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Schweiz: Kleines Land mit großen Banken

Die Schweizer haben schon im Mittelalter den Warenhandel zwischen dem Norden und dem italienischen Süden vermittelt: Die Güter wurden auf der Nordseite der Alpenpässe auf Esel geladen und auf der anderen Seite getreulich wieder an die Händler aus dem Süden übergeben. Heute vermitteln sie auch die Geldströme der ganzen Welt.

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Die schweizer Bevölkerung setzt sich aus französisch-, italienisch-, rätoromanisch und deutschsprachigen Menschen zusammen, die sich 1291 geschworen haben, gemeinsam ihre Rechte gegen adelige und kaiserliche Willkür zu verteidigen. Als Hort der Neutralität hat die Schweiz nie gefragt, woher das Geld kam, das in ihren Banken lagerte. Darum hat sie sich in der Regel auch früher nicht über die 21 Prozent Ausländer in ihrem Land erregt.

Geografie, Politik, Fußball

  • Fläche: 41 285 Quadratkilometer
  • Einwohnerzahl: 7,7 Millionen
  • Hauptstadt: Bern
  • Amtssprache: Französisch, Italienisch, Deutsch, Rätoromanisch
  • Staatsform: Bundesstaat
  • Unabhängigkeit: 1. August 1291 (Legende); faktisch: 1499 (vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation)
  • Auch der schweizer Fußball gibt sich bescheiden: Die Schweiz hat zwar bereits achtmal an Weltmeisterschaften teilgenommen, ist aber über die Teilnahme am Viertelfinale bislang nicht hinausgekommen.

Wirtschaft

Die Schweiz ist immer noch ein Durchgangsland für den Güter- und Personenverkehr zwischen dem Süden und Norden Europas. Vor allem der Schwerlastverkehr verursacht erhebliche Schäden. Darum hat die Schweiz als erstes Land in Europa eine Straßenbenutzungsgebühr (Maut) eingeführt und sich an ihr traditionelles Kerngeschäft erinnert. Nur lädt sie jetzt nicht mehr die Waren auf Lasttiere, sondern verlagert den LKW-Verkehr auf die Schiene.

Überhaupt hat die Schweiz das dichteste Eisenbahnnetz der Welt, und es wird auch genutzt. Im Durchschnitt fährt jeder Schweizer und jede Schweizerin 47-mal im Jahr mit der Bahn eine Strecke von 42 km. Damit ist die Schweiz nach Japan Bahnfahrernation Nummer 2 in der Welt.

Als rohstoffarmes und kleines Land hat sich die Schweiz auf weiterverarbeitende Industrien konzentriert. Berühmt ist die Schweiz für Uhren, Apparate und Präzisionsinstrumente. Später kamen die chemische beziehungsweise pharmazeutische Industrie hinzu und die haben heute weltweite Bedeutung.

Die größte schweizer Industrie ist aber gar keine, nämlich ihr Bankwesen. Die Neutralität und das legendäre Bankgeheimnis haben die Schweiz zu dem Welt-Finanzzentrum gemacht. In der Schweiz lagert das Geld sicher: Schweizer Banken unterscheiden nicht zwischen ehrlich oder unehrlich erworbenem Geld. Sie sind eben auch da neutral.

Die schweizer Finanzaufsicht ist mit dem Bankgeheimnis sonst so prinzipiell wie ein Bundesligatrainer mit den Laktatwerten. Aber als die größte schweizer Bank (USB) in den USA zur Zahlung eines Milliarden-Bußgelds und zur Offenlegung von 255 Kontendossiers wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung verurteilt wurde, wollte man den Entzug der Banklizenz in den USA nun doch nicht riskieren.

Natur und Umwelt

Zur Schweiz gehören nicht nur die Alpen mit 74 Bergen über 4000 Meter Höhe, sondern auch klare Seen, grüne Wiesen und Flüsse: Kein Wunder, dass die Schweiz zu den beliebtesten Touristengebieten in Europa gehört. Der Umgang des Staates mit der Natur ist allerdings widersprüchlich:

  • Die Schweiz hat zwar das Kyoto-Protokoll unterschrieben und bekommt besonders gute Zensuren für ihre internationale Umwelt- und Klimapolitik. Aber um der Regierung das Gestaltungsrecht für Natur und Umwelt zu sichern, erarbeitete sie ein Gesetz, dass das Beschwerderecht von Umweltorganisationen einschränkt.
  • Die Schweiz fördert zwar die Verlagerung des Straßenverkehrs auf die Schiene, beschließt aber gleichzeitig milliardenschwere Investitionen zum Ausbau von Fernstraßen und eine zweite Röhre durch den St. Gotthard.
  • Die Regierung sieht den Schutz der gefährdeten Alpen als ureigenes Anliegen, fördert aber im gleichen Atemzug den Ausbau von touristischen Anlagen und die Verbindung von Skigebieten.
  • Mit 9 Prozent ist der biologische Anbau in der Landwirtschaft vergleichsweise groß. Auf der anderen Seite ist der schweizer Konzern Nestlé öfter in Skandale verwickelt, als den Schweizern lieb ist.

Menschenrechte

Angesichts der Finanzkrise fühlt sich der Schweizer durch eine Zangenbewegung ausländischer Mächte bedroht. So sieht er auf der einen Seite Menschen muslimischen Glaubens, den Schweizern ihre Jobs wegnehmen und das Alpenpanorama mit Minaretten vollstellen. Von der anderen Seite sieht er gut ausgebildete Deutsche, die ehrliche Schweizer von gut dotierten Positionen verjagen. Das gilt allerdings nicht für reiche Fußball-Kaiser, Konzern-Patriarchen oder ehemalige Formel-1-Pensionäre, die ihre Einkünfte in einem schweizerischen Steuerparadies ausgeben und versteuern.

Besonderheiten

Die Schweiz ist nicht nur eine Bahnfahrernation, deren Züge auch im Winter - pünktlich - fahren, sondern liegt auch bei der Zulassung von Geländefahrzeugen ganz vorn. Das hat natürlich mit den hohen Bergen und steilen Straßen zu tun, mit denen es der Autofahrer besonders in Zürich zu tun hat. Deshalb heißen Geländewagen in schweizer Volksmund Züriberg-Traktoren.

(Autor: Harald Mörking)

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