Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Nordkorea: zwei, drei Spieler mehr

Bei der Fußballweltmeisterschaft in England 1966 schlug der Außenseiter Demokratische Volksrepublik Korea zuerst den WM-Favoriten Italien und führte im Viertelfinale gegen Portugal in der 25. Spielminute mit 3:0. Eusebio, der durch seine vier Tore Portugal vor einer nationalen Katastrophe rettete, erklärte nach dem Spiel: Seinem Empfinden nach hätte Korea zwei, drei Spieler mehr auf dem Feld gehabt.

  • /

Disziplin und mannschaftliche Geschlossenheit gehören praktisch zur Staatsdoktrin Nordkoreas. Die koreanische Bevölkerung, die zu 99 Prozent aus Koreanern besteht, wurde in den letzten 60 Jahren von Vater Kim Il Sung und Sohn Kim Jong Il mit Gewalt und Propaganda zu einer Staatsmannschaft zusammengeschweißt, die jedes Opfer auf sich zu nehmen bereit scheint.

Geografie, Staat, Fußball

  • Fläche: 122.762 Quadratkilometer
  • Einwohner: 23.783.000
  • Hauptstadt: Pjöngjang
  • Amtssprache: Koreanisch
  • Staatsform: Volksdemokratie
  • Unabhängigkeit: 9. September 1948
  • Die nordkoreanische Nationalmannschaft nimmt zum zweiten Mal nach 1966 wieder an einem Weltmeisterschaftsturnier teil.

Wirtschaft und Politik

Nordkorea überstand den Krieg gegen die USA und Südkorea 1950 bis 1953 nur durch die direkte Unterstützung Chinas und durch die militärischer Hilfe der Sowjetunion. Mit beiden Ländern wurden zwar Beistands- und Freundschaftsverträge abgeschlossen, aber der Kopf der Partei der Arbeit Koreas, Kim Il Sung, ging schnell daran, die russischen und chinesischen Einflüsse in Staat und Partei auszuschalten. Kim Il Sung propagierte eine eigenständige koreanische Politik, die Juche (sprich: Tschutsche, aus eigener Kraft) genannt wurde. Er schwor die Koreaner auf eine Weltanschauung ein, nach der sie einem Volk angehörten, das einfach zu reinblütig und darum zu rechtschaffen sei, um in einer Welt von Feinden überleben zu können ohne die väterliche Führung durch einen Mann, der die koreanischen Tugenden am unverdorbensten verkörpere: Kim Il Sung.

Bis Anfang der 1970er Jahre wuchs die koreanische Wirtschaft, und das Land exportierte Landwirtschafts- und Industriegüter in die UdSSR, nach China und in die ostasiatischen Nachbarländer. Als durch die Ölkrise Nordkoreas Exporte sanken, beschloss Kim die Modernisierung der Schwerindustrie durch westliche Technologie und mit Hilfe westlicher Kredite. Durch die sinkenden Exporterlöse konnten die Kredite nicht mehr bedient werden. Korea geriet in eine Schuldenfalle.

Weil Kim Il Sung westlichen Einfluss fürchtete, steuerte er auf eine Autarkiepolitik um: Ausdehnung der Landwirtschaft durch die Gewinnung neuer Anbauflächen, Ausbau des Transportwesens sowie der Elektrizitätsversorgung und die Verpflichtung der Bevölkerung auf koreanische Produkte.

Mit der Auflösung des Ostblocks blieben nicht nur die wirtschaftlichen Hilfen aus China und Russland aus, beide Länder kündigten auch ihre militärischen Beistandsverpflichtungen gegenüber Nordkorea. 1994 starb Kim Il Sung, und sein Sohn Kim Jong Il trat die Nachfolge an. Als Antwort auf die drohende politische und wirtschaftliche Isolation rief Kim Jong Il die Songun-Politik aus: Alle politischen und wirtschaftlichen Aktivitäten hatten sich der militärischen Verteidigungsbereitschaft Nordkoreas unterzuordnen. Dabei nahm die Regierung nicht nur in Kauf, dass die nordkoreanische Bevölkerung nicht mehr ausreichend ernährt werden konnte.

Im Rahmen der Songun-Politik unternahm Nordkorea auch alle Anstrengungen, um in den Besitz der ultimativen Waffe, der Atombombe, zu kommen. Und zog sich damit die prinzipielle Feindschaftserklärung seitens der USA zu. Der CSU-Politiker Gauweiler, Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, vermutete nach einem Besuch Nordkoreas ein Kalkül: Tatsache ist aber, dass die Angriffe seit dem Irakkrieg diesen Staaten, die auf der Kippe stehen, auch deutlich gemacht haben: Wer Atomwaffen hat, ist von derartigen Schlägen verschont.

Natur und Umwelt

Noch vor 20 Jahren waren 74 Prozent der Fläche Nordkoreas bewaldet, der größte Teil davon Hangwälder. Seitdem sind durch Abholzung für den Brennstoffbedarf, aber auch durch Waldbrände und Insektenfraß große Teile der Waldgebiete zerstört. Die Abholzung führte zur Austrocknung ganzer Landstriche. Zusammen mit dem steigenden Wasserbedarf in der Landwirtschaft durch die Ausweitung der Anbauflächen leidet Korea unter Problemen mit der Wasserversorgung.

Da Energie zum größten Teil mit Kohlekraftwerken erzeugt wird, gibt es wachsende Probleme mit der Luftqualität. Ungeklärte Abwässer und die Überdüngung der Böden verunreinigen in steigendem Maße die Flüsse.

Menschenrechte und Korruption

Ob es Korruption in Nordkorea gibt, weiß man nicht. Wer sollte auch darüber berichten? Die Presse funktioniert als reines Propagandainstrument. Die wenigen ausländischen Journalisten, die das Land bereisen dürfen, werden auf Schritt und Tritt betreut. Einer amerikanischen Journalistin wurde unmissverständlich erklärt: Schreiben Sie nur Gutes über uns. Dann werden Sie auch wieder eingeladen.

Der Staat Nordkorea unterhält mehrere Arbeitslager, in denen Menschen ohne Prozess jahrelang verschwinden, wenn sie als feindliche Elemente angesehen werden. Ein konkretes Vergehen gegen ein Gesetz ist nicht notwendig.

Besonderheiten

Der Artikel 64 der Verfassung der Demokratischen Volksrepublik Korea lautet: Der Staat garantiert allen Bürgern wahrhaft demokratische Rechte und Freiheiten, ein hohes materielles und kulturelles Lebensniveau, ein glückliches Dasein.

(Autor: Harald Mörking)

Weiterführende Publikationen zum Thema

Mehr zum Thema

Ausgehandelt?

Es ist ruhig geworden um TTIP und CETA. Interessieren Handelsabkommen in Zeiten von Schutzzöllen nicht mehr? Doch! Greenpeace-Sprecher Christoph von Lieven sagt, wie es weitergeht.

Unternehmen Verantwortung

Großkonzerne können ungestraft Steuern hinterziehen, die Umwelt vergiften und Menschenrechte verletzen, so ein Greenpeace-Report. Er zeigt auch, wie das geändert werden kann.

Kuhhandel

Auto gegen Rind – so der Deal eines Handelsabkommens zwischen EU und Lateinamerika. Schlecht für Verbraucher und Umwelt, das zeigen von Greenpeace Niederlande geleakte Dokumente.