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Paraguay: Die Klima-Weltmeister

Paraguay ist neben Bolivien das einzige Land Südamerikas, das keine Küstenlinie hat. Um Zugang zum Meer zu erobern, führte es im 19. Jahrhundert einen erbitterten Krieg gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay. Letztlich verlor Paraguay dadurch die Hälfte seines Territoriums und rund 90 Prozent der männlichen Bevölkerung. Als Mangelware entwickelten die männlichen Bewohner Paraguays einen ausgeprägten Machismo, der sich bis heute hält.

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Die Bevölkerung besteht zu 90 Prozent aus Mestizen, also Mischlingen aus Spaniern und den einheimischen Guaraní-Indianern. Verantwortlich dafür ist der erste Präsident nach der Unabhängigkeit im Jahr 1811: Der schrullige Mann erließ ein Gesetz, das den weißen Siedlern eine Heirat mit einem/r Guaraní vorschrieb, um eine "Einheitsrasse" zu bilden. Um dies konsequent durchzusetzen, war Ausländern während seiner Amtszeit von immerhin rund 25 Jahren das Betreten Paraguays bei Todesstrafe verboten. Später öffnete sich das Land jedoch Einwanderern von außen. Im 20. Jahrhundert siedelte sich auch eine große deutschsprachige Kolonie an. Der Diktator Alfredo Stroessner, der das Land über 30 Jahre beherrschte und seit 1989 im brasilianischen Exil lebt, ist deutschstämmig.

Geographie, Politik und Fußball

  • Fläche: 406.750 km2
  • Einwohnerzahl: 6,35 Millionen
  • Hauptstadt: Asunción
  • Amtssprachen: Spanisch und Guaraní
  • Staatsform: Präsidialrepublik
  • Paraguay hat sich zum dritten Mal hintereinander für die Fußballweltmeisterschaft qualifiziert, ist insgesamt zum siebten Mal dabei.

Wirtschaft

Wirtschaftlich geht es den Lateinamerikanern seit den 1990er Jahren mehr schlecht als recht - die private Kaufkraft dümpelt auf dem Niveau von 1980. Knapp die Hälfte der Paraguayos lebt unter der internationalen Armutsgrenze, ein Viertel sogar in absoluter Armut, während bei den reichsten 10 Prozent der Bevölkerung fast 45 Prozent des Einkommens hängen bleiben.

Für die Armen ist insbesondere die Schattenwirtschaft von großer Bedeutung. Paraguay gilt als südamerikanische Drehscheibe für Drogenschmuggel ebenso wie für Markenpiraterie im Elektronik- und Luxusartikelbereich. Der Internationale Phonoverband beklagte im letzten Jahr, dass in Paraguay 99 Prozent aller CD-Verkäufe illegal seien und das Land in Sachen Musikpiraterie noch vor Russland, China und Indonesien liege.

Wichtigster Wirtschaftssektor ist jedoch die Landwirtschaft. Produziert wird auf riesigen Farmen vor allem Soja für den Export. Das Getreide erwirtschaftet fast die Hälfte der Exporterlöse. Fleisch ist der nächstgrößere Devisenbringer. Allerdings gibt es in Ländern wie der EU oder den USA immer wieder Einfuhrverbote wegen der in Paraguay verbreiteten Maul- und Klauenseuche.

Eine weitere wichtige Einnahmequelle für Paraguay ist Strom: fast 40 Milliarden Kilowattstunden exportiert das Land pro Jahr. Gemeinsam mit Brasilien betreibt Paraguay das größte Wasserkraftwerk der Erde, Itaipú. Dort laufen 20 Turbinen mit insgesamt 14.000 MW Leistung. Paraguay deckt seinen Stromverbrauch zu nahezu 100 Prozent aus Wasserkraft und hat damit wahrscheinlich die beste Klimabilanz aller Teilnehmerländer.

Natur und Umwelt

Tatsächlich bläst jeder Paraguayo nur 900 Kilogramm CO2 im Jahr in die Atmosphäre. In Deutschland sind es mehr als zehn Mal so viel. Allerdings stieg die Menge der Emissionen in den letzten zwei Jahrzehnten stark an. Verantwortlich dafür ist zu 90 Prozent der Verkehrssektor.

Der nahezu unbewohnte Westen des Landes ist in weiten Teilen ein Naturparadies. Menschen meiden die Region schon wegen der Hitze, die dort im Sommer herrscht. Regelmäßig werden im Gran Chaco, zu dem auch Teile Boliviens und Argentiniens gehören, die heißesten Temperaturen in ganz Südamerika gemessen: mehr als 50 Grad Celsius. Die im Chaco vorherrschenden Savannen und Trockenwälder bieten vielen Pflanzen und Tieren ungestörte Rückzugsflächen. Über 300 Säugetierarten leben in Paraguay und beinahe 8.000 Pflanzenarten.

Unter Schutz stehen allerdings nur 16.500 Quadratkilometer oder vier Prozent der gesamten Landfläche - in Deutschland über 30 Prozent, darunter allerdings auch viele Landschaftsschutzgebiete. Der beste Schutz für die Umwelt Paraguays ist die geringe Bevölkerungsdichte von nur 15 Menschen pro Quadratkilometer. In der Chaco-Region hat statistisch sogar jeder Einwohner zwei Quadratkilometer für sich allein.

Ein Umweltproblem von noch unbekannten Ausmaßen ist die Aussaat genmanipulierter Soja. Obwohl offiziell in Paraguay erst seit Ende 2004 zugelassen, wurde das Saatgut bereits vorher illegal aus Argentinien über die Grenze gebracht. Die Schätzungen über den genmanipulierten Anteil an der Gesamtanbaufläche schwanken zwischen 50 und 70 Prozent.

Menschenrechte und Korruption

In der Diktatur unter Alfredo Stroessner 'verschwanden' nach offiziellen Angaben 400 Menschen, Amnesty International spricht hingegen von 3.000. Sie wurden gekidnappt, gefoltert und umgebracht. Das ist zum Glück Geschichte.

Die Art Behandlung ist jedoch offenbar auch in der Demokratie nicht ganz abgeschafft. Inoffiziellen Zahlen zufolge sind bis zu 50 Prozent der Wehrdienstleistenden minderjährig. Diese Jugendlichen desertieren immer wieder aus Armee und Polizeidienst, weil sie dort geschlagen und misshandelt werden. Die Untersuchung dieser Vorfälle obliegt jedoch ausschließlich den Militärbehörden, die Familien erfahren nichts über die Verfahren.

Um sein Recht durchzusetzen sind Bestechungen in Paraguay ganz alltäglich. Fast die Hälfte der Paraguayos gab bei einer Umfrage für Transparency International 2005 an, innerhalb der letzten 12 Monate Bestechungsgeld gezahlt zu haben. Entsprechend liegt Paraguay im Korruptionsindex von TI auf Platz 144 von 158.

Da überrascht es auch nicht, dass dem Fußballverband von Paraguay nachgesagt wird, er habe einen Großteil der von der FIFA zugeteilten Tickets an Geschäftemacher weiterverkauft. Die Tickets würden von diesen jetzt im Internet zu Mondpreisen angeboten.

(Autor: Helge Holler)

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