vor der Haustür. Für seine internationale Umwelt- und Klimapolitik bekommt das Land auch immer besonders gute Zensuren. Im Inneren werden diese Trainingsvorgaben aber nicht konsequent umgesetzt. So fördert die Schweiz zwar den Ausbau erneuerbarer Energien, kürzt aber auf der anderen Seite die Mittel dafür, wenn Haushaltseinsparungen anstehen. Auf der einen Seite betreibt die Schweiz ein Programm zur Verlagerung des Straßenverkehrs auf die Schiene, beschließt aber auf der anderen Seite milliardenschwere Investitionen zum Ausbau von Fernstraßen. Nicht umsonst gelten die Schweizer gleichzeitig als besonnen und geschäftstüchtig.

Menschenrechte und Korruption

Die Schweiz hat den Ruf, ein Hort der Menschenrechte zu sein und ist deshalb auch Mitglied im UN-Menschenrechtsrat. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass das Frauenstimmrecht in der Schweiz auf Bundesebene erst am 7. Februar 1971 (!) eingeführt wurde. 20 Jahre und eine Verfassungsklage waren notwendig, bis auch im letzten Kanton, Appenzell-Innerrhoden, die Schweizer Frauen das Recht bekamen, an Wahlen teilzunehmen.

Auch in der Schweizer Asylpolitik steht der Mensch nicht gerade im Mittelpunkt: Das Land kümmert sich weniger um die Gründe, warum ein Mensch gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen als um die Frage, welche Menschen man überhaupt im Land haben und dulden will. Nach Ansicht der SVP (Schweizerische Volkspartei) ist dazu mindestens die Übernahme christlicher Werte notwendig.

Einem armen Flüchtling nützt aber auch die Konvertierung zum christlichen Glauben nichts. Den Schweizer Behörden sind die Beckenbauers, Milch-Müllers, Schumachers usw. allemal lieber - wenn die ihre bescheidenen Einkünfte in einem schweizerischen Steuerparadies angeben und nicht dem deutschen Fiskus anvertrauen wollen, weil der ja immer noch zu viel für Sozialausgaben 'verschwendet'.

Besonderheiten

Die berühmte Schweizer Neutralität ist das Ergebnis der verlorenen Schlacht bei Marignano (heute: Melegnano) zwischen der Schweiz und Frankreich (1515): Durch die Niederlage zur außenpolitischen Zurückhaltung gezwungen, wurde daraus die immerwährende Neutralität, die heute noch zum schweizerischen Selbstverständnis gehört.

Bis ins 16. Jahrhundert hinein wurden Schweizer als Söldner in allen Heeren Europas beschäftigt. Nach 1515 wurde das für Schweizer Bürger erschwert und schließlich in der Verfassung von 1848 verboten. Auch heute noch dürfen Schweizer keine Söldner für fremde Herren sein. Eine Ausnahme wird nur für den Papst gemacht: Die Leibwächter des Papstes müssen nämlich nicht nur gute Katholiken, sondern auch echte Schweizer sein.

(Autor: Harald Mörking)

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