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Honduras: Land der Gegensätze

Die Catrachos - so der Spitzname der Honduraner - nehmen erst zum zweiten Mal an einer Fußball-WM teil. Doch schon das macht die Nation mächtig stolz. Denn sonst gab es im letzten Jahr wenig, über das sich die Menschen im Land freuen konnten.

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Land und Leute

Honduras war bereits vor der Ankunft von Europäern auf dem Kontinent Teil der Hochkultur der Maya. Die Stadt Copán im Westen des Landes beherbergt die informativste Pyramide über diese Kultur mit über 2500 Glyphen. Doch schon die Spanier unter Hernán Cortés führten einen blutigen Krieg gegen die Urbevölkerung, um Bergwerke für die Goldgewinnung zu installieren. Im 20. Jahrhundert waren es die US-Amerikaner und ihre mächtigen Fruit Companies, die das Land zur größten Bananenrepublik machten und die Gewinne selbst einstrichen. Heutzutage sind es internationale Textilketten, die in Sweatshop-Betrieben Markenartikel zu Spottpreisen herstellen lassen und häufig genug die Rechte der Arbeiterinnen mit Füßen treten.

Oft werden die Frauen auch direkt misshandelt. Honduras ist zusammen mit anderen zentralamerikanischen Staaten Weltspitze darin. Nicht selten sind es die eigenen Ehemänner - sofern die ihre Frauen nicht schon verlassen haben. Denn auch darin ist Honduras Spitze: 80 Prozent der Kinder wachsen mit nur einem Elternteil - meist der Mutter - auf.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Das Fehlen der Familienbande wird ersetzt durch mafiaähnliche Jugendbanden, Maras genannt. Diese betreiben Waffen- und Drogenhandel, Prostitution, Autoschiebereien, Auftragsmorde. Sie bekämpfen sich rücksichtslos untereinander, terrorisieren und kontrollieren bisweilen ganze Städte. Die größten Maras haben Schätzungen zufolge bis zu 100.000 Mitglieder und arbeiten sogar grenzübergreifend in ganz Zentralamerika. Für Jugendliche in Honduras ist Mord daher die häufigste Todesursache. Insgesamt starben im letzten Jahr nach offiziellen Statistiken 5.265 Menschen in Honduras eines unnatürlichen Todes. Bezogen auf die Bevölkerungszahl des Landes ist das ein trauriger Weltrekord.

Ebenfalls hoch ist die Zahl der Militärputsche: In den ersten 150 Jahren seit seiner Unabhängigkeit sollen es 125 gewesen sein. Nach Jahren der relativen Stabilität entmachtete das Militär im Verein mit dem Kongress auch im letzten Jahr den gewählten Präsidenten Manuel Zelaya. Dieser wollte wenige Monate vor seinem Amtsende eine Volksabstimmung über eine Verfassungsänderung durchsetzen, die ihm eine zweite Amtszeit ermöglicht hätte. Beides ist in der Verfassung nicht vorgesehen. Seit Januar 2010 regiert mit Porfirio Lobo ein neuer Präsident - Zelaya ging ins Exil.

Geografie, Politik und Fußball

  • Fläche: 112.492 km2
  • Einwohnerzahl: 7,6 Mio.
  • Hauptstadt: Tegucigalpa
  • Amtssprache: Spanisch
  • Staatsform: Präsidialrepublik
  • Fußball: Die Mannschaft aus Mittelamerika nimmt erst zum zweiten Mal an einer WM teil, zuletzt vor 28 Jahren in Spanien.

Wirtschaft

Einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren für Honduras sind Überweisungen von den rund 1 Million Landsleuten, die im Ausland leben. Im Jahr 2008 waren diese höher als der gesamte Haushalt der Zentralregierung. Im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise sind sie aber 2009 um rund 12 Prozent zurückgegangen.

Der Reichtum des Landes ist extrem ungleich verteilt: Die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung müssen mit 3,4 Prozent der Einkommen leben, während die reichsten 20 Prozent fast 60 Prozent der Gehälter einstecken. Die Hälfte des Ackerlandes gehört nur 3,7 Prozent der Farmer.

Angebaut wird, was sich international vermarkten lässt: Kaffee, Bananen, Ananas. Auch Shrimps und Tilapia (gehört zu den Buntbarschen) zählen zur Handelsware. Kleinbauern betreiben häufig Subsistenzwirtschaft mit Mais und Bohnen. Die Industrie besteht hauptsächlich aus Maquila-Betrieben, in denen unter anderem Textilien, Elektronik und andere Konsumgüter für den Export hergestellt werden. Diese operieren in der Regel in steuerbefreiten Zonen, tragen so also nur wenig zum Volkseinkommen bei. Dennoch sind die Arbeiter und Arbeiterinnen dort meist froh, überhaupt einen Job zu haben. Denn arbeitslos oder unterbeschäftigt sind fast vier von zehn Honduranern.

Große Pläne hat die Regierung hinsichtlich des Tourismus: Mit karibischen Traumstränden und Tauchquartieren, Überresten uralter Kulturen, dazu einem ganzjährig milden Klima bietet sich das geradezu an.

Natur und Umwelt

Honduras beherbergt den größten noch intakten Regenwald Mittelamerikas und macht Fortschritte bei dessen Schutz. Insgesamt 55 Schutzgebiete gibt es im Land. Das ist auch nötig, um die enorme Artenvielfalt des Landes zu erhalten. Angesichts der von Bergen durchzogenen Region gibt es viele Arten nur in einem einzigen Tal. Mehr als 8.000 Pflanzen- und knapp 1.000 Tierarten (ohne Insekten) beherbergt das Land auf einer Fläche, die nur knapp größer ist als Bayern und Baden-Württemberg zusammen.

Der karibischen Küste vorgelagert ist zudem ein Teil des zweitgrößten Korallenriffs der Welt. Das Mesoamerikanische Riff reicht von den honduranischen Islas de la Bahía bis nach Mexiko im Norden. Es gilt als hervorragendes Tauchquartier. Zahlreiche seltene Arten leben sowohl im Wasser wie auf den Inseln. Das Riff bildet einen wichtigen Schutz für die Küste, zum Beispiel vor Stürmen, die die Region immer wieder heimsuchen.

Der Klimawandel bedroht das Land daher in besonderem Maße. Dabei tragen die Bewohner selbst dazu nur wenig bei: Die Kohlendioxidemissionen pro Kopf belaufen sich auf rund eine Tonne im Jahr - ein Zehntel eines Durchschnittsdeutschen. Allerdings werden noch zwei Drittel der Energie aus importiertem Öl und Gas gewonnen, was angesichts der ohnehin schlechten Devisenlage des Landes aber auch der Möglichkeiten zur Nutzung alternativer Energiequellen dringend geändert werden muss.

Korruption und Menschenrechte

Korruption und Machtmissbrauch sind weitverbreitete Phänomene in Honduras. Von Maquila-Arbeiterinnen wird berichtet, dass sie bisweilen mehr als 12 Stunden schuften müssen, ohne dass Überstunden bezahlt werden. Ein Toilettengang ist nur einmal während dieser Zeit genehmigt. An jedem Morgen werden die Zeiten dafür per Losverfahren festgelegt. Wer sein häufig unrealistisch hohes Arbeitspensum nicht schafft, wird beschimpft oder bedroht - auch körperliche Gewalt wird eingesetzt. Wer sich gewerkschaftlich organisiert, um die Zustände zu verbessern, muss mit Entlassung oder gar der Ermordung rechnen. Auch von schwarzen Listen ist die Rede, die es für die darauf Festgehaltenen unmöglich machen, von einer anderen Firma eingestellt zu werden.

In den ersten Monaten dieses Jahres hat sich Honduras darüber hinaus zum weltweit gefährlichsten Land für Journalisten entwickelt. Sieben Morde innerhalb von sechs Wochen lassen an Pressefreiheit gar nicht denken. Die Angst vor Repression ist wie eine Schere im Kopf: Gefährliche Themen werden gar nicht mehr aufgegriffen. Dazu gehört insbesondere die Berichterstattung über die Maras und deren Geschäfte, aber auch viel, was mit dem Putsch des Militärs zu tun hat. Etliche Journalisten sind bereits ins Ausland geflohen.

Das tun Jahr für Jahr Tausende ihrer Landsleute. Viele versuchen, illegal in die USA zu gelangen. Auf dem Landweg, denn Flugtickets sind für die Mehrheit der Bevölkerung unerschwinglich. Die Catracho-Kicker werden daher aller Voraussicht nach trotz aller Begeisterung nur eine sehr kleine Fangemeinde mit nach Südafrika bringen. Das Land hat dort noch nicht einmal eine diplomatische Vertretung.

(Autor: Helge Holler)

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