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Kamerun: begehrte Kicker

Die unbezähmbaren Löwen: Mit ihrem Teamnamen tragen die Fußballspieler Kameruns ganz schön dick auf. Das dürfen sie auch. Immerhin waren sie schon fünfmal Teilnehmer einer Fußball-WM - häufiger als jede andere afrikanische Nation. Und diesmal, in Afrika, rechnen sich die Löwen ganz besondere Chancen aus.

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Land und Leute

Kamerun ist ein Sammelsurium von über 200 verschiedenen Volksstämmen, deren Sprachen, ihren Bräuchen. Diese Vielfalt kontrastiert auffallend mit der Politik: Der Staat wurde seit seiner Unabhängigkeit 1960 nur von zwei Präsidenten regiert. Seltener wechseln wohl nur die Kubaner ihr Staatsoberhaupt. Vielleicht ist 2011 die Zeit für einen Dritten gekommen, dann wird gewählt.

Während der 1980er Jahre, als der Ölboom dem Land reiche Einnahmen bescherte, galt Kamerun als afrikanisches Musterland. Aber schon Anfang der 1990er ließen ein aufgeblähter Staatsapparat, pharaonische Prestigeprojekte und eine Verschlechterung der außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen das Land unter seiner Schuldenlast zusammenbrechen. Mehrere Strukturanpassungsprogramme des IWF später, im Jahr 2006, wurde Kamerun immerhin ein Großteil seiner Auslandsschulden erlassen.

Der Bevölkerung geht es dadurch nicht besser. Offiziell leben 20 Prozent der Kameruner unterhalb der Armutsgrenze, tatsächlich sind es wahrscheinlich doppelt so viele. Nur rund zwei Drittel der Menschen können schreiben, zu sauberem Trinkwasser hat im Landesdurchschnitt nur jeder zweite Zugang, im trockenen Norden sogar nur ein Drittel. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt nur 51 (Männer) bzw. 52 (Frauen) Jahre.

Geografie, Politik und Fußball

  • Fläche: 475.000 Quadratkilometer
  • Einwohnerzahl: 18,6 Mio.
  • Hauptstadt: Yaoundé
  • Amtssprache: Französisch (80%), Englisch (20%) und mehr als 200 lokale Sprachen und Dialekte
  • Staatsform: Präsidialrepublik
  • Fünfmal Teilnehmer an einer WM, viermal Afrikameister: Die Kameruner können kicken. Das sehen auch die europäischen Clubs so, bei denen ausnahmslos alle Spieler der Nationalmannschaft unter Vertrag stehen.

Wirtschaft

Die Landwirtschaft ist der wichtigste Sektor. Kakao, Kaffee, Bananen, Baumwolle, Kautschuk und Tee gehören zu den wichtigsten Produkten. Und natürlich Holz: Das grüne Gold macht allein 16 Prozent der Exporterlöse des Landes aus. Da ist die Versuchung zur Übernutzung leider groß.

Neben grünem gibt es in Kamerun auch noch schwarzes Gold: Erdöl. Das wird seit den 1970er Jahren gefördert, die Fördermenge hatte ihren Zenit aber schon 1986 erreicht. Seitdem sinkt die Produktion. Heute bildet Kamerun das Schlusslicht bei der Ölförderung innerhalb der Region. Trotzdem ist Öl für die Wirtschaft des Landes noch wichtiger als Holz: Fast ein Drittel der Exporterlöse stammen aus dem Handel mit dem Brennstoff.

Natur und Umwelt

Nur sechs Prozent der Landfläche Kameruns stehen unter Naturschutz. Von den ursprünglichen Wäldern bleibt derzeit gerade einmal ein Fünftel - und die Reste schwinden schnell. Von staatlicher Seite ist wenig Hilfe zu erwarten: Hohe Militärs und Regierungsbeamte bis hin zum Sohn des Präsidenten stecken mit in der Holzmafia. Den Forstinspekteuren werden zwar bisweilen Motorräder gestellt, aber Benzin dafür haben sie keins.

Dabei ist Kamerun mit Naturschätzen reich gesegnet. Das Land vereint eine überbordende Artenvielfalt, fast alle Klimazonen Afrikas - darunter mit bis zu 11.000 Millimetern Niederschlag pro Jahr eines der regenreichsten Gebiete der Erde - und einen reichen Vorrat an Bodenschätzen. Letztere sind aber häufig mehr Fluch als Segen. Besonders kontrovers war der Bau einer 1.000 Kilometer langen Erdöl-Pipeline von Tschad bis an die Küste Kameruns. Für die Pipeline wurden zwischen 2000 und 2003 im Auftrag von ExxonMobil und ChevronTexaco breite Schneisen durch bis dahin unberührten Regenwald geschlagen.

Korruption und Menschenrechte

In einer Disziplin waren die Kameruner schon mal Weltmeister: 1999 bezeichnete Transparency International das Land als das korrupteste der Welt. Einige Verbesserungen - aktuell steht Kamerun auf Rang 146 von 180 - können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Korruption immer noch ein ganz wesentliches Problem darstellt. Insbesondere die staatliche Bürokratie schlägt ihre Prozente auf alles, was geht - sei es bei der Eröffnung eines Geschäfts, beim Kauf oder Verkauf von Immobilien oder dem Im- und Export am Hafen von Douala,

Wenn die Proteste zu laut werden, greifen Polizei und Militär schnell zur Waffe. Mindestens 100 Menschen starben 2008 nach Unruhen wegen ständiger Preiserhöhungen. Willkürliche Festnahmen von Oppositionellen, Homosexuellen oder kritischen Journalisten sind ebenso an der Tagesordnung. Journalisten riskieren bei missliebigen Berichten über die Staatsführung darüber hinaus, wegen Verleumdung verklagt und zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt zu werden.

Ob die Löwen Krallen haben oder als zahme Bettvorleger landen, sehen wir ab dem 14.6. Dann startet die WM für die Mannschaft mit dem Spiel gegen Japan.

(Autor: Helge Holler)

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