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Ihre Häuser, ihre Infrastruktur - alles versinkt im Schlamm

In Indonesien versinkt eine Region in heißem Schlamm. Harald Zindler hat sich auf der Insel Java mit eigenen Augen von der dramatischen Situation überzeugt. Zindler war einer der Gründer von Greenpeace Deutschland, hat als Geschäftsführer und Aktionsleiter für den Verein gearbeitet. Derzeit baut er das noch junge Greenpeace-Büro in Indonesien auf. Die Online-Redaktion hat ihn zur Lage auf Java befragt.

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Greenpeace-Online: Harald, du bist am Ort der Katastrophe gewesen. Was hast du dort gesehen und wie schätzt du die Situation ein?

Harald Zindler: Es ist wirklich unglaublich. Wir sind mit einem Helikopter über den Schlamm geflogen, dann sieht man erst das gesamte Ausmaß der Katastrophe. Unsere Bilder sind jetzt auch von Spiegel Online verwendet worden, als Videomaterial. In Sidoarjo ist inzwischen eine riesige Fläche, 350 bis 450 Hektar, von Schlamm bedeckt. Das ist ungefähr die Größe eines Flughafens.

Man hat Deiche aufgeworfen, um das weitere Ausbreiten des Schlammes zu verhindern. Wir waren mit dem Hubschrauber ganz nah dran und hatten das Gefühl, die Hölle hat sich aufgetan. Es qualmt, es ist 140 Grad heiß, was da rauskommt. Heißes, ganz ganz dünnflüssiges Material. Zu 70 Prozent besteht es aus Wasser. Der Schlamm kommt in solchen Mengen aus der Erde, dass die Deiche auf die Dauer nicht halten können.

Greenpeace-Online: Was wird getan, um diese Mengen zu bewältigen?

Harald Zindler: Bisher lassen sie das ablaufende Wasser über einen Kanal in den Fluss laufen. Jetzt wollen sie versuchen, auch den Schlamm in den Fluss abzuleiten.

Das ist aus verschiedenen Gründen ein Riesenproblem: Der Fluss hat keine starke Strömung, der kann das gar nicht alles abtransportieren. Da werden sich Schlammbänke bilden. Und dann drohen natürlich auch dort am Fluss die Deiche zu brechen. Man möchte das mit Spülvorgängen von unten wegschaffen und in den nahen Ozean ableiten. Der ist etwa zehn Kilometer entfernt.

Aber selbst wenn das klappt: Noch weiß niemand, welche Auswirkungen die Einleitungen auf den Fluss und das Meer haben können. Wir haben Proben genommen und lassen sie gerade in unserem Greenpeace-Labor in Exeter analysieren.

Greenpeace-Online: Wie lange können die Deiche die Massen überhaupt halten?

Harald Zindler: In der Mitte, dort wo es immerzu raussprudelt, hat sich ein etwa 14 Meter hoher Berg gebildet. An den Deichen ist die Schicht bis zu sechs Meter tief. Nun wird auch noch die Regenzeit kommen. Die kann jeden Tag einsetzen. Dann werden die Deiche natürlich noch mehr durchweicht. Und dann gibt es kein Halten mehr, können keine Maschinen mehr eingesetzt werden. Die Bagger können nicht arbeiten. Alles versinkt. Und diese Sanddeiche können nicht erhöht oder umgebaut werden.

Alles ist eine graue, flüssige Masse. Man hat schon von einem Pompeji gesprochen, nur dass diesmal keine heiße Asche sondern heißer Schlamm austritt. Man steht auf einem fünf, sechs Meter hohen Deich und direkt neben einem ist eine brodelnde Masse. Und man realisiert: Wenn das jetzt durchbricht, dann kommt man gar nicht mehr zurück. Man kann durch Wasser laufen, aber nicht durch heißen Schlamm.

Greenpeace-Online: Was passiert mit den Menschen? Wie wird ihnen geholfen?

Harald Zindler: Das ist ein riesiges soziales Problem. Bis jetzt mussten schon 10.000 Leute ihre Häuser verlassen. Aber rundherum gibt es noch viele dicht besiedelte Gebiete. Es gibt gar keine Wahl: Die Menschen müssen weg.

Die Leute haben Angst wegzugehen. Wer gibt ihnen denn einen neuen Platz zum Leben? Und wo? Sie hatten sich dort eingerichtet, jeder wusste, wie er sein tägliches Brot verdienen konnte, und jetzt müssen sie alle weg. Sie haben um die 500 Euro vom Staat bekommen, damit sie sich ein bis zwei Jahre woanders einmieten können, und ein paar Euro für Verpflegung. Das ist im Moment alles. Ihre Häuser, ihre Infrastruktur - alles versinkt im Schlamm. Die Betriebe, die ihnen Arbeit und Brot gegeben haben, sind im Schlamm versunken. Man sieht die Hallen noch, ihre Dächer gucken aus dem Schlamm. Das betrifft Zehntausende. Zehntausende zerstörte Existenzen.

Greenpeace-Online: Was ist über die Ursache des Desasters bekannt?

Harald Zindler: Es ist beim Bohren nach Öl passiert. Dabei geschieht es sehr häufig, dass man in eine Gasblase reinbohrt, die unter Druck steht. Das ist das Normalste der Welt. Gegen diese Blow-outs, das muss kein Schlamm sein, installiert man Sicherheitsysteme, und das ist natürlich teuer. Es heißt, dass sie die Kosten hier eingespart haben.

Es ist fürchterlich. Wenn man so etwas sieht, kommt eine gewisse Hilflosigkeit auf. Im Moment sind wir hier Zeugen. Wir möchten in erster Linie etwas für die Menschen erreichen. Und natürlich auch für die Umwelt. Aber Entscheidungen darüber, ob Deiche geöffnet werden, können wir natürlich nicht treffen. Daran können wir uns auch nicht beteiligen. Das müssen die Menschen tun, die dort leben, zusammen mit denen, die die Verantwortung tragen.

Die Regierung hat die Verantwortung für alle Maßnahmen übernommen, die jetzt ergriffen werden müssen. Die Firma soll bezahlen. Ich hoffe, dass sie das tut, also für den Schaden aufkommt. Aber das Leid, das jetzt schon da ist und das noch kommen wird, ist jetzt noch gar nicht abzusehen.

Greenpeace-Online: Welche Umweltfolgen sind zum jetzigen Zeitpunkt zu erkennen?

Harald Zindler: Rundherum befinden sich Shrimpsfarmen, es gibt eine intensive Fischerei in der Umgebung. Außerdem wird das Grundwasser kontaminiert, das ist nicht mehr zu vermeiden. Je nach geologischer Beschaffenheit und Strömung können die Substanzen sich auch über das Grundwasser weiter verbreiten. Da können viele Menschen ihre Brunnen nicht mehr benutzen.

Außerdem sackt der Boden dort ab, um drei Zentimeter im Monat. Das Loch scheint sich allmählich zu erweitern. Im Moment wird es also immer noch schlimmer. Wir müssen hoffen, dass es mit der Zeit weniger wird, aber diese Ausstöße können so groß sein, dass sie über 10, 60, 100 Jahre weitergehen.

Greenpeace-Online: Was macht Greenpeace vor Ort?

Harald Zindler: Wir dokumentieren das alles. Außerdem haben wir Schlamm zum Sozialministerium nach Djakarta gebracht. Denn Minister Bakrie ist der Besitzer der Firma, die das Desaster verursacht hat. Wir haben mehr Anstrengungen gefordert, um diesen Ausstoß zu stoppen, der Mensch und Natur so stark in Mitleidenschaft zieht. Minister Bakrie gehört laut Forbes einer der reichsten Familien Indonesiens an. Den hat am Ort des Geschehens noch keiner gesichtet, dabei ist er als Sozialminister für die Gesundheit der Menschen zuständig. Auf unserem Banner stand: Mr. Bakrie, stop the mud or the mud stops you [Stoppen Sie den Schlamm oder der Schlamm stoppt Sie].

Natürlich muss man darauf hinweisen, wer verantwortlich ist. Aber vor allem muss jetzt alles getan werden, um zu helfen. Wenn ein Schiff sinkt, dann rettet man erstmal die Menschen. Wer die Schuld trägt, klärt man hinterher. Hier geht es darum, diesen Schlammfluss zu stoppen, wie auch immer, um den Menschen und der Umwelt zu helfen. Sonst trifft der Schlamm die Entscheidung.

Wir fordern Experten in aller Welt auf, sich zu melden, wenn sie Ideen zur Lösung des Problems haben. Wir leiten das dann selbstverständlich weiter und stellen den Kontakt zu den Verantwortlichen her. Mehr können wir im Moment nicht tun.

Greenpeace-Online: Harald, vielen Dank für das Gespräch.

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